Warum musste dieser Jesuit sein Amt aufgeben?
Im politischen Washington sorgt nicht nur Präsident Donald Trump mit überraschenden Kündigungen für Aufsehen. Dass es dabei aber einen katholischen Priester trifft, ist doch ungewöhnlich. Derzeit wird in der US-Hauptstadt über die Freistellung von Patrick Conry diskutiert. Der Jesuit war am vergangenen Dienstag nach sieben Jahren ohne Angabe von Gründen von seinem Amt als Seelsorger des Abgeordnetenhauses zurückgetreten. Seinen Verzicht geschehe ausdrücklich auf Wunsch des – ebenfalls katholischen – Parlamentspräsidenten Paul Ryan, erklärte Conroy.
Laut einem Bericht der Zeitung "The Hill" hatte der Republikaner über seinen Büroleiter bei Conroy bereits Mitte April um Amtsverzicht gebeten. Dem Gesuch sei Conroy mit Schreiben vom 16. April nachgekommen. Die Gründe jedoch kenne er selber nicht, erklärte der Geistliche in der vergangenen Woche gegenüber der "New York Times": "Ich möchte das nicht politisieren. Ich mache mir meine Gedanken, möchte mich aber an der Debatte nicht beteiligen."
Ärger um ein Gebet zur Steuerreform
Um die Entlassung Conroys hat sich dabei längst eine parteipolitische Auseinandersetzung entsponnen. Kritiker von Ryans Entscheidung unterstellen dem Republikaner, er habe sich an Aussagen des Priesters im Abgeordnetenhaus gestört. Demnach seien ihm warme Worte für bestimmte gesellschaftliche Gruppen vor Beginn der Sitzungen sauer aufgestoßen.
Demokratische Abgeordnete verwiesen insbesondere auf das Morgengebet Conroys vom 6. November vergangenen Jahres. Als die Parlamentarier damals eine umstrittene Steuerreform auf den Weg brachten, betete der Priester: "Mögen ihre Mühen in diesen Tagen dafür sorgen, dass es unter den neuen Steuergesetzen keine Gewinner oder Verlier gibt, sondern einen gerechten und geteilten Nutzen für alle Amerikaner." Gegenüber der "New York Times" erinnerte sich Conroy nun an die Reaktion Ryans auf das Gebet: "Padre, Sie müssen sich aus der Politik heraushalten."
Nach dem fremdgesteuerten Ausscheiden Conroys sagen nun etliche Politiker und Beobachter, dass gerade Ryan das Amt des Seelsorgers politisiert habe. Der Vorfall diene in erster Linie dazu, die Gräben zwischen Demokraten und Republikanern in Washington noch zu vertiefen. Entgegen der ursprünglichen Behauptung des Präsidialbüros, die Minderheitensprecherin Nancy Pelosi habe von der Bitte um den Rücktritt an Conroy gewusst und diese auch unterstützt, zeigt diese sich überhaupt nicht einverstanden. "Seine abrupte, ungerechte Entlassung ist schwer zu verstehen und unmöglich zu unterstützen", hieß es in einer Stellungnahme Pelosis vom Freitag.
Am gleichen Tag beantragten demokratische Abgeordnete die Einrichtung einer Untersuchungskommission zum Rücktritt Conroys; ein symbolischer Antrag, der absehbar an der Stimmenmehrheit der Republikaner scheiterte. Zugleich machte ein Brief von Abgeordneten an Ryan die Runde, in dem der Sprecher zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde. Sowohl der Antrag, wie auch der Brief, wurden dabei nicht allein von Demokraten unterstützt. Auf beiden Listen fanden sich auch die Namen von republikanischen Abgeordneten.
Nur ein Ausdruck der althergebrachten Katholikenfeindlichkeit?
Nach Einschätzung einiger Parlamentsvertreter zeige die Causa Conroy nämlich noch eine andere Trennlinie auf: In der Quasi-Entlassung des Jesuiten zeigten sich einmal mehr tief sitzende antikatholische Ressentiments in Washington. In der Tat war Conroy in der langen Tradition des Parlamentsseelsorgers seit 1789 erst der zweite Katholik; sein unmittelbarer Vorgänger Daniel Coughlin war von 2000 bis 2011 der erste.
Nahrung für die These vom antikatholischen Vorgang lieferte am Donnerstag auch der republikanische Abgeordnete Mark Walker. Er gehört dem überparteilichen Komitee zur Suche eines neuen Seelsorgers an und forderte, Conroys Nachfolger müsse ein verheirateter Familienvater sein. Ein solcher Seelsorger könne den zumeist ebenfalls verheirateten Abgeordneten besser dienen. Vertreter beider Parteien werteten Walkers Aussage als Angriff auf zölibatär lebende katholische Priester.
Padre, Sie müssen sich aus der Politik heraushalten.
Paul Ryan, Parlamentspräsident in den USA
Gegenüber seinen republikanischen Kollegen soll Ryan hingegen erklärend angeführt haben, ihn hätten Klagen über die seelsorgliche Arbeit Conroys erreicht. Auch hierzu hatte sich Walker geäußert. Demnach sei Conroy für Abgeordnete in persönlichen Krisen nicht greifbar gewesen. Dem widersprach laut "Wall Street Journal" jedoch ein Parteigenosse, der beim Attentat auf Kongress-Abgeordnete im vergangenen Sommer verletzt wurde: Der Jesuit sei damals einer der ersten gewesen, der sich um ihn gekümmert habe.
Unter Beobachtern gelten jedoch vor allem Conroys Gebete als ausschlaggebender Grund für seinen erzwungenen Rücktritt. Der Jesuit sei schlicht zu liberal für den Geschmack des konservativen Ryan und der republikanischen Mehrheit gewesen. Seine häufige Erwähnung der Armen und Ausgegrenzten würde demnach nicht als christliche, sondern als unzulässige politische Parteinahme verstanden. Das wiederum führen Kommentatoren auf die veränderte politische Kultur unter US-Präsident Donald Trump zurück. In der "Washington Post" brachte dies der Kolumnist Dana Milbank am Freitag deutlich auf den Punkt: "Nur in dieser verdorbenen Zeit kann ein Priester seinen Job verlieren, weil er die Sünde begangenen hat, nach Gerechtigkeit für die Armen zu schreien."