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Martin Rothweiler über europäische Werte

Zeit der Besinnung

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Schachfigur
Bonn - Martin Rothweiler über europäische Werte

Das brutale Attentat von Paris am vergangenen Freitagabend erschüttert die Welt, vor allem die westliche Welt. Mitgefühl, konkrete Hilfe und Gebet sind in diesen Augenblicken unermesslichen Leids gefragt. Die ebenso grausamen wie menschenverachtenden Hinrichtungen des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und im Irak hätten keinen geringeren Aufschrei und nicht minder die Solidarität auch der westlichen Welt verdient. Daran darf und muss erinnert werden.

Nun geschehen solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit erneut im Hause Europas, sozusagen vor der eigenen Haustür. Das bestürzt besonders und macht deutlich, dass es jeden von uns treffen kann, nicht mehr "nur" Menschen im Nahen Osten oder in Nigeria. Politiker sprechen von einem Angriff gegen die Freiheit und die europäische Wertegemeinschaft.

Die Besinnung auf die eigenen Werte wird angemahnt. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte in ihrer Presseerklärung zu den Pariser Terroranschlägen dazu auf, "unsere Werte selbstbewusst zu leben und für ganz Europa zu bekräftigen". Aber welche Werte sind das? Freiheit? Toleranz? Demokratie? Was verstehen wir darunter? Kommt da in den öffentlichen Debatten nicht Widersprüchliches zum Vorschein?

Da gibt es einerseits die Einheit und die Geschlossenheit in der Verabscheuung der Terrorakte. Und das ist gut so. Es bedeutet in der Konsequenz aber auch, dass es offensichtlich Taten gibt - so sagt es einem ebenso der gesunde Menschenverstand - , die objektiv in sich schlecht und verurteilenswert sind, weil sie elementare Menschenrechte auf grausamste Weise verletzen, ganz unabhängig davon, welche Motivation beim Täter vorliegt, ob er aus Böswilligkeit und niedrigen Beweggründen oder vielleicht aus völlig irriger Überzeugung, aber subjektiv "guten Gewissens" gehandelt hat, was seine subjektive Schuldhaftigkeit minimieren würde. Letzteres ist kaum vorstellbar, aber denkbar und von außen letztlich nicht zu beurteilen.

Andererseits wird für gewöhnlich in öffentlichen Diskursen derjenige belächelt oder gar unter den Verdacht der Intoleranz und Demokratiefeindlichkeit gestellt, der davon spricht, dass es objektive Wahrheiten und folglich auch Handlungen gibt, die immer und unter allen Umständen ein objektives Unrecht darstellen, unabhängig von der möglicherweise gutmeinenden Motivlage des Handelnden. Dies gilt zumal, wenn es sich um Themen handelt,  die nicht zugleich das Grauen so offensichtlich zutage treten lassen, wie es bei den terroristischen Attentaten in Paris der Fall ist. Das mag als eine unangemessen abstrakte Überlegung erscheinen angesichts des konkreten Leidens. Aber zur Besinnung gehört auch die Reflexion auf den geistigen Mainstream. Dieser hat sich von den vorpolitischen Voraussetzungen des Grundgesetzes  und  unserer Demokratie bereits entfernt, die von einem christlichen Menschenbild und der Überzeugung der absoluten Unverfügbarkeit menschlichen Lebens geprägt sind.

Es ist nämlich ein gefährlicher Irrtum zu meinen, dass Relativismus Voraussetzung für Toleranz und Demokratie sei. Das Gegenteil ist der Fall. Erst die Überzeugung von der Wahrheitsfähigkeit des Anderen gebiert echte Toleranz. Ohne die Überzeugung von objektiven Wahrheiten und unverfügbaren Grundrechten wird unsere Demokratie keine wehrhafte Demokratie sein können, sondern irgendwann wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Zur Person

Martin Rothweiler ist Geschäftsführer des katholischen Fernsehsenders EWTN (Eternal Word Television Network).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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