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Kilian Martin über die Deutschen und das Heilige Jahr

Barmherzigkeit in der Warteschlange

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Schachfigur
Bonn - Kilian Martin über die Deutschen und das Heilige Jahr

Die Warteschlangen vor den Heiligen Pforten sind kurz. Jedenfalls vor jenen Portalen in Deutschland, die nicht ohnehin regelmäßig von Pilgerströmen durchschritten werden. Hier ist wohl die Folge zugleich ihre eigene Ursache: Der Durst des deutschen Gottesvolkes nach Barmherzigkeit scheint schlicht nicht allzu groß zu sein. Wer sich durch eine der zahlreichen, ganz im Sinne des Pontifex häufig in diözesaner Randlage eingerichteten, Gnadentüren bewegen möchte, wird dies in der Regel unbedrängt tun können. Das ist bequem. Doch das soll es gar nicht sein.

Barmherzigkeit ist keine Kuschelecke. Erbarmen ist immer mit dem Schmerz der Einsicht verbunden. Die Barmherzigkeit muss uns regelrecht bedrängen, sonst geht ihr der Sinn verloren.

Der Sinngehalt des Begriffs "Barmherzigkeit" wurde in den ersten Monaten dieses Heiligen Jahres wohl durch seine inflationäre Verwendung verdeckt. Dazu haben auch wir kirchliche Medienschaffende unseren Teil beigetragen. Wenn der Papst jugendliche Junkies besucht, ist das barmherzig. Wenn er den Obdachlosen vom Petersplatz eine Ambulanz baut, ist das barmherzig. Wenn Menschen in Deutschland sich rührend für Geflohene einsetzen, ist das ebenfalls barmherzig. Aber der Gang durch die Heilige Pforte, die Absolution im Beichtstuhl, der Empfang der Eucharistie – das soll auch barmherzig sein?

Gerade wir in unserem reichen und befriedeten Geber- und Aufnahmeland müssen wieder lernen zu rufen: Erbarmen, Herr! Was Menschen in diesem Land aufgrund ihrer christlichen Überzeugung derzeit etwa für die Geflüchteten leisten, sind wahrhaft Werke der Barmherzigkeit. Doch das gute Tun bleibt halbgar, wenn wir nicht auch an uns Gutes tun lassen. Selbst – gerade! – Petrus musste sich die Füße waschen lassen.

Dieses Heilige Jahr bleibt eine fromme Übung ohne Folgen, wenn wir selbst nicht nach Erbarmen fragen. Es gibt so viele barmherzige Zeichen, über die zu sprechen richtig ist und lohnt. Es wäre zu schön, wenn wir bald auch über lange Schlangen an den Pforten der Barmherzigkeit berichten könnten.

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