Theologe Vellguth: Wir müssen Schöpfung immer wieder neu denken
Wie können unterschiedliche Kulturen und weltkirchliche Perspektiven unser Verständnis von Schöpfung bereichern, gerade im Blick auf drängende Fragen der Umweltgerechtigkeit? Das ist Thema einer trikontinentalen Online-Konferenz unter dem Titel "Schöpfungsspiritualitäten im Dialog", die auf Initiative der Theologischen Fakultät Trier veranstaltet wird. Der Trierer Pastoraltheologe und Missionswissenschaftler Klaus Vellguth plädiert für eine Debatte, die europäische Denkmuster hinterfragt und die Verbundenheit allen Lebens neu in den Blick nimmt.
Frage: Herr Professor Vellguth, Papst Franziskus hat mit seiner Enzyklika "Laudato si" (2015) das Thema Schöpfungsspiritualität weit oben auf die kirchliche Agenda gesetzt. Wie ist es inzwischen um dieses Thema bestellt?
Vellguth: Ein zentrales Anliegen der Enzyklika war es, einen kirchlichen und einen interreligiösen Dialog über Umweltgerechtigkeit und Schöpfungsspiritualität anzustoßen. Dass Franziskus seine Enzyklika sowohl mit einem christlichen Gebet als auch mit einem Gebet für alle Menschen, die an Gott glauben, abschließt, unterstreicht diese Offenheit. Hinter dieses schöpfungstheologische Engagement gibt es kein Zurück. Auch in der Enzyklika "Magnifica humanitas" von Papst Leo XIV. finden sich beeindruckende schöpfungstheologische Bezüge.
Frage: Die Vorstellung von Schöpfung ist immer kulturell geprägt, wie es auch das Verständnis von Texten ist. Was übersehen Europäer, die die biblische Schöpfungserzählung lesen, im Vergleich zu Menschen aus anderen Teilen der Welt?
Vellguth: In Europa haben wir die biblische Schöpfungserzählung häufig im Sinne eines "dominium terrae" verstanden, also eines Herrschaftsauftrags Gottes an den Menschen über die Erde. Damit verbunden ist eine anthropozentrische Perspektive: Der Mensch rückt ins Zentrum und betrachtet die übrige Schöpfung von seiner eigenen Position aus; er steht also in ihrem Mittelpunkt. Andere kulturelle Traditionen betonen dagegen stärker die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und der gesamten natürlichen Mitwelt sowie die Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren.
Frage: Welche dieser beiden Perspektiven ist biblisch besser begründet?
Vellguth: Der Mensch als Mittelpunkt der Schöpfung – biblisch kann man das so eindeutig gar nicht sagen. Es geht eher um die Relationalität, das Beziehungsgeflecht der gesamten Schöpfung. Mensch und Tier wurden als Mitwesen geschaffen. Papst Franziskus hat sich in "Laudato si" ausdrücklich gegen einen maßlosen Anthropozentrismus gewandt, weil er gemerkt hat, dass ein solcher verheerend ist. In seinem Schreiben "Laudate Deum" von 2023 hat er diese Überlegungen weitergeführt und für einen situierten Anthropozentrismus plädiert, der eine Verbundenheit des Menschen mit der Mitwelt betont. In den Debatten der vergangenen Jahre merken wir, dass es überlebenswichtig ist, solche relationalen Perspektiven zu entwickeln.
Frage: Gerade der Globale Süden ist besonders von Klimawandel und Umweltzerstörung betroffen. Welche Rolle spielen diese für das Verständnis von Schöpfung in diesen Regionen?
Vellguth: Fragen der Schöpfungsspiritualität sind untrennbar mit Fragen der Schöpfungsgerechtigkeit verbunden. Es ist geradezu fatal, dass die Länder des Globalen Südens, die vergleichsweise wenig zum Klimawandel und zum Verlust der biologischen Vielfalt beigetragen haben, häufig besonders stark unter deren Folgen leiden. Deshalb wächst dort das Engagement, mit dem Globalen Norden über Fragen der Schöpfungsgerechtigkeit ins Gespräch zu kommen. Dabei verschiebt sich leider der Schwerpunkt der Debatte. Während es früher vor allem darum ging, wie sich der Klimawandel verhindern oder begrenzen lässt, steht heute zunehmend die Frage im Raum, wer für die Kosten seiner Folgen aufkommt. Beides muss jedoch zusammen gedacht werden: Wir müssen weitere ökologische Veränderungen verhindern und zugleich den Menschen helfen, die bereits mit den Folgen des Klimawandels leben müssen.
Frage: Sie plädieren – das ist auch Inhalt der anstehenden Konferenz – für einen stärkeren Dialog der verschiedenen globalen Schöpfungsspiritualitäten. Was kann die Kirche in Europa oder im Globalen Norden aus einem solchen lernen?
