Zwischen Papst und Politik
Papst Franziskus polarisiert. Sein argentinisches Temperament gepaart mit jesuitischer Sturheit und einer nicht immer treffsicheren Diplomatie werden unterschiedlich aufgenommen. Obwohl er weder Doktrinen auf den Kopf stellt, noch moraltheologische Kontroversen provoziert, dient er als Projektionsfläche für kirchenpolitische Hoffnungen und Befürchtungen gleichermaßen.
Die Aufmerksamkeit für Franziskus scheint besonders dort groß zu sein, wo kircheninterne Spannungen existieren. In der polnischen Kirche verdichten sich solche Spannungen gegenwärtig. Abneigung und Sympathie für den argentinischen Pontifex erfahren anderswo kaum diese politische Dimension wie im Heimatland von Franziskus' Vorvorgänger. Im Vorfeld des Weltjugendtages standen Spekulationen über Spannungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Polens Kirche im Fokus internationaler Medienberichterstattung. Neben allem Sensationsinteresse trafen diese doch einen sensiblen Nerv.
Kirche und Staat sind in Polen institutionell strikter getrennt, als es beispielsweise im deutschsprachigen Raum der Fall ist. Trotz noch erhaltener volkskirchlicher Strukturen gibt es weder eine staatliche Kirchenfinanzierung noch einen verankerten optionalen Religionsunterricht an Schulen.
Wie unabhängig sind Thron und Altar wirklich?
Eine durchaus organische Nähe zwischen Staat und Kirche hingegen pflegt die regierende Partei "PiS" (Recht und Gerechtigkeit). Die Parteiprominenz zeigt sich gerne bei Wallfahrten, auf Fotos mit Kirchenoberen oder in politisch fragwürdigen katholischen Privat-Medien. Man gibt sich gerne als der politische Arm des christlichen Gewissens. Das klerikale Ego fühlt sich davon in beachtlichen Teilen geschmeichelt. Gläubige wie kirchenferne Kritiker in Polen sprechen häufig von einer gefährlichen "Allianz von Thron und Altar". Dass die Wählerschaft der PiS sich überwiegend aus Milieus mit starker kirchlicher Bindung rekrutiert, ist unbestritten. Nicht wenige Gläubige attestieren den Regierenden jedoch eine bigotte Haltung und sehen in der Staatsnähe der Kirche das christliche Profil gefährdet. Die in Kauf genommene Identifikation des Katholischen mit dem gegenwärtig Politischen führt letztlich dazu, dass oppositionsnahe Katholiken sich von der Kirche abwenden.
Streng genommen beschränkt die PiS, die einst den Katholizismus konstitutionell zur Staatsreligion erheben wollte, ihre moralische Loyalität der Kirche gegenüber auf Fragen der Bioethik. Das konsequente Eintreten für den Lebensschutz ist ihr politisches Alleinstellungsmerkmal. Dass dies nur eine Seite der kirchlichen Agenda ist, führt Papst Franziskus den Gläubigen täglich provokant vor Augen. Die Würde menschlichen Lebens gilt es nicht nur am Anfang und am Ende des Lebens zu verteidigen, sondern überall dort, wo Lebensgrundlagen zerstört werden. Für Franziskus ist das Schicksal der an an den Rand gedrängten Menschen ein Schwerpunkt seines Pontifikats. In einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit", die er in heutiger Zeit diagnostiziert, verlangt er gemäß dem Evangelium von der Kirche Sprachrohr der Ungehörten zu sein und bestätigt damit in humanitären Angelegenheiten die Positionen seiner Vorgänger.
Polen ist gespalten, seit die neue nationalkonservative Regierung im Eiltempo den Staat umbaut und dabei die Macht des Verfassungsgerichts und der Medien beschneidet. Aber wo steht in diesem Streit die katholische Kirche?
