Wissen ist Macht - Google ist Wissen
In Anspielung auf den Schriftsteller taufte Ben Lewis seine Dokumentation über Google Book und die Datengier des Internet-Kraken "Google and the World Brain". Nach der Uraufführung auf dem Filmfestival von Sundance strahlt Arte sie am 2. April um 20.15 Uhr unter dem Titel "Google und die Macht des Wissens" aus.
Bibliothek der Weltliteratur
Lewis, dessen Name für Dokumentationen wie "Baader Meinhof - In Love with Terror" und "Poor Us: An Animated History of Poverty" steht, beginnt mit einem kurzen Ausflug zu den ersten Versuchen, das Weltwissen in der Bibliothek von Alexandria oder in Enzyklopädien zu bündeln. Anschließend rekonstruiert er mit vielen Interviews akribisch die Fakten zu Google Books, den Protest gegen das Projekt und die rechtlichen Auseinandersetzungen.
2002 begann Google, Werke der Weltliteratur einzuscannen. Die US-amerikanischen Universitäten von Michigan, Harvard und Stanford, die Bodleian Bibliothek im englischen Oxford und die Katalanische Bibliothek in Barcelona stellten ihre umfangreichen Sammlungen für die Digitalisierung zur Verfügung. Von den rund zehn Millionen erfassten Büchern waren mehr als sechs Millionen urheberrechtlich geschützt. Sowohl die amerikanische Autorengilde als auch die Verlegervereinigung reichten 2005 Klage gegen Google ein. Drei Jahre später einigten sie sich mit dem Unternehmen auf das "Google Book Settlement", das dem Internet-Konzern den exklusiven Zugriff auf die Veröffentlichungen des 20. Jahrhunderts in der digitalen Welt sicherte. Konkurrenten, Urheber und Regierungen liefen Sturm gegen diesen Kompromiss. In einem mit Spannung erwarteten Prozess entschied ein New Yorker Gericht 2011, das Settlement aufzuheben.
Bibliothek plötzlich Gebührenpflichtig
Wobei es nicht nur um Geld und Urheberrechte ging. Es mag wie ein Spleen der Franzosen wirken, zu monieren, dass Treffer zu Klassikern wie Victor Hugo vorrangig in Englisch angezeigt wurden. Doch sein Schicksal könnten Johann Wolfgang von Goethe oder Thomas Mann teilen.
Wird Englisch über Google endgültig zur Weltsprache? Auch die Universitäten schlossen sich den Zweiflern an. Denn so uneigennützig, wie Google versprochen hatte, war der Zugang zu den digitalisierten Werken niemals. Die Google-Buch-Website wurde zu einer gebührenpflichtigen Bücherei. Die Freiheit des Informationsflusses im Internet, die Google gerne öffentlich beschwört, drohte von einem Wissens-Monopolisten stranguliert zu werden.
Lewis arbeitet in seiner Dokumentation exzellent weitere Schwachstellen des Abkommens heraus - und vor allem deren gesellschaftliche Brisanz. Zum Beispiel: Der Datenschutz der Nutzer war zunächst nicht geklärt. Der "Big Brother", den H. G. Wells' Zeitgenossen George Orwell in "1984" beschrieb, drohte Wirklichkeit zu werden. Nur sind es keine Staaten, die ihre Bürger kontrollieren, sondern ein Konzern - eine Gefahr für die Demokratie.
Machbar ja, auch wünschenswert?
Letztlich hat das Vorpreschen beim Einscannen bereits einen Zweck erfüllt: Google konnte seine Algorithmen-Systeme verbessern. Und kommt so einem verschleierten Ziel näher: der Schaffung einer Form von künstlicher Intelligenz. Der Konzern geht dies wie alle Aktivitäten mit scheinbarer Naivität an - ohne gesellschaftliche Kontrolle und ethische Diskussionen, ob das wissenschaftlich Machbare ähnlich wie beim Einsatz von Gentechnik oder der Atomenergie auch das gesellschaftlich Wünschenswerte ist.
Diese Mahnung und dieser Denkanstoß, die weit über den Einzelfall Google Book hinausreichen, machen "Google und die Macht des Wissens" zu einem Juwel öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dem zu wünschen ist, dass es viele Zuschauer findet. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Gestaltung der Zukunft der Menschheit und der Wissensgesellschaft.