Armut hautnah
Die Organisatoren des Weltjugendtags erwarten für Ende Juli bis zu 2,5 Millionen Teilnehmer zu dem katholischen Mega-Event. Hotels und Pensionen sind seit Monaten ausgebucht, teils zu saftigen Preisen. Von Beginn ihrer Planungen an setzten die Organisatoren daher auf alternative Übernachtungsmöglichkeiten. Die Sporthallen von rund 400 Schulen sowie Hunderte Gemeinderäume und Universitätssäle werden zwischen dem 23. und 28. Juli zu kollektiven Schlafsälen umfunktioniert. Doch das allein wird nicht ausreichen.
Besonders am Herzen liegt den Organisatoren die private Unterbringung der Pilger. "Uns ist wichtig, dass junge Europäer einen engen Kontakt mit den brasilianischen Jugendlichen haben, deren Lebenserfahrung in einer Gesellschaft voll Armut erfahren und teilen können", meint Rios Erzbischof Orani Joao Tempesta. Freiwillige des Organisationskomitees werben deshalb seit Monaten in der ganzen Stadt und den Nachbarstädten für die Bereitstellung von Privatunterkünften.
Bislang 276.000 Schlafgelegenheiten registriert
Bis Mitte Mai waren so bereits 276.000 Schlafgelegenheiten registriert, die Mehrheit in ärmeren Regionen wie der Westzone und der Peripherie der Stadt. "In diesen Regionen leben die Menschen eher in größeren Häusern, während die Apartments in der Südzone eher klein sind", berichtet Schwester Graca Maria, zuständig für die Organisation von Unterkünften. Im Vorfeld würden die Unterkünfte vom Organisationskomitee besucht, um sicherzustellen, dass sie den Anforderungen entsprechen und in sicheren Stadtteilen liegen.
Besonderes Glück haben jene zehn Teilnehmer, die in dem dreistöckigen Haus von Jose Carlos Silva in der Favela Vidigal unterkommen. Neben einer Matratze erwartet sie der atemberaubende Blick auf den Strand von Leblon und die Zwillingsberge "Dois irmaos". Jose Carlos Silva: "Jeden Morgen vollziehe ich am Fenster ein Gebetsritual, danke Gott für den neuen Tag." Er fühle eine ganz besondere Energie, hier am Fuße des Corcovado-Berges, auf dem die Christus-Erlöser-Statue über der Stadt thront. "Ich bin mir sicher, dass sich die Pilger hier besonders gesegnet fühlen werden."
Bis vor zwei Jahren stand die Vidigal unter Kontrolle einer bewaffneten Drogenbande. Gefechte mit der Polizei und verfeindeten Banden waren an der Tagesordnung. Doch seit hier im Januar 2012 ein ständiges Kontingent von rund 240 Polizisten stationiert wurde, hat sich das Leben der rund 15.000 Bewohner dramatisch verändert. Auch Jose Carlos Silva hat eine bewegende Veränderung durchgemacht. Dank der Kirche habe er seine Alkoholabhängigkeit überwunden; "deswegen stelle ich mein Haus gerne und kostenfrei zur Verfügung".
Franziskus will mit Favela-Bewohnern sprechen
Auch in der Favela Varginha im Norden Rios werden Pilger unterkommen. Zwar erwartet sie kein Meerblick. Dafür können sie Zeuge werden, wenn Papst Franziskus das Armenviertel am 25. Juli besucht. Früher war die Region wegen ihrer Gewalt als "Gazastreifen" bekannt. Seit auch hier eine Befriedungstruppe der Polizei stationiert wurde, können die Bewohner aufatmen - und ein neues Leben beginnen.
Er wolle keine Absperrungen, die ihn von den Bewohnern trennen, soll sich Franziskus für den Besuch gewünscht haben. Man erwartet, dass er in ein oder mehrere Häuser der Favela eintritt, um mit den dort lebenden Menschen zu reden. Danach will er auf dem Fußballplatz des Viertels zu den Bewohnern sprechen. Als Bühne soll das Dach der Umkleideräume dienen: ganz im Sinne der "armen Kirche", die er sich wünscht.
Von Thomas Milz (KNA)