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Akuter Priestermangel

Regens: Interesse am christlichen Leben geht zurück

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Eine Dorfkirche vor einem Bergwand.
Bonn/Brixen - Dem einst volkskirchlichen Südtirol schwinden die Priester. Regens Markus Moling spricht im Interview über die Situation.

Für viele deutsche Urlauber ist Südtirol das Paradies auf Erden – und ein zutiefst katholisch geprägtes Land. Die meisten Dörfer haben eigene Kirchen und Kapellen und der Alltag vieler Südtiroler ist eng mit dem Kirchenjahr verbunden. Doch auch hier bröckelt die Volkskirche, kaum junge Männer wollen Priester werden. Markus Moling, als Regens im Bistum Bozen-Brixen für die Priesterausbildung zuständig, sucht im Interview nach Gründen und Perspektiven für die Zukunft.

Frage: Herr Moling, am 4. Oktober wurden sechs junge Männer von Bischof Ivo Muser zu Diakonen geweiht. Alle kommen aus Tansania und Indien. Warum haben sie in Brixen studiert?

Moling: 2018 ist die Idee entstanden, junge Priesteramtskandidaten aus unseren Partnerdiözesen nach Südtirol zu bringen, um ihnen hier eine Ausbildung zu ermöglichen. Sie werden einige Jahre in die Seelsorge eingebunden und gehen dann wieder in ihre Heimatdiözesen zurück. Die Diakone, die unser Bischof nun geweiht hat, sind der erste solche Jahrgang.

Frage: Ohne diese Seminaristen wäre das Brixener Priesterseminar recht leer, aktuell studiert nur ein einziger Südtiroler dort. Dabei ist der Katholizismus in Südtirol traditionell weit verbreitet, 95 Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Woher kommt dieser eklatante Nachwuchsmangel?

Moling: Diese Frage wird mir sehr oft gestellt. Auch bei uns geht der Glaube und das Interesse am christlichen Leben zurück. Gleichsam haben wir weniger Nachwuchs in unseren Familien. Früher sind viele Priester aus kinderreichen Familien gekommen. Zudem ist es für manche junge Männer natürlich eine Herausforderung, zölibatär zu leben und sich ein ganzes Leben lang an diesen Dienst zu binden. Aktuell studiert, wie Sie gesagt haben, ein Südtiroler bei uns in Brixen; ein weiterer derzeit in Innsbruck.

Frage: Wo merken Sie, dass das Interesse am christlichen Leben zurückgeht?

Moling: Wir merken landauf, landab, dass die Zahl der regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer sinkt. Viele ältere Menschen sind treue Kirchgänger, aber bei den jungen Menschen sehen wir, dass der Nachwuchs fehlt. Gleichzeitig ist die Kirche für bestimmte Feiern sehr stark nachgefragt, zum Beispiel bei Eheschließungen, Erstkommunion, Firmungen und Beerdigungen. Da hat die Kirche einen hohen Stellenwert, ebenso an den hohen Festtagen.

Frage: Priester verdienen in Südtirol nur etwa 1.300 Euro. Könnte auch das ein Grund für das fehlende Interesse sein?

Moling: Ich halte das nicht für sehr relevant. Wenn Menschen den priesterlichen Dienst als ihre Lebensberufung entdecken, geht es ihnen nicht primär um Entlohnung, auch wenn natürlich jeder von uns ein gewisses Gehalt braucht. Wir haben in der Diözese verschiedene Formen der Unterstützung: Es gibt einen Solidaritätsfond für Priester und einen Priesterunterstützungsverein.

Eine Gruppe junger Männer aus Italien, Indien, Tansania und Ecuador.
Die Seminargemeinschaft von Brixen mit Regens Markus Moling (hinten 3.v.l.) und Bischof Ivo Muser (hinten 4.v.l.).

Frage: Die zukünftigen Neupriester aus Indien und Tansania werden nach ihrer Priesterweihe noch fünf Jahre in Südtirol bleiben. Wie wurden sie auf den Dienst in einer ihnen fremden Kirche vorbereitet?

Moling: Während der Ausbildung waren die Seminaristen in Praktikumspfarreien eingebunden, wo sie die pastorale Situation unserer Diözese kennenlernten. Sie haben diese Erfahrungen dann in Supervision reflektiert. Jetzt besuchen sie ein eigenes Ausbildungsprogramm im Diakonatsjahr. Nach der Priesterweihe werden sie am sogenannten Pastoraljahr teilnehmen. Das ist auf zwei Jahre ausgedehnt, damit sie ein intensiveres Begleitungsprogramm haben und in unsere pastorale Situation hineinwachsen können.

