Suchende in Europas Schrott
Trotz verschärfter EU-Vorschriften und der Willensbekundung, so viele ausgediente Elektrogeräte wie möglich zu recyceln, werden viele Geräte illegal nach Afrika verschifft. Besonders beliebtes Ziel ist Agbogbloshie, die Elektroschrott-Hölle von Ghana.
Peter hat eine rauchig-kratzige Stimme. Wenn er spricht, hört es sich nach akuter Mandelentzündung an. Doch egal, wie viele Halsschmerztabletten der Elfjährige lutschen würde: Das Kratzen bleibt. Verursacht haben es die giftigen Dämpfe von Agbogbloshie, die Peter und seine Freunde jeden Tag einatmen, immer in der Hoffnung, auf ein wertvolles Metall zu stoßen und ein kleines bisschen Geld zu machen.
Wenn die Schule in Accra aus ist, ziehen Peter und die Jungs los. Eine schmutzige Plastiktüte in der einen Hand, in der anderen einen Magneten, mit dem sie nach Metall suchen. Der Boden von Agbogbloshie dampft. Auf der Elektromüllhalde werden dauernd Styropor, Computergehäuse oder Plastik verbrannt. Die Jungs tragen nur Flipflops und reißen sich oft an spitzen Gegenständen die Haut auf. Die Wunden versorgt niemand.
Der Müll wird aus Industrieländern angeliefert
In Agbogbloshie, Accras schmutzigstem Stadtteil, landen die letzten Abfälle jenes Schrotts, der aus Europa, den USA oder Australien angeliefert wird. Was halbwegs brauchbar aussieht, wird schon vorher in einer der unzähligen Geschäftsstraßen verkauft. Händler müssen häufig ganze Container direkt vom Schiff abnehmen. Ob die aussortierten Drucker oder Kühlschränke überhaupt noch funktionieren, können sie nicht prüfen. Und genauso wird die Ware später an ghanaische Kunden weiterverkauft. Wer kein Geld hat, muss mit Second-Hand-Ware vorliebnehmen.
Der Rest landet bei Peter und seinen Freunden. Insgesamt ziehen an die 100 Kinder regelmäßig über die Halde. Die Jugendlichen arbeiten häufig als Kupferbrenner; sie schmelzen etwas abseits der großen Straße Metalle. Das bringt etwas mehr Geld als das, was Peter jeden Tag zusammenklaubt. Seine Gewinnspanne: täglich höchstens ein paar Cedi; ein Cedi entspricht 40 Cent. Peter kann damit seinen Lehrer bezahlen. "Und etwas ist auch für meine Mutter." Die freue sich zwar nicht darüber, dass ihr Sohn im Elektroschrott wühlt. Das Geld braucht sie trotzdem.
Wirtschaftsboom als Ursache
Mike Anane kommt. Die Jungs umringen den Umweltaktivsten und Journalisten, der seit einem Jahrzehnt die illegalen Mülltransporte nach Ghana dokumentiert. Fast täglich zieht er durch Agbogbloshie. Für die kleinen Müllsucher ist er ein wichtiger Ansprechpartner geworden. Mike Anane hat festgestellt: "Früher wurde viel mehr Schrott nach Nigeria verschifft. Nun ist es Ghana."
Seine Erklärung dafür klingt fast zynisch: Ghanas Wirtschaft boomt. Seit zwei Jahren wird Öl gefördert. Außerdem gilt das Land als politisch stabil. Der Handel hat zugenommen und somit auch die Anzahl der Container im Hafen von Accra. Doch darin ist oft alles andere als Neuware.
Neue Verordnungen aus Europa, wo jeder Einwohner jährlich im Durchschnitt 20 Kilo Elektroschrott produziert, ändern das nicht. Bis 2016 sollen laut der EU-Elektroschrott-Richtlinie 45 Prozent aller Elektrogeräte recycelt werden, bis 2019 sogar 65 Prozent.
Dennoch haben laut Anane die Müllberge von Agbogbloshie nicht abgenommen. Hier sah es einmal anders aus, erinnert sich der Mann mit ernstem Blick: "Als Kinder haben wir hier noch am Fluss gespielt." Der Umweltschützer zeigt auf eine schwarze Brühe, auf deren Oberfläche Plastikverpackungen schwimmen. Heute hofft er vor allem eins: dass die Kinder von Agbogbloshie nicht zu viele giftige Dämpfe einatmen und halbwegs gesund bleiben. Alt werden die meisten ohnehin nicht.
Von Katrin Gänsler