Suche
Dem Vatikan steht eine entscheidungsreiche Zeit bevor - wer wird neuer Kardinalstaatssekretär?

Alles neu macht der Herbst

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Der Petersdom in der Morgensonne
Vatikanstadt - Der Urlaub war für den Papst in seinem ersten römischen Sommer eigentlich keiner. Franziskus gönnte sich weder eine Sommerfrische in den Alpen noch einen längeren Aufenthalt in Castel Gandolfo. Stattdessen hielt er - nach der Reise zum Weltjugendtag in Rio - Stallwache im vatikanischen Gästehaus Santa Marta.

Und er sondierte offenkundig in vielen Gesprächen, Begegnungen und mit Aktenstudium die anstehenden personellen, strukturellen und inhaltlichen Planungen, auch mit Blick auf die "Vorgaben", die ihm die Kardinäle im Umfeld seiner Wahl mitgegeben hatten.

Wird bald die "Nummer zwei" benannt?

Am Mittwoch nimmt Franziskus nach zweimonatiger Unterbrechung die wöchentlichen Generalaudienzen wieder auf - und wird damit erneut für Hunderttausende Pilger und Besucher aus aller Welt präsent. Damit beginnt der mit Spannung erwartete Herbst der Veränderungen im Vatikan. Wann er jedoch die fälligen Personalwechsel im Apparat vornimmt, darüber gibt es nur Spekulationen. Laut dem jüngsten Gerücht des "Corriere della Sera" (Freitag) will er bereits an diesem Samstag einen Nachfolger für die "Nummer zwei" im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone (78), ernennen: und zwar den früheren vatikanischen Vize-Außenminister Pietro Parolin (58), derzeit Nuntius in Venezuela.

Der Zeitung zufolge soll Franziskus Mitte August ein klärendes Gespräch mit Bertone geführt haben. Am Dienstag dann habe er den anstehenden Wechsel mit Kardinaldekan Angelo Sodano (85) - Bertones Vorgänger - erörtert. Stattfinden solle die Wachablösung im Oktober. Bertone habe sich vom Papst als "Entschädigung" eine neue Aufgabe erbeten, will der "Corriere" wissen - ähnlich wie Sodano, der seit seinem Rücktritt im September 2006 das Amt des Kardinaldekans führt. Immerhin war Bertone von Benedikt XVI. noch im Februar für weitere fünf Jahre als Präsident der Kardinalskommission zur Kontrolle der Vatikanbank bestätigt worden - bis 2018.

Parolin, Bertello, Sandri oder Piacenza

Wann genau der neue Staatssekretär tatsächlich kommt, ist freilich offen. Dass der "zweite Mann" an der Kirchenspitze - nach dem Papst aus Lateinamerika - ein Italiener wird, dafür spricht manches. Ob Parolin das Leitungsamt erhält, wird von manchen bezweifelt. Zwar hat er sich sieben Jahre lang in der exponierten Position des Vizeaußenministers als feinfühliger Diplomat profiliert, und er genießt breite Wertschätzung in der Kurie. Aber er sei erst 58 Jahre alt, erst seit vier Jahren Bischof und habe nur vier Jahre lang eine Nuntiatur geleitet, so lauten Einwände.

Ebenfalls Chancen räumen Beobachter Giuseppe Bertello (70) ein, der bereits Kardinal ist und als "Präsident" des Kleinstaates Vatikan fungiert. Als Papstbotschafter hat er sich in delikaten Missionen wie in Benin beim Übergang zur Demokratie, im ruandischen Bürgerkrieg und in Mexiko während der Krise um den Legionäre-Christi-Gründer Marcial Maciel Degollado bewährt. Zudem war er Nuntius in Italien.

Falls Bertello Kardinalstaatssekretär würde, könnte der Papst auch die alte Idee aufgreifen, die personalintensive und kostspielige Verwaltung des Zwergstaates Vatikan gleich dem Staatssekretariat zu unterstellen. Das Einsparpotenzial wäre erheblich; einfach wäre diese Personalunion aber nicht. Als weitere Kandidaten werden Kurienkardinäle wie der Italo-Argentinier Leonardo Sandri (69) von der Ostkirchenkongregation oder der weltweit für den Klerus zuständige Mauro Piacenza (68) werden genannt.

Papst Franziskus winkend vor dem Petersdom.
Papst Franziskus winkend vor dem Petersdom.

Gerüchte um zweite Enzyklika

Dass Franziskus mit den Personalverschiebungen an der Kurie begonnen hat, zeigten bereits die vergangenen Wochen: Bischof Giuseppe Sciacca (58), Generalsekretär des vatikanischen Governatorats, wechselte in die Apostolische Signatur; an seine Stelle trat der Spanier Fernando Vergez Alzaga (68). Anfang August machte der Papst Kurienerzbischof Guido Pozzo (61) wieder zum Sekretär der für den Kontakt zu den Traditionalisten zuständigen Kommission "Ecclesia Dei" - an deren Spitze somit drei Erzbischöfe stehen: Gerhard Ludwig Müller (65) als Präsident, Joseph Augustine Di Noia (70) als Vizepräsident und Pozzo als Sekretär.

Papst Franziskus soll die Sommermonate auch zur Arbeit an seiner zweiten Enzyklika genutzt haben, heißt es in Rom. Bereits im Mai hatte ein süditalienischer Bischof nach einer Audienz enthüllt, Franziskus plane ein Lehrschreiben zum Thema Armut mit dem Titel "Beati pauperes" (Selig die Armen). Es wäre nach "Lumen fidei", der Ko-Enzyklika mit Benedikt XVI. über den Glauben, das erste eigenständige Lehrdokument des lateinamerikanischen Papstes - und damit eine Art "Regierungserklärung".

Von Johannes Schidelko (KNA)

kna-katholisch-swarm-node1 (0.014s)