Frage: Würde es das Priesterseminar und die theologische Fakultät in Brixen ohne die ausländischen Studenten noch geben?

Moling: Ohne die Seminaristen aus den Partnerdiözesen wäre eine Priesterausbildung in der heutigen Form in Brixen kaum möglich. Bei der Hochschule haben wir auch ein Philosophiestudium und einen Ethikkurs, der sehr gut funktioniert.

Frage: In den vergangenen zehn Jahren wurden elf Männer im Bistum zu Priestern geweiht, darunter waren sieben Ordenspriester. Wird das Bistum zu abhängig von den Ordensgemeinschaften?

Moling: Ganz im Gegenteil. Als Diözese müssen wir dankbar sein, wenn sich Ordensgemeinschaften in einen pastoralen Dienst der Diözese stellen. Die Zusammenarbeit mit den Ordenspriestern funktioniert sehr gut. Wir haben die Augustiner-Chorherren von Neustift, verschiedene Benediktinergemeinschaften, den Deutschen Orden, Kapuziner, Franziskaner und weitere Gemeinschaften. Vor allem die Kapuziner waren früher in Südtirol ganz wichtig. Leider sind auch sie altersbedingt weniger geworden. Aber das sind ganz wichtige Stützen für die Seelsorge in den Pfarreien und für pastorale Angebote, die sie anbieten können.

Frage: Auch Ordensgemeinschaften werden kleiner und müssen Klöster aufgeben. Macht es das Bistum nicht nervös, abhängig von den Entscheidungen der Ordensverantwortlichen zu sein?

Moling: Die Diözesanleitung spricht jährlich mit diesen Ordensgemeinschaften über die Personalplanung. Die Dominikaner der italienischen Provinz haben beispielsweise ihr Personal jetzt aufgestockt und für diese Hilfe sind wir sehr dankbar. Mit den Steyler Missionaren ist eine relativ neue und internationale Ordensgemeinschaft bei uns präsent.

Ohne die Menschen, die ehrenamtlich in den Pfarreien tätig sind, wird es nicht gehen.

Markus Moling

Frage: Südtirol hat mit Deutsch, Italienisch und Ladinisch drei Amtssprachen. Ist das eine zusätzliche Herausforderung für die Priesterausbildung?

Moling: Ja. Die Leute haben einen anderen Zugang zu Seelsorgern, die die Sprache der Menschen vor Ort sprechen. Deshalb integrieren wir auch italienischsprachige Elemente in die Ausbildung. In den ladinischsprachigen Tälern – dem Gadertal und dem Grödnertal – ist es wichtig, dass Priester zumindest Grundkenntnisse der ladinischen Sprache haben.

Frage: Wie gefährdet sind die ladinischsprachige Gottesdienste?

Moling: Wort-Gottes-Feiern, denen Laien vorstehen und die natürlich auch auf Ladinisch abgehalten werden, sind langfristig garantiert. Bisher ist es gelungen, regelmäßig Eucharistiefeiern auf Ladinisch zu feiern, wobei in den Gemeinden auch Gottesdienste auf Deutsch und Italienisch gefeiert werden. Aber wir werden über ladinische Sprachkurse nachdenken müssen, wenn Priester dort eingesetzt werden, die kein Ladinisch sprechen.

Frage: Unabhängig von der Sprache: Wie wird die Seelsorge in Südtirol in zehn, 25 oder 50 Jahren aussehen?

Moling: Wir werden flächenmäßig weniger Priester, die von Priester aus anderen Ländern wichtige Unterstützung bekommen. Die Vielfalt der Berufungen mit den Ehrenamtlichen und den ständigen Diakonen wird mehr gefordert sein. Da müssen wir immer wieder Wege ausloten, denn ohne die Menschen, die ehrenamtlich in den Pfarreien tätig sind, wird es nicht gehen.

Frage: Wenn ein besorgter Gläubiger Sie heute fragt, ob auch in Zukunft Eucharistie gefeiert und Sakramente gespendet werden, wie überzeugt können Sie mit "Ja!" antworten?

Moling: Was die nächsten zehn oder 15 Jahre betrifft, bin ich sehr zuversichtlich, dass dies auch in Zukunft möglich ist.

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