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Joachim Valentin über das Treffen von Franziskus und Kyrill

Auch der Papst fährt auf Sicht

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Schachfigur
Bonn - Joachim Valentin über das Treffen von Franziskus und Kyrill

"Die Welt ist aus den Fugen" sagen wir, wie wir früher sagten "der Himmel ist blau". Und kaum jemand widerspricht. Für uns Professoren, Publizisten und andere Welterklärer heißt das aber doch: "Wir wissen es nicht genau, wir fahren auf Sicht." Es lässt sich vielleicht noch beschreiben, welche politischen  Entscheidungen dezidiert falsch wären. Aber welcher Weg sicher zum Ziel führt, das wagt sich kaum noch einer sagen, der nicht des Populismus verdächtigt werden will.  Dies gilt besonders, wenn nicht nur hehre Ziele formuliert, sondern auch deren tatsächliche Erreichung angegangen werden soll:

Deutlich weniger Treibhausgase in die Atmosphäre! - Aber wie alle Entscheider, auch in China und Brasilien davon überzeugen? Heiße Konflikte entschärfen und Nation-Building betreiben! - Aber wie geht das mit archaischen Stämme-Gesellschaften, die Demokratie für einen Aggregatzustand westlicher Gottlosigkeit und Doppelzüngigkeit halten?

Weltweit einflussreiche Entscheider in Politik und Wirtschaft sind prinzipiell in keiner anderen Situation. Und ebenso geht es unserem Papst Franziskus, wenn er politisch agiert. So zuletzt in diesen Tagen bei seinem zweiten Besuch auf Kuba, für dessen Öffnung zu den USA hin er bereits eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Sein Anspruch, Frieden zu stiften und Brücken zu bauen, hat unter dramatischen weltpolitischen Bedingungen gute Gründe für sich - nicht zuletzt die pontifikale Tradition vor allem Johannes Pauls II.

Und doch macht er sich in unübersichtlichen Gelände angreifbar: In Kuba herrscht nach wie vor eine sozialistische  Diktatur reinsten Wassers. Politische Verfolgung und Denunziation sind dort auch in den katholischen Gemeinden an der Tagesordnung. Das jüngste Treffen mit dem russischen Patriarchen Kyrill erscheint ähnlich dubios, wie jede Kooperation mit dessen Patron, Wladimir Putin. Für den Geheimdienst soll Kyrill gearbeitet haben, und die typisch ostkirchliche Messaliance zwischen Kirche und Staat, Kyrills Position im Ukraine Konflikt und zum russischen Bombardement in Syrien lässt ihn eher als Teil verschiedener Probleme, kaum aber als Partner auf dem Weg zu Lösungen erscheinen.

Und doch ist das Ende des nun fast tausendjährigen Schismas ein großes Ziel, das ohne diplomatische Mittel wohl nicht erreicht werden wird, sind Brücken des Gesprächs und des Austauschs auch mit dubiosen Partnern unerlässlich, um im globalen Zusammenhang Schritte zu Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen. Wir alle fahren auf Sicht, und vielleicht machen wir uns schuldig. Doch wer sich die Hände nicht schmutzig machen will, wird auch nichts bewirken.

Hinweis

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