"Seelen angegriffen, aber nicht zerstört"
Frage: Monsignore Spiegel, wie ist drei Monate nach dem Taifun Haiyan Ihr persönlicher Eindruck von der Lage vor Ort?
Pirmin Spiegel: Ich bin sehr berührt von dem, was ich hier sehe. Wir sind in den vergangenen Tagen zum Beispiel von Ormoc über Tacloban zu einer vorgelagerten Insel nahe Guiuan gefahren. Das sind sieben Stunden Fahrt und sieben Stunden sehen Sie rechts und links der Straße zerstörte Häuser und abgedeckte Dächer. In der Nähe von Tacloban haben wir ein Massengrab besucht. 80 Prozent der Toten, die dort beerdigt liegen, sind Kinder. Junge Menschen erzählen mit erstickender Stimme und mit Tränen in den Augen, wie sie geflüchtet sind, als der Sturm kam, wie Teile von Dächern herumgeflogen sind und sie verzweifelt versucht haben, sich zu schützen. 60-, 70- oder 80-Jährige sagen, dass in kürzester Zeit alles zerstört wurde, was sie aufgebaut und wofür sie gekämpft hatten. Das geht an die Substanz.
Frage: Wie kommen die Menschen Ihrem Eindruck nach mit der Situation zurecht?
Spiegel: Das ist sehr unterschiedlich. In Tacloban gibt es einen Fall, da hatten sich Menschen vor dem Sturm in eine Schule geflüchtet. Mauern und Dach sind eingestürzt und alle Menschen in der Schule sind umgekommen. Wenn Sie deren Angehörigen begegnen, denen alles geraubt wurde, was bisher ihr Lebenssinn war - wie ist ihnen dann zu vermitteln, dass sie ihren Mut nicht verlieren und vertrauensvoll in die Zukunft blicken sollen? Das braucht Zeit. Partnerorganisationen von Misereor leisten psychosoziale Arbeit, damit die Menschen ihre Angst besser in den Griff bekommen, damit sie nicht hilflos sind, wenn ihnen in ihren Träumen die schrecklichen Bilder erneut vor Augen kommen. Ich habe mit Bischöfen und Priestern gesprochen, die auch in den entlegenen Dörfern präsent sind. Es sind viele Seelen angegriffen, aber sie sind nicht zerstört.
Frage: Wie weit ist der Wiederaufbau vorangegangen?
Spiegel: Die ersten Schritte sind getan. Die Straßen sind größtenteils aufgeräumt, die Menschen haben angefangen, wieder Pflanzen zu setzen, der Reis sprießt bereits an vielen Orten. Wir haben einige Orte gesehen, an denen schon wieder unterrichtet wurde – allerdings in Schulen mit abgedeckten Dächern. Auch die weltweite Hilfe wird jetzt besser koordiniert, um zusammen mit den Betroffenen Lösungen für den Wiederaufbau zu finden. Aber das Ausmaß der Gesamtzerstörung ist nach wie vor groß.
Frage: Inwiefern hilft den Menschen in dieser Situation der Glaube?
Spiegel: Leben und Glauben gehen zusammen. Der Glaube ist für viele ein großer Motivationsfaktor. Mehr noch, er ist sinnstiftend und gibt den Menschen grundlegenden Halt. Sie vertrauen darauf, nicht verloren zu sein, sondern in der Hand Gottes getragen zu werden. Ich habe auf der Reise erlebt, dass Menschen mit einer großen Gewissheit sagen: Gott ist auf meiner Seite, Gott verlässt mich nicht. Wir sind zum Leben geboren und wir werden dem Leben hier ein neues Gesicht geben.
Frage: Mit welchen Projekten engagiert sich Misereor vor Ort?
Spiegel: Zunächst ging es um die Nothilfe, um Trinkwasser, Essen, Medikamente; darum Boote zu kaufen und Saatgut. Wir haben mobile Krankenstationen aufgebaut und Radio-Stationen eingerichtet, um Sturmwarnungen rechtzeitig zu verbreiten. Diese ersten Schritte sind nun getan. Jetzt wird wichtig, den Wiederaufbau voranzubringen. Wir werden unsere Expertise weiter einsetzen. In diesen Tagen treffen wir andere Hilfswerke und unsere Partnerorganisationen, um uns auszutauschen. Für die Misereor-Partnerorganisationen ist ein wichtiger Punkt die Trauma-Arbeit, ein anderer die Zukunftsfähigkeit in der Landwirtschaft. Beim Häuserbau muss darauf geachtet werden, dass die Gebäude stabiler sind und nicht zu nah am Meer. Alles sollte in größtmöglicher Zusammenarbeit mit den Betroffenen geschehen.
Frage: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Staat?
Spiegel: In den ersten Wochen und Monaten hätten sich die Menschen und Organisationen, mit denen wir gesprochen haben, mehr staatliche Präsenz und mehr Unterstützung gewünscht. Mittelfristig hoffen wir, dass der Wiederaufbau zusammen mit den staatlichen Organen, von lokaler bis nationaler Ebene, geleistet werden wird.
Frage: Was ist im Moment das dringlichste Problem, das gelöst werden muss?
Spiegel: Je nachdem, an welchem Ort Sie sich befinden, gibt es sehr unterschiedliche Herausforderungen. In Tacloban etwa ist die Prävention von Anschlusskrankheiten eine der Prioritäten, außerdem müssen Häuser wieder aufgebaut werden. Die seelischen Traumata finden sich jedoch überall.
Das Interview führte Gabriele Höfling