"Wiederaufbau kann zehn Jahre dauern"
"Die Menschen waren teilweise 28 Tage lang nicht in ihren Häusern und kommen nun aus den Notunterkünften zurück", berichtet Sami El-Yousef vom Päpstlichen Missionswerk in Jerusalem katholisch.de. Der Anblick, der sich ihnen bietet, ist erschreckend. Denn das Ausmaß an Zerstörung, das langsam sichtbar werde, sei enorm, sagt er. "Auch in Gaza sind wir es nicht gewohnt, mit so einer Situation umzugehen." Der Regionaldirektor für Palästina schätzt, dass ein Wiederaufbau der Region um die zehn Jahre dauern wird.
Auch einige christliche Einrichtungen seien bei den Kämpfen der letzten Wochen schwer beschädigt worden, sagt El-Yousef. Drei argentinische Ordensschwestern wurden noch rechtzeitig evakuiert. Zwei Wochen später traf die Druckwelle eines Angriffs ihren erst im März renovierten Konvent. Weiter wurden die Schule der "Rosary Sisters", ein Komplex des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem sowie die Wohnung des katholischen Pfarrers Jorge Hernandez beschädigt.
Sami El-Yousef (Mitte) ist Reginaldirekor für Palästina beim Päpstlichen Missionswerk in Jerusalem. Das Foto entstand vor einem Jahr in Zeitoun, Gaza.
Während des Krieges hätten die Christen zunächst versucht zu helfen, wo sie konnten, berichtet El-Yousef. Er schätzt die Zahl der Christen in Gaza auf rund 1.300. 90 Prozent davon seien Orthodoxe und rund 10 Prozent Katholiken. Die Holy Family School, die griechisch-orthodoxe Pfarrei und das Kulturzentrum hätten zu Beginn des Konflikts ihre Türen geöffnet und insgesamt rund 2.500 Menschen aufgenommen.
Christen auch selbst zu Opfern geworden
Doch sind die Christen auch selbst zu Opfern geworden. Die Päpstlichen Missionswerke berichten von einer 60 Jahre alten Frau, die vor einer Woche bei einer Bombardierung ihres Hauses starb. Zwar habe die Israelische Armee sie mit einem Anruf gewarnt, doch die Rakete flog durch ihr Dach bevor sie und ihr Sohn fliehen konnten, berichtet El-Yousef. Der 32-jährige Sohn liege in einem Jerusalemer Krankenhaus im Koma.
Auch wenn der Beschuss nun aufgehört habe und es Hoffnung auf eine Verlängerung der Waffenruhe über Freitag hinaus gebe, seien die nächsten Schritte für die Menschen im Gaza-Streifen schwierig, berichtet Sami El-Yousef. Besonders schlimm sei die fehlende Elektrizität. Bis es wieder funktionierende Stromleitungen gebe, werde wohl ein Jahr vergehen. Der Direktor berichtet auch über die Arbeit des von Anglikanern betriebenen Al Ahli Arab Hospital. Obwohl es dort nur 80 Betten gebe, seien während des Krieges jeden Tag 160 Patienten behandelt worden. Und das, obwohl es nur zwei bis vier Stunden am Tag Strom gebe.
Doch daran will El-Yousef nicht denken, sondern konzentriert sich auf die Zukunft. Dass man beim Wiederaufbau nicht nur auf die Gebäude schaut, ist ihm wichtig. Mittelfristig wolle sich das Päpstliche Missionswerk auch um traumatisierte Kinder kümmern, berichtet er. Schon nach dem letzten großen Konflikt 2009 habe man psychosoziale Programme für die Kleinsten und die Jugend angeboten. Damals seien rund 10.000 Kinder in Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern erreicht worden. "Diesmal hören wir, dass rund 373.000 Kinder psychologische Hilfe brauchen", so El-Yousef.
Aktuell 65.000 Menschen ohne ein Zuhause
Der Wiederaufbau stockt ebenfalls: Über Baumaßnahmen und die Lieferung von Baumaterial müsste erst verhandelt werden, bevor sich die Menschen an den Wiederaufbau machen könnten, so El-Yousef. Nach UN-Angaben gibt es aktuell rund 65.000 Menschen ohne ein Zuhause. Nahrungsmittel aus Israel und Ägypten würden dagegen inzwischen wieder eingeführt, berichtet der Regionaldirektor. "Die Frage ist nur, wer sie sich leisten kann", sagt er und verweist darauf, dass die Banken geschlossen wurden und es seit Beginn des Krieges kein Bargeld an den Geldautomaten gebe.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte dagegen am Mittwochabend die Hoffnung, dass der Kreislauf aus Aufbau und Zerstörung im Gazastreifen durchbrochen werde: "Müssen wir so weitermachen? Aufbauen, zerstören, aufbauen, zerstören", sagte er in der UN-Vollversammlung in New York. "Wir werden wieder aufbauen. Aber diesmal muss es das letzte Mal sein. Das muss aufhören."
Das ganze Ausmaß des Krieges schockierte auch den Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. "Ich habe noch nie so massive Zerstörungen gesehen", sagte Peter Maurer nach einem Besuch des Viertels Sadschaija. Insgesamt wurden bei der israelischen Offensive nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums bisher 1.875 Palästinenser getötet und 9.567 verletzt. (Mit Material von dpa)
Von Agathe Lukassek