Suche
Martin Schulz über den Friedensnobelpreis und die Zukunft des Euros

Schulz' Eurovision

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Martin Schulz ist seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlaments.
Bonn - Martin Schulz ist seit Januar 2012 Präsident des Europäischen Parlamentes. Er managt zurzeit nicht nur die Abstimmung des Europaparlaments über die Haushaltsplanung, sondern kämpft auf allen Ebenen für Europa und den Euro. Am 10. Dezember erhält er zusammen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy stellvertretend für die Union in Oslo den Friedensnobelpreis. Im Interview mit katholisch.de erklärt er, für wen das Preisgeld gespendet wird, warum Prognosen von Rating-Agenturen kritisch betrachtet werden müssen und was die Auszeichnung in Zeiten der Krise bedeutet.

Frage: Herr Schulz, wussten Sie, dass Sie in einer Reihe mit Robbie Williams und Giorgio Armani stehen? Sie sind ja vom Männermagazin GQ zum "Mann des Jahres" gewählt worden.

Antwort: Ich habe mich sehr über die Auszeichnung als Politiker des Jahres gefreut. Mit so vielen tollen und engagierten Künstlern ausgezeichnet zu werden, ist ein schönes Gefühl und nicht alltäglich.

Frage: Schmeichelt Ihnen die Auszeichnung?

Antwort: Die Auszeichnung ist Anerkennung und Ansporn zugleich und mit aller Kraft weiter dafür zu arbeiten, die schwerste Krise der europäischen Einigung zu bewältigen. Europa, diese beispiellose historische Erfolgsgeschichte, gerade mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt, ist in Gefahr. Denn leider werden die historischen Errungenschaften der EU allzu oft als selbstverständlich hingenommen. Doch irreversibel ist weder die europäische Integration noch der durch sie geschaffene Frieden und Wohlstand.

Frage: Sie werden am 10. Dezember in Oslo gemeinsam mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy stellvertretend für die Europäische Union den Friedensnobelpreis entgegen nehmen. Wie definieren Sie "Frieden"?

Antwort: Frieden bedeutet mehr für mich als die bloße Abwesenheit von Gewalt. Die Idee von Europa ist, dass Staaten und Völker zur Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen gemeinsame Institutionen schaffen. Das europäische Erfolgsrezept ist die Gemeinschaftsmethode, das heißt: Die Interessen auszugleichen zwischen Groß und Klein, zwischen Stark und Schwach, zwischen armen und reichen Staaten, zwischen Nord und Süd, Ost und West sowie Konflikte durch Dialog und Konsens zu lösen. Das bedeutet für mich Frieden.

Frieden bedeutet mehr für mich als die bloße Abwesenheit von Gewalt.

Martin Schulz, Europaparlamentspräsident

Frage: Ist die Auszeichnung gerechtfertigt angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und damit verbundenen sozialen Unruhen wie zum Beispiel in Griechenland oder Portugal?

Antwort: Die EU hat unseren Kontinent friedlich vereint und aus ehemaligen Erzfeinden Freunde gemacht. Diese historische Leistung ist zu Recht preiswürdig. Geehrt werden jene mutigen Menschen, die mit Weitsicht und Kühnheit Entscheidungen trafen, die das Leben von Millionen Menschen verbessern sollten. Männer und Frauen, die ihr politisches Schicksal untrennbar mit dem Bekenntnis zu Europa verbanden und die europäische Einigung zum Erfolg führten. Zum anderen schenkt uns die Auszeichnung die Gelegenheit, einmal innezuhalten, aus dem Mühlrad der Tagespolitik, dem Ereignisdruck der Mediengesellschaft und dem Zinsdiktat der Märkte auszubrechen und uns darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Wir müssen alles tun, um die Europäische Union nicht scheitern zu lassen.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Europaparlamentspräsident Martin Schulz (v.l.)
EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy und Europaparlamentspräsident Martin Schulz (v.l.)

Frage: Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der COMECE, setzt sich dafür ein, dass Christen Europa mitgestalten und bringt sich mit seiner Organisation in Brüssel immer wieder zu verschiedenen Themen ins Gespräch. Denken Sie, es ist wichtig, dass kirchliche Interessensvertreter in Brüssel vertreten sind?

Antwort: Selbstverständlich ist es das. In Brüssel sollen und müssen kirchliche Interessensvertreter genauso engagiert ihre Themen vertreten, wie sie das ja auch in Berlin oder in anderen Hauptstädten Europas tun. Ich halte es für außerordentlich wichtig, dass Christen Europa mitgestalten, ihr Wissen, ihre Anliegen und ihren Forderungen einbringen und in ständigem Austausch mit den europäischen Entscheidungsträgern stehen.

