Zukunft ungewiss
"Die Situation ist nach wie vor angespannt. Die nächsten Schritte muss das Land nun sehr vorsichtig gehen", analysiert Waskovycz gegenüber katholisch.de. Damit die Ukraine eine gute Entwicklung nimmt, sind aus seiner Sicht zwei Punkte besonders wichtig: Die Korruption müsse bekämpft und die wirtschaftliche Existenz der Menschen gesichert werden – und zwar in Ost und West. "Es darf jetzt keine Gewinner und Verlierer geben. Die neue Regierung muss für alle Bürger gute Lebensbedingen schaffen".
Steinmeier warnt vor Rachegelüsten
Ähnliche Stimmen kommen auch aus der deutschen Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fordert die Ukraine auf, für Zusammenhalt zu sorgen. Die Verantwortlichen müssten bei der Zusammensetzung der neuen Regierung auf alle Teile des Landes Rücksicht nehmen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Derweil warnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) die neuen Machthaber in Kiew vor einer erneuten Eskalation der Gewalt und vor Rachegelüsten.
Diese Gefahr sieht Caritas-Direktor Waskovycz derzeit aus seinem Erfahrungshorizont nicht. Er habe in den vergangenen Tagen oft den Slogan von "Gerechtigkeit statt Rache" gehört, erzählt er. Die Menschen sei es vor allem wichtig, dass die Verantwortlichen für die Gewalt gegen Demonstranten vor Gericht gestellt würden und eine gerechte Strafe bekämen.
Die von einigen Beobachtern heraufbeschworene Gefahr eines Auseinanderbrechens der Ukraine in einen pro-europäischen und einen pro-russischen Teil kann Waskovycz ebenfalls nicht sehen. "Wir haben hier keine bürgerkriegsähnliche Situation, sondern es gab vielmehr einen Konflikt zwischen der korrupten Führung und der Mehrheit der Bevölkerung", betont der Caritas-Präsident. Zwar sei die Bevölkerung in ihren politischen Einstellungen nicht homogen, sie eine aber dasselbe Ziel: "Überall im Land sind die Menschen gegen Korruption, gegen die Beugung des Rechts und für einen demokratischen Staat". In Zukunft müsse eine echte Partizipation der Menschen am politischen Prozess gewährleistet sein.
Korruptionsbekämpfung als Schlüsselfaktor
Doch die politische Zukunft ist nicht der einzige Unsicherheitsfaktor in der Ukraine. Die katastrophale wirtschaftliche Situation wird jeden Tag deutlicher, Meldungen über einen drohenden Staatsbankrott häufen sich. Der kommissarische Finanzminister Juri Kolobow hat bereits um Finanzhilfe gebeten und eine internationale Geber-Konferenz mit EU, der USA und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vorgeschlagen. Rund 25,5 Milliarden Euro braucht das Land.
Der Schlüssel, damit die Wirtschaft sich über die akute Nothilfe hinaus langfristig erholt und auf stabilen Beinen steht, ist für Caritas-Direktor Waskovycz der gleiche wie im politischen Bereich: Es geht um die Bekämpfung von Korruption: "Jahrelang hat sich die Oberschicht bereichert, während die Bevölkerung am Rande der Armut leben musste. Jetzt ist die Wirtschaft am Ende", erklärt er. Im wirtschaftlichen und auch im sozialen Sektor müssten neue Prinzipien Einzug halten, wie sie aus der katholischen Soziallehre bekannt seien. "Dazu gehören Solidarität und Subsidiarität", erklärt Waskovycz. Noch aus den Zeiten als frühere Sowjetrepublik stamme ein Zentralismus, der beispielsweise bei der medizinischen Versorgung viele Ressourcen verschwende.
Seine eigene Organisation sieht der Caritas-Präsident vor der Aufgabe, den Menschen längerfristig unter die Arme zu greifen. Während noch die Verwundeten des Maidan akut versorgt werden, plant die Caritas schon längerfristige Hilfen – von Reha-Aufenthalten für die Verletzten bis hin zu psychologischer Begleitung für Traumatisierte: "Wir wollen die Menschen nicht alleine lassen, wenn die mediale Aufmerksamkeit verklingt und die Menschen wieder in ihren Alltag zurückkehren müssen". (mit Material von dpa und KNA)
Von Gabriele Höfling
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