Theologe: Polygamie ist kein Indiz moralischer Rückständigkeit
Der Münsteraner Priester und Theologe Égide Muziazia hat die westliche Kritik an der Praxis der Polygamie in Afrika zurückgewiesen. "Die Polygamie ist in Afrika weder eine bloße sittliche Verfehlung noch ein Indiz moralischer Rückständigkeit. Sie ist vielmehr eine soziale Institution, die in ein umfassendes Gefüge von Verwandtschaft, Allianzbildung und Weitergabe des Lebens eingebettet ist", schreibt Muziaza in einem Beitrag für das Online-Portal "feinschwarz.net" (Dienstag). Die afrikanische Ehe verbinde nicht primär zwei Individuen, sondern zwei Familien oder Abstammungsgruppen. Historisch habe die Polygamie demnach mehrere Funktionen und Pflichten erfüllt, indem etwa Nachkommenschaft gesichert, Witwen und Waisen versorgt und Bündnisse gestiftet wurden.
Die Begegnung mit der christlichen Mission habe dann zu einem "frontalen kulturellen Zusammenprall" geführt, schildert Muziaza. "Monogamie wurde als Voraussetzung für die Taufe gefordert. Damit wurde die monogame Ehe zum Kennzeichen des vorbildlichen Christen – mit der Folge, dass die 'überzähligen' Ehefrauen vielfach verstoßen wurden – eine Ungerechtigkeit, die im Namen des Evangeliums begangen wurde." Die gegenwärtige Form der Polygamie lassen sich jedoch kaum auf die historisch-kulturellen Wurzeln zurückführen. Die Kirche in Afrika stehe daher vor einer sich wandelnden Wirklichkeit, die stets neue Antworten erfordere.
Der Theologe lobte in seinem Beitrag das im März vom vatikanischen Synodensekretariat veröffentlichte Papier "Die pastorale Herausforderung der Polygamie". "Die pastorale Öffnung der Kirche gegenüber Menschen, deren Lebenswirklichkeit von polygamen Verbindungen geprägt ist, hat nicht erst mit diesem Dokument begonnen", schreibt Muziazia. Das Dokument kennzeichne jedoch einen "Kulminationspunkt in einem langfristigen ekklesialen Prozess, in dem eine über Jahrzehnte gewachsene und in den Ortskirchen Afrikas längst eingeübte Praxis nun ausdrücklich theologisch reflektiert und kollegial vergewissert wird". Der Theologe begrüßte, dass hier der Glaubenssinn der Gläubigen und pastorale Klugheit artikuliert werden, bevor lehrhafte Formulierungen formuliert werden.
Diese Art der kontextuellen Theologie sei nicht bloß als Zugeständnis an die Kirche in Afrika zu verstehen. Jede Theologie entstehe aus der Begegnung von Evangelium, Kirche und Kultur. "Auch die europäische Theologie ist eine kontextgebundene Theologie – geprägt von Scholastik, Aufklärung und bürgerlicher Moderne –, die lediglich über die historische Macht verfügte, sich als universale Norm darzustellen und ihre eigene Kontextgebundenheit unsichtbar zu machen." Das Dokument war von einer Arbeitsgruppe des Symposiums der Bischofskonferenz von Afrika und Madagaskar (SECAM) erarbeitet worden.
Das Beispiel der Polygamie offenbare weniger eine Spannung zwischen Rom und Afrika als vielmehr ein Wesensmerkmal der Kirche selbst. "Die universale Norm bedarf der Einwurzelung in konkreten Kontexten, um zum Weg zu werden. Und die Kontexte bedürfen der universalen Norm, um nicht zum Gefängnis zu werden", schreibt Muziazia. "Zwischen dem Erlaubten und dem Unerlaubten liegt der Kontext – nicht als Ausflucht, sondern als theologischer Ort, an dem das Wort zur Antwort wird." Gerade darin zeige sich die "Schönheit der Katholizität".
Muziazia spricht sich dafür aus, dass die Kirche in unterschiedlichen Kontexten verschiedene pastorale Möglichkeiten schaffen muss. "Keine Kirche existiert außerhalb eines bestimmten Kontextes", schreibt der Priester. "Die Verortung in einem bestimmten Kontext bedeutet jedoch niemals einen Bruch mit der Universalkirche. Katholizität ist nicht Uniformität, sondern Gemeinschaft der Kontexte."