Vellguth: Zunächst einmal kann sie lernen, wie gut es ist, zuzuhören, statt vorschnell selbst Antworten zu geben. Gerade indigene Religionen in Afrika, Lateinamerika und Asien haben Perspektiven auf die Schöpfung bewahrt, die in unserer eigenen Kultur teilweise verschüttet sind. Der Dialog kann uns dabei helfen, verschiedene Formen der Zentrismen in unserer Kultur zu überwinden: neben dem Anthropozentrismus den Eurozentrismus, der europäische Sichtweisen zum Maßstab macht, und den Androzentrismus, der männliche Perspektiven privilegiert. Das wiederum kann unser theologisches Denken beeinflussen und bereichern: indem wir den Fokus auf die Beziehungsdimension legen.
Frage: Welche Beispiele können Sie dafür nennen?
Vellguth: Zu der relationalen Perspektive gehört ein ausgeprägtes Bewusstsein für die intergenerationellen Beziehungen. In traditionellen afrikanischen Religionen zeigt sich dies in der engen Verbindung zu den Ahnen. Eine solche Sicht ist im europäischen Denken weniger selbstverständlich. Wir haben erst in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt durch die Debatte über Schöpfungsverantwortung, stärker gelernt, die Interessen künftiger Generationen mitzudenken. In den indigenen Kulturen Lateinamerikas spielt die Beziehung zur gesamten natürlichen Umwelt eine wichtige Rolle, nicht nur zur belebten Schöpfung, sondern auch zur unbelebten. Das zeigt sich etwa in Vorstellungen wie der "Pachamama", der Mutter Erde.
Am 29. und 30. Oktober veranstaltet die Theologische Fakultät Trier eine trikontinentale Online-Konferenz unter dem Titel "Schöpfungsspiritualitäten im Dialog". Betrachtet wird das Thema aus der Sicht drei verschiedener Kulturen: Kooperationspartner sind die Facultad de Teología San Pablo in Cochabamba (Bolivien), die Catholic University of Rwanda und die Protestant University of Rwanda.
Anmeldeschluss ist der 25. Oktober.
Frage: Wie kann ein solcher Dialog gelingen, ohne kulturelle Unterschiede zu romantisieren oder zu vereinheitlichen?
Vellguth: Entscheidend ist, dass wir nicht nur zuhören, sondern darüber hinaus bereit sind, unser eigenes Denken infrage zu stellen. Wir sollten nach jenen Perspektiven in anderen Kulturen schauen, die quer zu unseren eigenen Vorstellungen stehen. Damit stehen wir auf dem Boden des Zweiten Vatikanischen Konzils. In der Erklärung "Nostra aetate" (1965) wird anerkannt, dass sich auch in anderen Religionen Spuren der Wahrheit und der Weisheit Gottes finden. Es geht darum, diese Spuren aktiv zu suchen.
Frage: Und welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Dialog für das Miteinander in der Weltkirche?
Vellguth: Wir lernen das gerade im synodalen Prozess: In einem ersten Schritt geht es darum, andere Menschen in ihrem Anderssein überhaupt wahrzunehmen und anzuerkennen. Wir sollten Unterschiede nicht als Bedrohung erleben, gegen die wir unsere eigene Position verteidigen müssen. Vielmehr gilt es, sie als Schatz zu entdecken und in einen weltkirchlichen Polylog einzubringen – also in ein Gespräch, an dem viele unterschiedliche Stimmen beteiligt sind. Am Ende geht es nicht zwangsläufig darum, eine gemeinsame Synthese zu erreichen oder die eigene Position durchzusetzen. Vielmehr müssen wir lernen, mit unterschiedlichen Perspektiven umzugehen. Oder anders gesagt: zu einem neuen Verständnis der Pluralität der Wahrheiten gelangen.
Frage: Wie sieht Ihre Vision einer weltkirchlichen Schöpfungsspiritualität aus?
Vellguth: Der Reichtum der unterschiedlichen Kulturen soll zusammenkommen und in immer neuen Konstellationen zum Leuchten gebracht werden. Das knüpft an eine zentrale Einsicht von Papst Franziskus aus seinem programmatischen Schreiben "Evangelii gaudium" (2013) an: "Die Zeit ist wichtiger als der Raum." Es soll ein fortlaufender, dynamischer Prozess entstehen, in dem wir unser Verständnis von Schöpfung immer wieder neu entwickeln und die unterschiedlichen Perspektiven der Weltkirche miteinander in Beziehung bringen. Dazu gehört auch, die Schöpfung nicht als ein Gegenüber zu betrachten. Wir müssen uns selbst immer wieder neu als Teil dieser Schöpfung verstehen und artikulieren.