Religionslehrerin aus Graz: "Weiß nicht, wie man das verkraften kann"
Wie geht man mit der Trauer um, wenn man Freunde verliert? Wie verkraftet man einen Amoklauf an einer benachbarten Schule? Helga Schreiber ist Schulseelsorgerin und unterrichtet am privaten Oberstufenrealgymnasium des Vereins für Franziskanische Bildung in Graz. Ihre Schule liegt nur wenige hundert Meter entfernt vom Ort des Amoklaufs, bei dem vor wenigen Tagen elf Menschen starben und viele verletzt wurden. Zwei ehemalige Schülerinnen sind unter den Opfern. Im Interview mit katholisch.de beschreibt die Schulseelsorgerin, wie sie ihre Schüler jetzt durch die Trauer begleitet und was dabei helfen kann, mit der Angst und dem Schrecken umzugehen.
Frage: Frau Schreiber, Sie unterrichten an einer Schule, die unmittelbar in der Nähe der Schule liegt, an der der Amoklauf am Dienstag in dieser Woche stattgefunden hat. Findet zurzeit Unterricht statt?
Schreiber: Ja, der geregelte Tagesablauf gibt Halt. Die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich unter den Lehrern und Schülern. Es gibt die, die keinen Bezug zur benachbarten Schule haben, andere wohnen in der Nachbarschaft der betroffenen Schule und haben dadurch den Amoklauf direkt mitbekommen und es gibt Personen, die um Klassenkollegen trauern, weil sie Freundinnen und Freunde verloren haben.
Frage: Wie versuchen Sie die Schüler in dieser Situation zu trösten?
Schreiber: Am Tag nach dem Amoklauf haben wir an der Schule versucht, Raum zu geben für das, was in der jeweiligen Klasse notwendig war. So haben die Kolleginnen und Kollegen, die in der ersten Stunde unterrichtet haben, in die Klassen eine kleine Kerze mitgenommen und angezündet. Die Schülerinnen und Schüler durften dann einfach reden und sagen, was sie beschäftigt. Manche haben davon erzählt, dass sie an dem Tag des Amoks Angst hatten, weil die Polizei die Gegend rund um die Schule abgesperrt hatte und sie den Einsatz von Polizei und Rettung direkt mitbekommen haben. Es wurde darüber geredet, was in der benachbarten Schule passiert war, manche haben erzählt, was sie aus dem Freundes- und Bekanntenkreis mitbekommen haben. Und um 10 Uhr haben wir das Thema nochmals durch die österreichweite Gedenkminute aufgegriffen.
Frage: Haben Sie momentan selbst Angst?
Schreiber: Ich persönlich habe keine große Angst, aber das Thema Sicherheit ist grundsätzlich schon ein Thema an unserer Schule. Einigen stellt sich die Frage, ob es mehr Zutrittsbeschränkungen geben sollte.
Frage: Inwieweit nutzen Sie als Schule professionelle Begleitung und Unterstützung?
Schreiber: Wir bekommen von allen Seiten Hilfe. Einerseits gibt es in einer Halle in der Nähe der betroffenen Schule das Angebot des Kriseninterventionsteams des Landes, das auch unsere Schule nutzen darf. Weiters gibt es für die Schülerinnen und Schüler das Angebot der Schulpsychologie im Haus, und auch das Lehrpersonal konnte mit dem Kriseninterventionsteam des Landes direkt in der Schule sprechen.
Wir ermutigen unsere Schüler dazu, gerne auch gemeinsam mit einer Freundin, einem Freund, dorthin zu gehen, sich auszusprechen, sich beraten zu lassen und sich Hilfe zu holen. Und diese Hilfe wird gut in Anspruch genommen. Zusätzlich gibt es an allen Schulen Vertrauenslehrerinnen und Vertrauenslehrer, die für Gespräche zur Verfügung stehen. Es ist gut, dass es diese bereits seit längerem gibt, dadurch ist es für die Schüler leichter, dies jetzt in Anspruch zu nehmen. Wir reden mit den Schülern darüber, wie wichtig es ist, dass man lernt, mit eigenen Frustrations- und Aggressionsituationen umzugehen. Oder dass ich mir Hilfe holen muss, wenn ich merke, dass ich oder jemand von meinen Freunden das nicht allein bewältigen kann. Und wenn ich beobachte, dass sich jemand schwer tut im Leben, dass ich da aufmerksam werde, hinschaue und Hilfe hole. So versuchen wir den Blick auf ein gutes Miteinander zu richten.
