Wo Rosenkränze verboten sind
Ist ein Rosenkranz lebensnotwendig? Für die Grenzschutzbehörde der USA nicht. Rosenkränze gehören zu den Gegenständen, die an der Grenze zu Mexiko aufgegriffene Migranten abgeben müssen. Was noch alles für nicht lebensnotwendig gehalten wird, zeigt der Fotograf Tom Kiefer in einer Bilderserie. Entstanden ist sein Fotoessay "El Sueño Americano", der amerikanische Traum, eher zufällig.
Kiefer wollte Zeit zum Fotografieren haben. 2001 zog er daher von Los Angeles, wo er als Grafikdesigner und Antiquitätenhändler seinen Lebensunterhalt verdient hatte, nach Ajo, Arizona, gut 60 Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt. Weil er vom Fotografieren nicht leben konnte, suchte er Arbeit – und fand als Hausmeister eine Stelle beim US-Grenzschutz. Feste Arbeitszeiten, ein geregeltes Gehalt, nicht übermäßig fordernd. Perfekt, um seiner eigentlichen Passion nach Dienstschluss nachzugehen.
Elf Jahre lang war Kiefer bei der US-Behörde. Ein wesentlicher Teil seiner Arbeit: Müll entsorgen. Alles, was die Grenzschützer den aufgegriffenen mexikanischen Migranten und gelegentlich Schmugglern abgenommen haben.
Lebensgeschichten in Habseligkeiten
Irgendwann fing Kiefer an, vor der Entsorgung die konfiszierten Gegenstände zu durchsuchen: Er wollte verpackte Nahrungsmittel vor dem Müll bewahren, um sie der Tafel des Ortes zu geben, die damit Arme und Obdachlose versorgt. Gut 60 Tonnen Lebensmittel hätte er so retten können, erzählt der Fotograf. Gefunden hat er aber nicht nur Nahrungsmittel, sondern ganze Lebensgeschichten in den Habseligkeiten der Menschen, die nördlich der Grenze ein besseres Leben suchen.
Die Regeln des Grenzschutzes sind so streng wie vage: Den aufgegriffenen Migranten wird alles abgenommen, was eine Waffe sein könnte oder für "non-essential", nicht lebensnotwendig, gehalten wird. Und "non-essential" ist für die Grenzer das meiste: Geldbeutel, Wasserflaschen, Besteck, Hygieneartikel, selbst Medizin und Kleidung – und immer wieder: religiöse Gegenstände. Rosenkränze und Bibeln, Heiligenbilder und Kreuzanhänger, kleine Statuen der Jungfrau von Guadeloupe. "Es gibt keinen anderen Grund, Rosenkränze zu konfiszieren, als zu verletzen und Macht zu demonstrieren", kommentiert ein Betrachter auf Twitter die Bildunterschrift, die Kiefer seiner Rosenkranz-Collage gegeben hat: "Die Grenzschutzbehörde sieht Rosenkränze als potentiell tödlichen, nicht lebensnotwendigen persönlichen Besitz an. Beamte entsorgen sie während der Registrierung."
Neuer Blick auf die Einwanderungsdebatte
Kiefers Fotos kommen ganz ohne Menschen und Landschaft aus und sind doch sehr persönlich: Auf neutralem Hintergrund arrangierte Fundstücke, Dutzende, manchmal Hunderte von Gegenständen, die die Schicksale ihrer ehemaligen Besitzer andeuten. Ein Mosaik aus Geldbörsen; Rosenkränze, regelmäßig im Raster angeordnet; ein Bündel Schnürsenkel (Schnürsenkel könnten als Waffe verwendet werden und werden daher konfisziert); ein Haufen von Handschuhen, die Schmuggler benutzen; pinkfarbene Kämme, Bürsten und Spiegel, wie sie in vielen Kinderzimmern liegen.
"Es gibt nicht viele Menschen, die keine klare Meinung zu Einwanderung haben", schreibt der Künstler in einem Ausstellungskatalog über seine Fotos: "Bei El Sueño Americano geht es darum, einen Aspekt unserer Einwanderungsdebatten zu zeigen, den man sonst nicht sieht." Gesammelt hat Kiefer die Gegenstände, die er zeigt, zwischen 2007 und 2014. Arizona wurde in dieser Zeit zunächst von einer Demokratin, dann einer Republikanerin regiert, auf Bundesebene wechselte die Präsidentschaft von George W. Bush zu Barack Obama. An Donald Trump als Präsident hatte noch niemand ernsthaft geglaubt.
Schwerpunkte und Rhetorik mögen sich unterscheiden, strikt durchgegriffen wird an den Grenzen unter beiden Parteien. Parteipolitisch vereinnahmen lassen sich die Bilder daher schlecht. Aber politisch sind sie: "Die Bilder zeigen, wie Menschen und ihr Besitz behandelt werden", sagte Kiefer gegenüber CNN. "Was die Ethik und Moral all dieser Vorgänge angeht, muss der Betrachter entscheiden, was richtig und was falsch ist – und dann danach handeln."
Der Fotograf Tom Kiefer zeigt auf seiner Webseite einen Teil der Bilder, die im Rahmen seiner Serie "El Sueño Americano" entstanden sind.