Suche
Ein ukrainischer Pfarrer erklärt die Situation im Land

"Russland nicht boykottieren"

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Bonn - Während im Osten der Ukraine pro-russische Milizen Verwaltungsgebäude besetzen, kann sich Übergangspräsident Alexander Turtschinow eine Volksabstimmung zur Einheit der Ukraine vorstellen. Doch die große Politik hat nur wenig mit dem Leben der Menschen vor Ort zu tun, sagt Ivan Machuzhak von der ukrainischen-katholischen Kirche in Deutschland. Für ihn besteht schon die Abtrennung der Krim nur auf dem Papier.

"Was da auf der Krim passiert ist, war eine politische Entscheidung, die aber nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen ist", sagte Machuzhak am Dienstag gegenüber katholisch.de. Vielleicht auch deshalb, weil das Referendum, das zur Abspaltung geführt hat, für ihn nicht als Abbild der Realität zu sehen ist. Rund 40 Prozent der Krimbewohner seien Ukrainer, aber knapp 96 Prozent hätten für eine Zugehörigkeit zu Russland gestimmt. "Mittlerweile geht man davon aus, dass gut 120 Prozent der Bevölkerung abgestimmt haben", sagt der Pfarrer. Er spricht von Betrug und von manipulierten Informationsquellen.

Den Einfluss der Kirche in der Ukraine sieht der Geistliche differenziert. Er steht in engem Kontakt mit den ukrainischen Bischöfen. Die Kirche sei weder bestimmend noch parteiergreifend. "Der politische Einfluss ist nicht sehr groß", sagt Machuzhak. Doch machtlos sei die Kirche auch nicht. Sie habe in der Ukraine eine Zivilgesellschaft aufgebaut und die Proteste auf dem Maidan in Kiew begleitet. "Mit Hilfe der Kirche können sich die Menschen eine Meinung bilden." Sie wolle zum Denken anregen.

Wladimir Putin, Russland, Präsident, Politik
Der russische Präsident Wladimir Putin.

Die Jugend in der Ukraine denkt "westlicher"

Deshalb wende sich die Kirche in der Ukraine auch immer wieder an die Jugend, die heute schon anders, "westlicher" denke. "Das unterscheidet sie von den alten Eliten im Land, bei denen die Doppelmoral noch immer tief verankert ist", beschreibt Machuzhak die Situation. Die einen – nämlich die Jungen – könnten nicht mehr so leben, wie es von ihnen verlangt werde. Und die anderen könnten nicht umdenken. "Es ist nicht nur ein politisches, sondern ein zutiefst menschliches Problem", so der Geistliche.

Doch spüre man im Land die Veränderungen, sagt Machuzhak. Als Beispiel nennt er ein Fußballspiel zwischen den beiden Erstligisten Shakhtar Donetsk und Metalist Charkiw vor gut zwei Wochen. Statt sich zu beschimpfen, sangen die Fans im Stadion gemeinsam die ukrainische Hymne. "Durch Putins Aggression entsteht ein Nationalbewusstsein", so der Pfarrer. Wenn die Bevölkerung wirklich über die Einheit der Ukraine abstimmen solle, "dann wird das für Putin nicht so wie auf der Krim funktionieren", ist er sich sicher.

Machuzhak hat keine Angst vor einem Bürgerkrieg

Viele Medien schüren mittlerweile die Angst vor einem Bürgerkrieg. Die hat Machuzhak nicht: "Die Menschen im Osten und Westen oder in Russland und der Ukraine werden nicht aufeinander schießen." Was jedoch die Politiker angeht, da ist er sich nicht so sicher – und sieht den Westen und die Europäische Union in der Pflicht. Putin habe die aktuelle Situation herbeigeführt und leugne nun seine Schuld. "Die Wirtschaftssanktionen waren ein erstes wichtiges Zeichen", sagt der Pfarrer. Sie hätten die Reichen in Russland getroffen. Und die säßen mit Putin an einem Tisch, um die Entscheidungen zu treffen.

Einen künftigen Boykott Russlands hält Machuzhak jedoch für den falschen Weg. "Die Zivilgesellschaft in Russland muss gestärkt werden", sagt er. Denn auch in Russland würden Menschen gegen Putins Politik demonstrieren. Um dort eine neue Gesellschaft aufzubauen, müssten jedoch die Werte der Demokratie gelebt werden und Europa mehr als eine Währungsunion sein. "Solidarisierung mit der Ukraine einerseits, andererseits aber auch mit der russischen Bevölkerung weckt die inneren Kräfte der beiden Staaten", sagt der Pfarrer. Putin selbst zu ändern, sei dagegen unmöglich.

Von Björn Odendahl

kna-katholisch-swarm-node3 (0.015s)