Frage: Was wird mit dem Preisgeld in Höhe von 930.000 Euro geschehen?

Antwort: Das Preisgeld wird Kindern aus Kriegs- und Konfliktgebieten in aller Welt zugute kommen. Dies habe ich gemeinsam nach Absprache mit Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy entschieden. Das Geld für Kinder, die zugleich Hoffnungsträger und die verwundbarsten Glieder einer Gesellschaft sind, zu verwenden, entspricht dem Geist des Friedensnobelpreises.

Frage: Werden wir den Euro im Jahr 2013 noch als Währung haben?

Antwort: Ein klares Ja. Es ist absurd, angesichts der demographischen, wirtschaftlichen und währungspolitischen Aussichten zu glauben, jetzt sei die große Stunde der nationalen Währungen und der Nationalstaaten gekommen. Wollen wir denn wirklich mit dem französischen Franc, den niederländischen Gulden, der spanischen Pesete und der deutschen Mark im währungspolitischen Wettbewerb dastehen - gegen den chinesischen Renminbi und den US-amerikanischen Dollar? Wir brauchen heute Europa und den Euro mehr denn je. Wenn wir nicht zusammenhalten, wenn wir uns in unsere Einzelteile zerlegen, dann driften wir in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit ab und büßen unsere Handlungsfähigkeit und unsere Demokratie ein.

Wir brauchen heute Europa und den Euro mehr den je."

Martin Schulz, Europaparlamentspräsident

Frage: Jahrelang fiel der Absturz Frankreichs innerhalb der Euro-Zone kaum auf, alle Energien konzentrierten sich auf die südlichen Länder. Nun hat Frankreich bei der Ratingagentur Moody`s die Bestnote verloren. Tickt nun die Zeitbombe Europas?

Antwort: Nein. Ich erinnere daran, dass vor wenigen Jahren der "Economist", der jetzt Frankreich als tickende Zeitbombe bezeichnet, Deutschland als "kranken Mann Europas" titulierte und dessen Niedergang vorausgesagt hat. Mit derartigen Prognosen sollte man also vorsichtig sein. Auch sollten wir die Einschätzungen und Urteile von Rating-Agenturen nicht einfach kritiklos als korrekt hinnehmen, schließlich tragen gerade auch die Agenturen mit ihren gravierenden Fehleinschätzungen und Interessenskonflikten Verantwortung für die Wirtschafts- und Finanzkrise. Wie haben die Märkte auf die Herabstufung durch Moody's reagiert? Gar nicht. Weil die Märkte um die Stärke Frankreichs und den Willen der französischen Regierung um Francois Hollande wissen, Reformen anzupacken und das Land zurück auf den Wachstumspfad zu führen.

Frage: Was bedeutet das für die deutschen Bürger?

Antwort: Deutschland kommt bei der Lösung der Krise in Europa, die ja zugleich Wirtschafts-, Schulden-, Vertrauens- und Sozialkrise ist, eine Schlüsselrolle zu. Das kostet Kraft und auch Geld. Uns Deutschen und allen Europäern muss jedoch klar sein, was es kosten würde, wenn etwa Griechenland aus dem Euro ausscheiden würde, wenn die Märkte danach Spanien oder gar Italien attackieren würden, oder wenn gar der Euro oder die EU insgesamt zerbrechen würden. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen wären katastrophal. Ein Zurück in den angeblich so sicheren Schoß des Nationalstaates kann es nicht geben. Wollen wir unsere Handlungsfähigkeit und unsere Demokratie wahren, dann brauchen wir Europa. Denn im nationalen Alleingang wird es kein EU-Staat schaffen, die Finanzmärkte zu zähmen und seine Demokratie zu retten. Bündeln wir die Macht der 27, bald 28 Staaten, unserer 500 Millionen Menschen und des reichsten Binnenmarktes der Welt, dann können wir etwas bewegen.

Das Interview führte Saskia Gamradt

Zur Person

Martin Schulz wurde am 20. Dezember 1955 in Hehlrath, heute Stadt Eschweiler, geboren. 2004 wurde er Fraktionsvorsitzender der heutigen "Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten im Europäischen Parlament" (S__amp__D). 2009 wählte ihn die SPD zu ihrem Europabeauftragten. Seit Januar 2012 ist er Europaparlamentspräsident.

kna-katholisch-swarm-node3 (0.016s)