Zwischen den Fronten
Auch im Land selbst rechneten zunächst nur wenige mit der Dauerhaftigkeit und der Tragweite der Auseinandersetzungen, die das Land in einen blutigen Bürgerkrieg führen und rund 2,5 Millionen Menschen in die Flucht treiben sollte. Heute, 19 Monate später, ist die politische Situation in Syrien angespannter denn je. Mehr als 30.000 Todesopfer soll der Bürgerkrieg nach Schätzungen bisher gefordert haben. Verlässliche gibt Zahlen es nicht.
Was in der armen Hauran-Region rund 100 Kilometer südlich von Damaskus begann, hatte schon bald die großen Zentren des Landes und damit auch die westlichen Schlagzeilen erreicht. Die Menschen verließen in Scharen die Städte Homs, Aleppo und Damaskus, auf der Flucht vor kämpfenden Regimegegnern und Regierungstruppen. Und der Strom reißt nicht ab. Sie stranden in Flüchtlingslagern jenseits der Grenzen in Jordanien, dem Libanon, in der Türkei und im Irak. Oder sie schlagen ihr Lager in Parks oder in Schulen auf, in denen vormittags zum Teil noch Unterrichtsversuche stattfinden.
Junge Mütter kämpfen uns Überleben
Vera Jeschke, Referentin für die Region bei Caritas international berichtet von auseinandergerissenen Familien und jungen Müttern, die mit ihren Kindern im Flüchtlingslager mitten in der Wüste ums Überleben kämpfen. „Sie sind oft nicht älter als 13 oder 14 Jahre alt und können ihre Babys nicht einmal stillen, sie brauchen dringend Babynahrung“, sagt sie. Und: „Windeln sind da schon Luxus.“ Andernorts ziehen alleinerziehende Väter mit ihren teils kranken Kindern oder alte gebrechliche Menschen umher, die nicht wissen wohin.
Die Caritas vor Ort versucht zu helfen, so gut es geht und zwar allen, die Hilfe brauchen. So werden öffentliche Suppenküchen in Parks aufgebaut, Helfer bemühen sich, bei lokalen Händlern Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel zu beschaffen. Alles andere als einfach, denn die Preise explodieren und es kommen wegen der unsicheren Lage kaum Hilfsgüter im Land an.
In dieser Situation rückt man zusammen, sagt Vera Jeschke: „Die Caritas hat sich schon lange mit anderen kirchlichen und nichtkirchlichen Hilfsorganisationen vernetzt, um überhaupt Nothilfe leisten zu können.“ Denn jetzt kommt der Winter, der genauso unbarmherzig sein kann wie die sengende Sommersonne in dem Land, das weitgehend von Wüste bedeckt ist. „Es fehlt an allem: warme Decken, Heizöl, Gaskartuschen, Brennerdiesel, warme Kleidung…“, listet Vera Jeschke auf.
Jordanien stößt an seine Aufnahmegrenzen
Wer es weiter ins Landesinnere der Nachbarländer Jordanien und Libanon schafft, kann dort privat unterkommen, sei es bei Verwandten oder Familien, die ein oder zwei Zimmer untervermieten. Was erst einmal besser klingt als das erbarmungslose Leben im Flüchtlingslager bedeutet oft, zusammengepfercht mit vielen Menschen auf kleinstem Raum zu leben. Häufig gibt es keine sanitären Anlagen, keine Heizung, keine Nahrung und keine medizinische Versorgung.
Jordanien, das bereits 500.000 irakische Flüchtlinge und nun noch rund 200.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, stößt an seine Leistungsgrenze, bedenkt man, dass das Land selbst nur 6,3 Millionen Einwohner hat. „Das wäre, als ob wir in Deutschland neun Millionen Flüchtlinge aufnehmen müssten“, macht Vera Jeschke deutlich. In der Türkei spitzt sich die Lage durch die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Ländern zu. „Zur Zeit leben dort rund 90.000 registrierte Flüchtlinge. Die Dunkelziffer ist sicher weitaus höher“, sagt Vera Jeschke.
Hier haben Sie die Möglichkeit, für die Flüchtlinge in Syrien zu spenden.
Die Christen sitzen zwischen allen Stühlen
Hoffnung auf ein schnelles Ende des Bürgerkrieges besteht nicht. Zu verhärtet sind die Fronten, zu unterschiedlich die Interessen in Inland und Ausland. Für die Christen im Land ist die Situation besonders prekär. Sie haben jahrelang unbehelligt als Minderheit unter Staatspräsident Assad gelebt und sich deshalb mit dem fragwürdigen Regime arrangiert, das ihnen freie Religionsausübung ermöglichte und für eine gewisse Stabilität sorgte. Nun geraten sie zwischen die Fronten.
Etwa 10 bis 15 Prozent Christen ganz unterschiedlicher Konfessionen leben in Syrien. „Viele haben nun den Wunsch zu emigrieren, sie fühlen sich verunsichert und als Fremde im eigenen Land“, sagt Vera Jeschke. Sie wollen in die Nachbarländer oder nach Europa. Ob letzteres bald durch eine vereinfachte Aufnahme in der EU möglich wird, ist unklar. Die christlichen Ortsgemeinden blicken mit Sorge auf die Auswanderungsbestrebungen und fürchten, sie könnten alle Gläubigen verlieren.
Ein Grund, warum die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV), die sich vor Jahren sehr für die Aufnahme irakischer Christen einsetzte, ihre Forderungen an die EU nun sehr vorsichtig formuliert, sagt GfbV-Referent Kamal Sido. „Wir sprechen hier vom Ursprungsland der Christenheit“, macht der Syrer deutlich. In der Tat hat das Christentum in Syrien eine uralte Tradition. Nordöstlich von Damaskus befindet sich das älteste christliche Dorf Maalula in dem die Einwohner noch aramäisch, die Sprache Jesu, sprechen.
Wie es für die Menschen in Syrien weitergeht, steht in den Sternen. Frieden scheint weit entfernt, aber der Winter steht vor der Tür. Helfer der Caritas und anderer Organisationen arbeiten unter schwierigsten Umständen und bringen sich oft in Lebensgefahr, denn die Gefechte reißen nicht ab. Wichtig ist ihnen dabei vor allem eines, betont Pascal Kateb, Geschäftsführer der Caritas Syrien, gegenüber der Nachrichtenagentur Fides: „Wir fragen weder nach der ethnischen Abstammung noch nach der Religionszugehörigkeit.“ Die Bomben, der Hunger und die Kälte tun das auch nicht.
Von Janina Mogendorf