Studie zeigt, wie junge Piusbrüder-Anhänger ticken
Zum ersten Mal liegen empirische Daten über Jugendliche im Umfeld der Piusbruderschaft vor. In der aktuellen Herder-Korrespondenz (November-Ausgabe) stellen der Religionssoziologe Michael Ebertz und die Theologin Ramona Kordesch Ergebnisse aus einer aktuellen Befragung im Umfeld der Priesterbruderschaft vor. Die Daten zeigen den Autoren zufolge, dass sich die Befragten nicht an Gleichaltrigen, sondern an ihren Eltern und deren Vorbildern orientieren: "Nicht das Neue gilt als verheißungsvoll, sondern das Bewährte. Nicht der Bruch mit der Herkunft verspricht Identität, sondern deren Kontinuität und Fortführung", so Ebertz und Kordesch.
Die Zahlen stammen aus einer Befragung aus dem Mai 2026 von etwa 1.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Umfeld der Jugendpastoral aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die über Schulen und Jugendgruppen organisiert wurde. Die Rücklaufquote betrug 28 Prozent. Zu Auftraggebern und Organisatoren der Studie machen Ebertz und Kordesch keine Angaben.
Rekrutierung anders als bei Sekten
Die Rekrutierung junger Anhänger der Piusbruderschaft unterscheide sich deutlich von der für Sekten charakteristischen Rekrutierung: "Man wächst in diese religiösen Formationen über die Kindertaufe überwiegend hinein", so die Forscher. Sekten dagegen seien durch einen "rituellen Eintritt über einen Bekenntnis- und Bekehrungsakt im Erwachsenenalter" gekennzeichnet. 80 Prozent der Befragten sind über ihre Eltern zur "katholischen Tradition" gestoßen. Eine Hinführung ausschließlich über Freundschaften oder Kontakte über Social Media spielt mit 9 Prozent nur eine untergeordnete Rolle.
Knapp 85 Prozent der Befragten wurden bereits mit Negativurteilen über ihre Zugehörigkeit konfrontiert, am häufigsten ist der Vorwurf, Mitglied einer Sekte zu sein, den 39 Prozent der Befragten schon erfahren haben. Von Vorwürfen einer antisemitischen Haltung haben nur 9 Prozent berichtet.
Strategien für die Minderheitssituation
Die Forscher sehen vier Strategien, mit denen die Befragten auf ihre religiöse Minderheitensituation umgehen können: die eigenen Ideen in der Mehrheitsgesellschaft durchzusetzen, in Aushandlungsprozesse mit der Mehrheitsgesellschaft zu gehen, sich anzupassen oder sich zu verschanzen. Eine Strategie der Anpassung wurde von den Befragten ausgeschlossen. Dialog komme nur so weit in Frage, als dass Glaubens- und Bekenntnisfragen nicht verhandelbar sind, und wurde nur von einer Minderheit propagiert.
Gegen das Verhandeln stehen Befragte, die für die Strategien des Verschanzens oder der Durchsetzung stehen. "Die – weitgehend unrealistische – Strategie der kämpferischen Durchsetzung der minoritären Position in der Mehrheitsgesellschaft (Option eins) kommt in einer intransigenten Haltung zum Ausdruck, die sich als integralistisch bezeichnen lässt. Sie will die eigene minoritäre Wirklichkeitsauffassung auch für die Mehrheit verbindlich machen." Schon innerkirchlich stünden die Chancen dafür aber derzeit schlecht. Damit gebe es innerhalb der jungen Anhänger der Piusbruderschaft vor allem ein Spannungsfeld zwischen Verhandeln und Verschanzen.
Hohe Religiosität
Im Detail zeigen die erhobenen Zahlen einen zur Mehrheitsgesellschaft mit ihrer sinkenden religiösen Bindung gegenläufigen Trend: "In diesen Kreisen lässt sich durchgängig eine vitale, regelmäßige religiöse Praxis nachweisen, die offensichtlich keiner besonderen Anstrengung bedarf, sondern als Selbstverständlichkeit einer starken Wertorientierung entspricht." Fast alle Befragten nehmen mindestens einmal in der Woche an einer Messe in der vorkonziliaren Form teil. Mehr als drei Viertel können als hochreligiös eingestuft werden, weitere 23 Prozent als religiös. Mehr als 90 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass es "nur eine wahre Religion" gebe; gut 85 Prozent sind der Ansicht, dass die eigene Religion in religiösen Fragen recht habe und andere eher unrecht. 72 Prozent lehnen das gemeinsame Gebet mit Angehörigen anderer Religionen ab.
Die Mehrheit der Befragten sieht den priesterlichen Dienst vor allem als Seelsorgeamt. Für 41 Prozent ist die Mittlerschaft zwischen Gott und Mensch ein zentrales Charakteristikum des Priesteramts. Priester als Vorbild und Autorität sehen ein Viertel der Befragten. Weniger als 10 Prozent sehen Priester als Freunde. "Diese Zahlen lassen auf ein konsequent vertikal und nicht horizontal, durch Gleichheit strukturiertes religiöses Feld schließen, in dem der Priester über den Gläubigen steht und nicht neben oder unter ihnen", erläutern die Forscher.