Frage: Wie gehen Sie persönlich mit dem um, was an der Nachbarschule passiert ist?
Schreiber: Ich versuche, viel zuzuhören und mit Familie und Freunden darüber zu reden. Ich schaue mir kaum Videos in den sozialen Medien an, auch um mich selbst zu schützen. Ich erlebe ganz viel Hilfe durch meine Kolleginnen und Kollegen. Wir bekommen viel Unterstützung von der Schulleitung und vom Bundesministerium, von Seiten der Diözese hier unter anderem durch die Gestaltung von Gedenkfeiern und durch das Kriseninterventionsteam. Da fühlen wir uns gut unterstützt. Wir sind eingebettet und nicht allein gelassen. Es ist spürbar, dass wir zusammenhalten. Für nächste Woche haben wir einen Gedenkgottesdienst geplant. Ich bin keine Schulpsychologin, ich kann nur etwas von meinem Gottvertrauen und vom Halt im Glauben weitergeben.
Frage: Wie konkret gestalten Sie zurzeit Ihren Religionsunterricht?
Schreiber: In meiner Klasse war es am Tag nach dem Amoklauf so, dass die Schüler zu mir gesagt haben: "Wir haben heute schon viel geredet, wir wollen nicht mehr darüber reden." Und dann haben wir überlegt, was wir stattdessen machen. Einige Schüler hatten die Idee, dass sie gerne etwas malen würden. Die eine hat ein Kreuz gemalt, eine andere eine Friedenstaube und andere einfach eine große Kerze. Die Zeit des Zeichnens war die Zeit, in der die Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen reden konnten – das hat meines Erachtens gut getan.
Frage: Was haben Sie mit den Zeichnungen gemacht?
Schreiber: Die meisten haben sie für sich behalten und mit nach Hause mitgenommen, manche haben sie an die Amtstafel gehängt. Das ist die Tafel, an der normalerweise die offiziellen Mitteilungen der Schule angekündigt werden. Dort ist jetzt Platz für einen Trauerflor und für diese Zeichnungen.
Frage: Welche Zeichnung hat Sie davon besonders berührt?
Schreiber: Ein Schüler hat ein Kreuz gemalt, das gleichzeitig eine Kerze war. Da habe ich mir gedacht, dass Christen eine Hoffnung haben, trotz des Leidens. Wir werden nicht verstehen, warum dieser junge Mann, der Täter, so viele Menschen mit in den Tod gerissen hat. Es ist einfach tragisch: Ich frage mich, wie es den Angehörigen geht, auch den Angehörigen des Amokläufers. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis wir das alles einordnen können, ob wir das überhaupt je können werden? All das kann ich nur vor Gott hinlegen und ihm anvertrauen, mit der Bitte, dass er uns in dieser Zeit unterstützt. Wir spüren, dass der Zusammenhalt an der Schule gerade sehr groß ist und uns stark macht und dass es weiter geht. Das ist nicht das Ende. Das Leben ist stärker. Das ist meine christliche Hoffnung.
Frage: Die Schule, in der der Amoklauf stattgefunden hat, ist zurzeit für den Unterricht noch geschlossen. Was wünschen Sie Ihren Kollegen dort?
Schreiber: Ich wünsche ihnen, dass sie zusammenkommen und gemeinsam aufarbeiten können, was geschehen ist. Ich weiß nicht, wie man das verkraften kann, dass Schülerinnen und Schüler in den Klassen fehlen. Da sind Lücken entstanden, die man nicht mehr füllen kann. Ob man je wieder in diese Klassenzimmer gehen kann, wo das Schreckliche passiert ist, weiß ich auch nicht. Dennoch, es wird weitergehen, irgendwie und ich hoffe, dass es gut weitergehen wird. Diese Hoffnung wird unter anderem durch die Rede einer muslimischen Schülerin dieser Schule bei einer Gedenkfeier am Grazer Hauptplatz genährt: "Was dieser Täter wollte, war Hass, Zerstörung und Angst, unsere Antwort darauf ist Liebe, Hoffnung und Zusammenhalt. Er wollte Hass säen, aber wir pflanzen Menschlichkeit." Mögen Liebe, Hoffnung, Zusammenhalt und Menschlichkeit das Leben in unserer Stadt in Zukunft prägen! Es geht nicht ohne die anderen, nur gemeinsam. Ich habe das Vertrauen, dass Gott da mitgeht und uns unterstützt.