Menschen, die nach der Vernichtung ihrer Heimat fliehen müssen, lehnt der Übervater der polnischen Regierung, Jarosław Kaczyński, als "Parasitenträger" im eigenen Land ab. Als eine nicht mit dem christlichen Proprium vereinbare Rhetorik empfinden das auch nicht wenige Laien, Priester und Bischöfe in Polen. Katholisch-intellektuelle Milieus distanzieren sich von dieser Art Polemik. Ordensgemeinschaften wie die Dominikaner werden in den Großstädten zu Anlaufpunkten für Gläubige, die die gefühlte Symphonie von Regierung und Kirchenhierarchie nicht ertragen. Viele junge Gläubige und Akademiker finden sich dort wieder.
Franziskus sagt, was viele hören wollen
Vom Papst erhofften sie sich deutliche Worte und sie bekamen sie auch. "Gott lehrt uns, ihm im Hungrigen, Durstigen, Nacktem, Gefangenem, Flüchtling, Immigranten und Einsamen zu begegnen", so der Pontifex in einer Ansprache zu den Jugendlichen in Krakau. Viele erfahren das, wonach sie sich gesehnt haben: moralische und geistliche Unterstützung für ihre Positionen.
Auf der anderen Seite bleibt Franziskus ein Stachel in der privatkatholischen Ideologie. "Gott - Ehre - Vaterland" schmückt nicht nur als Inschrift zahlreiche polnische Kirchen. Es ist das nicht zu unterschätzende Motto einer nationalistischen, polnisch-klerikalen Mentalität. Der Herausforderung zwischen dem Erhalt des kulturellen Gedächtnisses einerseits und der christlichen Verantwortung für die gegenwärtige Welt andererseits stellen sich die Träger dieses Leitspruchs nicht.
Johannes Paul II. hat Anfang der 2000-er Jahre interveniert, als sich die polnischen Bischöfe hinsichtlich eines möglichen EU-Beitritts uneinig zeigten. Dass eine Öffnung der Kirche für globale Herausforderungen der Verantwortung für das eigene Land nicht widerspricht, war auch ein sichtbarer roter Faden der Ansprachen von Franziskus in Krakau. Damit griff er unumgänglich eine weit verbreitete Form polnisch-katholischer Mentalität an.
Mancher erlebt seinen persönlichen Frühling in der Kirche
Mit manch klerikalen Mentalitäten stehen viele Gläubige in Polen im Konflikt. Franziskus ist für sie eine Hoffnungsfigur, die auch der polnische Klerus nicht übergehen kann. Wie Franziskus über das Evangelium und den Glauben spricht, erleben nicht Wenige als einen persönlichen Frühling der Kirche. Franziskus verkörpert für sie, was vielen geistlichen Stereotypen widerspricht: Man kann nicht den Anspruch erheben, die frohe Botschaft zu verkünden, wenn der eigene Habitus diese gleichzeitig verneint. Die Kultur der Sprache und des Tonfalls der Kirche sucht Franziskus zu reformieren, nicht ihre Tradition. Das macht denen Mut, deren biographische Erfahrungen von kirchlicher Selbstgerechtigkeit geprägt sind.
Polens Katholiken, immerhin 90 Prozent der Bevölkerung, gehören mit einer Kirchgängerquote von 40 Prozent noch zu einer frommen Speerspitze in Europa. Das Bild bröckelt aber an allen Enden. Die Bindungskraft der Kirche lässt stetig messbar nach. Darüber täuschen auch verhältnismäßig solide Nachwuchszahlen nicht hinweg. Während die einen in Franziskus eine Gefahr für die christliche Identität des Kontinents sehen, erhoffen sich die anderen noch mehr franziskanischen Esprit. Diese Diskussion hat mit dem Papstbesuch noch mehr Fahrt aufgenommen. Eine weitere Aufspaltung des katholischen Milieus analog zum politischen wird befürchtet. Die Frage bleibt, ob Franziskus mahnende Worte an die Einheit der Kirche Früchte tragen werden.