Radikal einfach, offen für die Stadt
Entstanden ist ein modernes Ensemble von "radikaler Einfachheit, zur Stadt hin geöffnet", wie es Alain Bretagnolle vom ausführenden Büro Architecture-Studio beschreibt. So soll die Bischofskirche Notre-Dame im Südosten der Pariser Banlieue auch Dialogbereitschaft mit einer quasi entchristlichten Gesellschaft in Zeiten der Post-Volkskirche symbolisieren. Großstadt-Pastoral, ein zentraler Begriff im Erzbistum Paris.
Trotz der Einhaltung der alten Grundfläche nimmt das neue Gotteshaus bis zu 1.200 Besucher auf; zuvor waren es lediglich 700. In ihren Ausmaßen diskret, ist die neue Bischofskirche dennoch ein Hingucker. Vor allem der halbkugelförmige Zentralbau, der zwei zum Gebet gefaltete Hände andeutet, zieht die Blicke an. Dünne, eng aneinanderliegende Rippen aus grauer Douglastanne strukturieren die gläserne Kuppel - eine Struktur, die im Inneren mit dem wärmeren Ton von Rotfichte aufgenommen wird. Das hölzerne Gewölbe zitiert die Bögen mittelalterlicher Kathedralgotik.
Ein monumentales Glasfenster aus Braunschweig
Der Clou dieses eigenwilligen Amphitheaters ist ein monumentales, 57 Meter großes Glasfenster des in Braunschweig geborenen Künstlers Udo Zembok; es ermöglicht den direkten Einfall von Tageslicht. Die Außenhöhe erreicht eine Höhe von 22 Metern, der etwas abseits stehende, minarettartige Glockenturm 40 Meter, wo in unmittelbarer Nachbarschaft Wohntürme von bis zu 50 Metern Höhe emporragen.
Der Neubau ist auch ein Bruch mit dem defensiven pastoralen Ansatz der Gründungszeit des Bistums Creteil, wie Bischof Michel Santier berichtet. Die Zeit der großen Kathedralen schien vorbei; man setzte auf die "pierres vivants", die lebendigen Steine der Gläubigen unter den Nichtgläubigen. Die Bischofskirche von 1976 reihte sich eher verschämt als "Haus der Kirche" in die Schlucht der Sozialwohnungen ein, kaum auffindbar: ein trister, düsterer Saal ohne Seele - ein Tiefpunkt der 70er-Jahre-Architektur.
Die Kathedrale als Zeugnis für den Glauben
In der Zeitung "Figaro" berichtet Bischof Santier, wie es zu der Entscheidung zum Neubau kam. 2010 wurden viele Verletzte des Bombenanschlags auf die Kathedrale von Bagdad in Pariser Krankenhäusern behandelt. Man feierte einen Gottesdienst mit den Opfern für ihre Märtyrer, in der versteckten Bischofskirche von Creteil. Vor diesen Glaubenszeugen, verfolgt und verletzt, so der Bischof, sei ihm klargeworden, "dass wir eine echte Kathedrale brauchen, die Zeugnis ablegt".
Zur Kirchweihe in dem 90.000-Einwohner-Stadtteil werden neben rund 30 französischen Bischöfen auch der Papstbotschafter in Frankreich, Erzbischof Luigi Ventura, sowie Innenminister Bernard Cazeneuve erwartet. Als seinen persönlichen Delegaten benannte Papst Franziskus den Pariser Kardinal Andre Vingt-Trois. Nach der Weihezeremonie findet am Abend die Welturaufführung eines "Te Deum" des Schweizer Komponisten Richard Dubugnon statt.
Symbolische Spenden von Juden und Muslimen
Die Baukosten des Komplexes, die mit 9,6 Millionen Euro angegeben werden, wurden vor allem durch Spenden aufgebracht. Lediglich die Kommune Creteil (1 Million) und das Departement Val-de-Marne (400.000 Euro) trugen trotz der gesetzlichen Trennung von Staat und Kirche namhafte öffentliche Subventionen bei, um den angeschlossenen Konferenz- und Versammlungssaal, eine Kunstgalerie und eine Cafeteria zu realisieren. Auch die muslimische und die jüdische Gemeinde von Creteil stifteten als freundschaftliche Geste einen symbolischen Beitrag zu.
Der Aufbau der Kathedrale dauerte insgesamt etwa 10 Monate; im Zeitraffer-Video jedoch nur gut zweieinhalb Minuten.
Die Diskussion um den stylischen Neubau vollzieht sich freilich nicht abseits des kirchlichen Lebens. Zu Wochenbeginn wurden die Särge der beiden ersten Bischöfe der jungen Diözese Creteil, Robert Marie-Joseph de Provencheres (1966-1981) und Francois Fretelliere (1981-1997), in die neue Kathedrale überführt. Zudem wurden die Reliquien der heiligen Agoard und Aglibert in den Altar eingelassen, die nach mittelalterlicher Darstellung um das Jahr 400 als Märtyrer in Creteil starben.
Und - sicher kein zeitlicher Zufall: Nur eine Woche vor der Kirchweihe machte das Bistum Creteil Schlagzeilen, als Bischof Santier das Dossier einer möglichen Wunderheilung im städtischen Krankenhaus vorlegte. Eine Untersuchungskommission stellte demnach fest, dass die plötzliche und dauerhafte Heilung eines leukämiekranken Patienten 2012 medizinisch nicht erklärbar sei. Es wäre der fehlende Mosaikstein für eine Heiligsprechung des Solidarnosc-Priesters Jerzy Popieluszko (1947-1984) - um dessen Fürsprache der begleitende Seelsorger am vermeintlichen Sterbebett des Patienten gebeten hatte.