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Franziskus nutzt eine traditionelle Form für therapeutische Ambitionen

Ablass mit Anlass

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Bonn - In der Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" geht es diese Woche um das Heilige Jahr. Dieses schließt niemanden aus, sagt Franziskus. Und deshalb lädt er sowohl sündige Frauen, als auch keusche Piusbrüder ein.

Franziskus liebt es liturgisch lässig, kirchenpolitische Hochämter zelebriert er jedoch traditionsbewusst. Innerhalb weniger Tage platzierte er einen Ablass und eine doppelte "Motu Proprio". Ablässe wirken wie eine mehr oder weniger liebenswürdige katholische Schrulle. Das Kirchenvolk staunt, dass es so etwas noch gibt, und die Experten staunen über das unwissende Kirchenvolk. Ein Ablass mischt hochkomplexes Kirchenrecht mit unterkomplexem Kinderglauben. Es geht, grob gesagt, um einen zeitlich begrenzt gewährten Strafnachlass. Die reuigen Sünder sollen nach Rom pilgern, beichten und die Eucharistie feiern.

Ablass-Anlässe sind besondere Jahre. 2012 gewährte Benedikt XVI. einen zum Jahr des Glaubens, Franziskus kommt nun das Jahr der Barmherzigkeit gerade recht. Er greift sich just jene Themen, die besonders polarisieren: Abtreibung und Piusbruderschaft. Eine Abtreibung zieht die Exkommunikation nach sich, eine Mitgliedschaft bei den Piusbrüdern auch. Jedenfalls nach den Worten des Präfekten der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller.

Auch Abtreibung kann vergeben werden

Der Papst erlaubt Priestern im Jahr der Barmherzigkeit, bei Abtreibung die Absolution zu erteilen. Das ist in Deutschland schon lange möglich aufgrund eines besonderen Beschlusses der Bischofskonferenz, in anderen Ländern der Welt jedoch nicht. Abtreibung bleibt damit eine schwere Sünde, aber sie ist eben nicht so schwer, dass sie nicht vergeben werden könnte, wenn die betroffene Frau Buße, Reue und Umkehrbereitschaft zeigt. Franziskus hegt offenbar nicht dieselbe Obsession für die Sünden der Frauen wie seine Vorgänger. Er schreibt: "Ich weiß, dass dies eine existenzielle und moralische Tragödie ist. Ich bin sehr vielen Frauen begegnet, die in ihrem Herzen die Narben dieser leidvollen und schmerzhaften Entscheidung trugen."

Vor wenigen Tagen stellte Kardinal Müller bei einem Besuch in Regensburg klar, dass Priester "weder Kultbeamte noch Psychotherapeuten in seltsamen Kleidern" seien. Franziskus’ Kleider sind, verglichen mit denen rotbeschuhter Spitzenkräfte, weniger seltsam. Aber psychotherapeutische Anwandlungen lassen sich aus seinem Ablass schon herauslesen. Heißt alles verstehen nicht doch alles verzeihen? Diese Herzen-und-Narben-Passage dürfte jedenfalls jene Konservativen provozieren, die den Kampf gegen die Abtreibung zum alleinigen Wesensmerkmal der Katholizität erklärt haben.

Franziskus schließt alle ein

Doch der Papst teilt auch zur Mitte hin aus. Die Beichte bei den Piusbrüdern sei gültig, schreibt er. Damit knüpft er an Benedikts umstrittene – und missglückte – Annäherung an. Das Jubiläumsjahr schließe niemanden aus, sagt Franziskus. Das katholische Justemilieu zuckte angesichts der Versöhnungsbereitschaft mit den unversöhnlichen Rechtsaußen zusammen. Den keuschen Piussen dürfte jedoch nicht gefallen, dass sie in einem Ablass-Atemzug genannt werden mit Sünderinnen, die abgetrieben haben. Barmherzigkeit kann so bitter sein.

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

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