Vollkasko fürs Jenseits
Für die Verkündigung entwickelte er ein völlig neues Konzept in Form einer Ablasskampagne. Damit tat Perault für das Ablasswesen das, was Steve Jobs 500 Jahre später für das mobile Telefonieren getan hat. Danach war alles anders - und man fragte sich, warum man sich vorher mit weniger zufriedengegeben hat.
Die von Perault entwickelten Ablasskampagnen dominierten die geistliche Landschaft des ausgehenden Mittelalters - und führten ziemlich unmittelbar in die Reformation. Das Deutsche Historische Institut in Rom und die evangelische Waldenserfakultät veranstalten als Beitrag zur Lutherdekade eine dreitägige internationale Tagung mit dem Titel "Ablasskampagnen des Spätmittelalters - Martin Luther und der Ablassstreit von 1517". Interdisziplinär angelegt, beleuchtet sie ab Montag die historischen Dimensionen des Ablasswesens (Siehe Info-Kasten).
"Konzept der vier Gnaden"
Domdekan Raimund Peraudi - unter diesem Namen ist er in Deutschland bekannt - predigte nicht einfach den Ablass, wie es andere schon seit Generationen vor ihm getan hatten. Er entwickelte das "Konzept der vier Gnaden": den vollständigen Ablass für die Lebenden, den Ablass für die Verstorbenen, einen Ablassbrief für die Todesstunde und die Teilhabe am Gebet der ganzen Kirche. Diese vier Gnaden waren sozusagen eine Vollkaskoversicherung für das Jenseits. Sie sorgten dafür, dass man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die gefürchtete Zeit im Fegefeuer auslassen und direkt in die ewige Seligkeit eingehen konnte.
Solche Gnade brauchte auch einen entsprechenden Rahmen. Unter dem großen roten Kreuz in der Mitte der Kirche, das mit dem Wappen des Papstes geschmückt war, forderten Peraudi und seine Mitarbeiter in zahlreichen Gottesdiensten und Andachten die Menschen zur Umkehr auf. Schließlich waren Ablässe nicht als Freibrief für enthemmtes Sündigen gedacht. Wer also sein persönliches Sündenkonto bereinigen und Vorsorge für die Zukunft treffen wollte, musste erst die Beichte ablegen und konnte dann je nach Einkommen gestaffelt einen Beitrag in den Geldkasten unter dem Kreuz werfen. Ohne Beichte und Reue war der Ablass wirkungslos.
Kardinalshut für Peraudi
Gilt die Verbindung von Geld und Gnade heute als höchst anstößig, so war das damals keineswegs so. Faktisch hatten die teilweise enormen Summen aus den Ablasskampagnen die Funktion von Steuern, nur eben mit verbriefter jenseitiger Wirkung.
In Rom findet ab Montag eine dreitägigen Konferenz im Rahmen der sogenannten Lutherdekade über Ablasskampagnen des Spätmittelalters statt. Die Veranstaltung wird gemeinsam vom Deutschen Historischen Institut und der evangelischen Theologischen Fakultät der Waldenser organisiert. Unter fünf übergeordneten Themen werden in knapp 30 Vorträgen die neueren Forschungen zum Ablasswesen vorgestellt. Gefragt wird nach der Rolle der Kurie und dem kirchenrechtlichen Hintergrund, nach den Trägern dieser Kampagnen und welchen Niederschlag sie in der Frömmigkeit vor Ort fanden. Der Einsatz von Ablassmedien wie Bild, Kunst und Buchdruck werden ebenso thematisiert wie Kritik am Ablasswesen, wie sie etwa Jan Hus (um 1369-1415) in Prag vorbrachte. Zum Abschluss werden unter Beteiligung der Apostolischen Pönitentiarie, jener Vatikanbehörde, die seit 1917 für Ablässe zuständig ist, die damaligen Streitpunkte diskutiert. (KNA)
Rom belohnte den französischen Domdekan mit dem roten Kardinalshut und schickte ihn gleich wieder auf die Reise. Bis zu seinem Tod im Jahr 1505 verkündete Peraudi im Auftrag des Papstes verschiedene Ablässe in Frankreich, Deutschland und Skandinavien. Diese Kampagnen standen unter einem übergeordneten Zweck, etwa der Nachfeier des Heiligen Jahres in Rom oder dem Kampf gegen die Feinde der Christenheit. Dem Beispiel Peraudis folgend, wurde dann neben anderen Ablässen auch eine Kampagne für den Neubau der römischen Peterskirche verkündet.
"Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt": Manch einer der Ablassprediger versprach mehr, als er eigentlich halten konnte. Dazu zählte auch der Dominikaner Johannes Tetzel (um 1460-1519). Als Martin Luther im Beichtstuhl davon hörte, packte ihn die Wut. In 95 Thesen schrieb er empört nieder, was er vom Ablass in dieser Form hielt. Der Rest ist Geschichte.