Priesterweihe mit 65
Der perfekte Rahmen für eine ungewöhnliche Premiere. Eine kleine Gruppe von Gläubigen hat sich in der Kirche des Zisterzienserinnenklosters auf der norwegischen Insel Tautra eingefunden, um einen ganz besonderen Anlass zu feiern: Egil Mogstad zelebriert seine erste heilige Messe - und das mit 65 Jahren.
Routiniert wie ein alter Hase führt der Priester-Neuling durch den Gottesdienst. Doch ein wenig scheinen seine Hände dann doch zu zittern, als Egil den Kelch am Altar in die Höhe hält: "Es ist verrückt", gibt er bei einem kleinen Empfang nach dem Gottesdienst mit einem Lachen zu, "ich kenne die Texte seit Jahren auswendig, allerdings in Norwegisch, Französisch und auf Latein - und als ich da vorne stand, waren auf einmal alle Sprachen da!" Doch nun ist der pensionierte Lehrer erst einmal nur glücklich und genießt den frisch gebrühten Kaffee mit ein paar selbstgebackenen Plätzchen der Ordensschwestern. "Ein guter Kaffee und liebe Freunde - dafür hat sich das frühe Aufstehen heute doch gelohnt", sagt er.
Mein Leben hatte schon sehr viele Umwege parat - ich nenne sie heute 'goldene Nebenstraßen'.
Egil Mogstad
Endlich scheint er am Ziel zu sein. Im Nachhinein sieht Mogstad sein Leben auf genau diesen Punkt zulaufen, auf diese Messe und auf seine Weihe tags zuvor in der einstigen Kathedrale von Trondheim. Die Strecke dorthin sei halt nicht ganz so gerade und direkt wie bei vielen anderen Priestern: "Mein Leben hatte schon sehr viele Umwege parat", gibt er mit einem Schmunzeln im Gesicht zu, "ich nenne sie heute 'goldene Nebenstraßen'".
Erstmals seit dem Mittelalter
Gerade durch diese Umwege hat Mogstad vor kurzem ungeplant norwegische - vielleicht sogar europäische - Geschichte geschrieben: Er ist der erste katholische Priester, der in einer evangelischen Bischofskirche zum Priester geweiht worden ist. Der Nidarosdom ist zudem das Nationalheiligtum der Norweger, und so titelte eine Tageszeitung auf ihrer Internetseite: "Das gab es seit dem Mittelalter nicht mehr" und stellte einen viertelstündigen Videobeitrag dazu online.
"Dass ich im Nidarosdom geweiht wurde, habe ich meinen Freunden in der evangelischen Gemeinde zu verdanken. Ich hätte mich nie getraut, danach zu fragen", betont Mogstad. Freunde, die der agile Rentner noch aus seiner Zeit als evangelischer Theologe kennt. Denn Egil Mogstad war schon einmal zwei Jahre lang Geistlicher in der Gemeinde am Nidarosdom, eine der vielen Zwischenstationen auf dem Weg zum Altar in Tautra. Im Alter von 19 Jahren begann der Norweger sein Kunststudium in Paris. Dort kam er bald mit Dominikanern in Kontakt, die seinem Leben eine entscheidende Wendung gaben: Gott wurde zum Zentrum seines Lebens.
Schon im folgenden Jahr wechselte er an die Theologische Fakultät in Oslo, um sich zum evangelischen Pfarrer ausbilden zu lassen. Zu seinen Studienkollegen gehörte damals auch Bernt Ivar Eidsvik, der ihn vierzig Jahre später zum katholischen Priester weihen sollte. Doch die Zeit hatte noch einige Umwege für ihn parat: "Ende der sechziger Jahre war es in Norwegen einfach noch undenkbar, die Konfession zu wechseln", erklärt Mogstad, auch wenn er schon damals eine Nähe zur katholischen Kirche gespürt habe. 1973 schloss er sein Studium ab und wurde im darauffolgenden Jahr Kaplan in der lutherischen Gemeinde am Nidarosdom in Trondheim. Gleichzeitig arbeitete er als Lehrer in der dortigen Kathedralschule. Ständige Besuche im Dominikanerkloster von Paris bestärkten ihn jedoch in dem Entschluss zu konvertieren.
Im August 1976 legte er schließlich sein Amt nieder und konvertierte im September in Oslo zum katholischen Glauben. Nach vier Jahren als Novize im Dominikanerkonvent von Paris und Straßburg kehrte er zurück nach Trondheim und wurde erneut Lehrer an der Kathedralschule – auch für Religion, das in Norwegen als Fach für Ethik und Lebensanschauung unterrichtet wird und nicht an eine Konfession gebunden ist.
