Sie bleibt eine Herausforderung
In der Dresdener Hofkirche fand am Sonntag der große Eröffnungsgottesdienst der diesjährigen Diasporaaktion des Bonifatiuswerkes statt. Mit Masken und Artistik haben die Chemnitzer Kinder und Jugendlichen gezeigt, wie man Hindernisse überwinden kann, wenn man nicht allein ist. Der Kinderzirkus Birikino der Chemnitzer Salesianer wird seit Jahren von dem katholischen Hilfswerk finanziell unterstützt. "Keiner soll alleine glauben – Ihre Hilfe: Damit der Glaube reifen kann" ist das Motto der diesjährigen Diaspora-Aktion. Mit dem diesjährigen Leitwort wollen die Verantwortlichen ein Zeichen gegen die Vereinsamung im Glauben setzen und die Bedeutung der Begegnung deutlich machen.
Der Dresdener Bischof Heiner Koch erfährt seit anderthalb Jahren im Bistum Dresden-Meißen, was Diaspora bedeutet. "In Sachsen sind über 80 Prozent der Menschen konfessionslos", sagt er in seiner Predigt und berichtet von einer Familie, die er getauft hat. Deren Angehörige hätten dafür kein Verständnis gehabt. "Was haben wir nur falsch gemacht, dass unsere Kinder Christen werden?", habe die Großmutter nach der Taufe gesagt, berichtet Bischof Koch.
Berichte von Problemen und Fortschritten
Doch der Dresdner Bischof sieht die Diaspora nicht mehr nur dort, wo nur wenige Katholiken leben. "Auch im Rheinland ist es nicht mehr so, dass alle Getauften auch tatsächlich Christen sind", sagte er nach dem Gottesdienst. In einer Podiumsdiskussion berichteten Menschen aus der Diaspora vor der Generalversammlung des Bonifatiuswerkes über die alltäglichen Probleme, aber auch über Fortschritte.
Bernt Eidsvig, Bischof von Oslo, erzählt von seiner Kirche, die Monat für Monat ein Prozent an Gläubigen hinzugewinne. Es seien vor allem Katholiken aus Polen und Südeuropa, die nach Norwegen ziehen und so für das Wachstum sorgen. "Mit dem Kirchbau in Trondheim haben wir den ersten Neubau einer Kathedrale seit der Reformation", so Eidsvig. Die Kirchen würden allerorten zu klein für die rasch wachsenden Gemeinden. In seiner Diözese herrsche Mangel an allen Enden. Es fehle an Platz, an Geld und Personal. "Die Leute stehen zum Gottesdienst vor den überfüllten Kirchen. Auch Schnee und Regen hält unsere Katholiken nicht davon ab", berichtet Eidsvig.
Lettland muss den Wegzug vieler Katholiken verkraften
Ein ganz anderes Bild zeichnet Viktor Stulpins. Der 43-Jährige ist Bischof von Liepāja in Lettland. Die Kirche müsse dort den Wegzug vieler Katholiken verkraften, die auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Lage das Land verließen. Um 13 Prozent ist die Einwohnerzahl Lettlands von 2000 bis 2011 geschrumpft. Das sind rund 300.000 von 2,3 Millionen Letten. Unter dem Weggang leiden die katholischen Gemeinden besonders. Ohnehin sind nur rund zehn Prozent der Letten katholisch. Seit der politischen Wende in Mittel- und Osteuropa hat das Bonifatiuswerk den Neubau von Kirchen unterstützt. Sichtlich traurig sagt Viktors Stulpins: "Wir überlegen, ob wir Kirchen schließen."
Ganz anders sieht es dagegen in Sachsen aus. Die katholischen Gemeinden in den Großstädten Chemnitz, Dresden und Leipzig wachsen seit einigen Jahren durch starken Zuzug und eine hohe Geburtenrate. Auf die Eröffnung einer neuen Kirche freut sich der Pfarrer der Leipziger Propstei-Gemeinde St. Trinitatis, Gregor Giele. In seiner Stadt entsteht derzeit der größte katholische Kirchenneubau Ostdeutschlands seit der Wende. Die neue Propstei-Kirche mitten im Zentrum ist der Ersatz für die baufällige Kirche aus den 1980er-Jahren. "Wir führen zwischen 200 und 300 Besucher pro Woche über die Baustelle. Davon sind zwei Drittel konfessionslos", erzählt Pfarrer Giela, der darin eine Chance sieht. Über das Erklären des Kirchenbaus habe man die Gelegenheit den Glauben zu verkünden. Man habe die Baustellen-Führer jetzt extra geschult, um missionarische Führungen anzubieten und nicht nur einfach eine Baustelle zu präsentieren.
Eine außergewöhnliche Zusammengehörigkeit der Christen
Der Jurist und ehemalige Verfassungsrichter Paul Kirchhof ist davon überzeugt, dass der Kirche in Deutschland noch immer eine wichtige Aufgabe zukommt. Sie sei wichtig für eine funktionierende Gesellschaft und gerechte Wirtschaft, sagte er am Sonntag während der Festveranstaltung. Die auch im Westen Deutschlands nachlassende Kirchlichkeit sieht er mit großer Sorge. "Das Recht auf Religionsfreiheit ist das erste Grundrecht, das im Grundgesetz garantiert wird." Menschen müssten aber auch die Bereitschaft zur Freiheit mitbringen. Und Freiheit bedeute immer auch Ungleichheit. "Wer das nicht verträgt, verträgt die Freiheit nicht", so Kirchhof. Kinder müssten in den Raum der Religion geführt werden, sie müssten religionsmündig werden, diese Freiheit nutzen können wie andere garantierte Freiheiten auch. Durch die Idee des Christentums entstehe eine Zusammengehörigkeit, die es in kaum einem anderen Lebensbereich gibt.
Am kommenden Sonntag, dem 16. November, ist der sogenannte "Diaspora-Sonntag". Dann wird in allen katholischen Gottesdiensten Deutschlands für das Bonifatiuswerk gesammelt. Dieses gibt die Spenden als "Hilfe zur Selbsthilfe" weiter. Gefördert werden Projekte der Kinder- und Jugendseelsorge, der Bau und die Renovierung von Kirchen und Gemeindezentren, Kindergärten und Schulen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen. Mit bundesweit 600 "Boni"-Bussen bringt das Hilfswerk in ganz Deutschland Gläubige zusammen, die weit entfernt voneinander wohnen. Damit soll ein Zeichen gegen die Vereinsamung im Glauben gesetzt und die Bedeutung der Begegnung verdeutlicht werden. (mit Material von KNA)
Von Markus Kremser