Rentner ohne Ruhestand
2012 ging er in Rente, aber nicht in den Ruhestand. Nach seiner Pensionierung nahm Mogstad ein Fernstudium am Pariser Institut Catholique auf, mit dem er seine theologischen Studien vervollständigte, und so verbrachte er wieder einmal mehr Zeit in Paris als in seiner Heimatstadt Trondheim. Gleichzeitig kümmerte er sich in einem Team um die Planung des Neubaus der katholischen Kirche in Trondheim, denn die baufällige Kirche war schon lange zu klein geworden für die stetig wachsende katholische Gemeinde. Durch den Zuzug vieler Gastarbeiter hat sich die Zahl der Gläubigen in wenigen Jahren verdoppelt, und sonntags werden deshalb in der Sankt-Olavs-Kirche nicht selten fünf Gottesdienste in drei oder mehr Sprachen gefeiert. Kein Zustand auf Dauer - eine neue Kathedrale soll entstehen.
Mogstadt ist sich aber durchaus der Verantwortung bewusst: "Wir können hier in unmittelbarer Nachbarschaft des Nidarosdomes aber nicht einfach irgendein Gebäude hinsetzen", sagt er, "die neue katholische Kathedrale muss natürlich auch optisch gut mit unserer großen Schwester harmonieren." Gute Zusammenarbeit pflegen die beiden Konfessionen ohnehin schon seit längerer Zeit - sei es bei der Pilgertradition, aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen oder gemeinsamen Festen wie den Olavstagen im Juli jeden Jahres. "Der Heilige Olav ist ja weder katholisch noch evangelisch. Er starb als Christ für uns alle hier in Norwegen."
Mogstads Weihe zum Diakon stand in enger Verbindung zum Heiligen Olav und fand ebenfalls bereits an einem ungewöhnlichen Ort statt: In dem kleinen Städtchen Stiklestad, nördlich von Trondheim, wurde der norwegische König und Nationalheld Olav Haraldsson im Jahr 1030 in einer Schlacht getötet. Dies gilt als Beginn des Christentums in Norwegen: Olav wurde schon bald heilig gesprochen und Stiklestad zum nationalen Wallfahrtsort. "Auch wenn es ein symbolträchtiger Ort für alle norwegischen Christen egal welcher Konfession ist", erklärt der ehemalige Lehrer, "so war meine Weihe in der Kirche von Stiklestad schon außergewöhnlich."
Auf evangelischem Boden geweiht
Und doch geht es noch ungewöhnlicher: Als ehemaliger evangelischer Geistlicher am Nidarosdom liegt Egil Mogstad in genau dieser Kathedrale auf dem Boden, um die Weihe als katholischer Priester zu empfangen. In einer Zeit, in der in Norwegen die evangelische Kirche eine immer kleinere Rolle spielt, ist der Dom voll besetzt – und keineswegs nur mit Katholiken. Kämpfe und Gräben zwischen den beiden Konfessionen scheinen in diesen Momenten nur noch Erinnerungen in Geschichtsbüchern zu sein. Umwege wurden hierbei wohl auch zu Verbindungswegen. "Meine Kontakte sind über die Jahre nie abgebrochen", betont Mogstad, "im Gegenteil: Auch in meiner Zeit im katholischen Pfarrgemeinderat und Kirchenchor habe ich bei der Ausbildung der evangelischen Kantoren mitgewirkt."
Zu allererst sind wir alle Christen - und dann können wir schauen, wie wir unseren Glauben am besten leben.
Egil Mogstad
Erst wenige Wochen zuvor habe er dem evangelischen Chor "Schola Sanctae Sunnivae" mit einer Partitur geholfen und den alten lateinischen Text übersetzt, "damit sie auch verstehen, was sie in diesem Stück singen". Und so bestand die Dekanin des Nidarosdoms, Sindre-Jacob Bostad, darauf, während der Priesterweihe mit ihrem Chor genau dieses Lied zu singen. "Das hat mich natürlich riesig gefreut!" Mogstad liebt diese Choräle: "Aber manchmal höre ich auch gerne Led Zeppelin." Und wieder huscht ein verschmitztes Lächeln über das Gesicht des "Jung-Priesters".
Kleine Freuden und ernste Themen: Diese beiden Seiten des Lebens gehören für ihn eng zusammen. Und so sind seine Gedanken schnell wieder von "Stairway to Heaven" bei der Kirche Norwegens: "Zu allererst sind wir alle Christen - und dann können wir schauen, wie wir unseren Glauben am besten leben." Und so hofft er, dass sein verschlungener Lebensweg nicht trennt, sondern ein Zeichen der Hoffnung für die Ökumene in Norwegen sein kann.
Von Harald Oppitz (KNA)