Biblische Wahrheit und Barmherzigkeit
Die Synode zu Ehe und Familie hat begonnen. Viel wurde im Vorfeld geschrieben, spekuliert und auch politisch inszeniert. Trotz aller bedauerlicher Versuche, den Ausgang der Synode im Vorhinein zu beeinflussen, hat sich doch gezeigt, was die Kernfrage dieses Ringens ist: Kann die katholische Kirche an der unbestreitbar klaren biblischen Überlieferung der Unauflöslichkeit der Ehe festhalten, was im Falle der Scheidung und einer zweiten zivilen Eheschließung theologisch notwendig den Kommunionempfang unmöglich macht, und trotzdem Menschen in ebendieser Situation begleiten und ihnen ein Weg des gelebten Glaubens in der Gemeinschaft der Kirche eröffnen? Kann die Kirche, wie es Papst Franziskus in seiner Eröffnungspredigt am Sonntag ausgedrückt hat, Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit verbinden? Man kann sagen, was man will: mit dieser Frage steht und fällt letztlich die Aufrechterhaltung der christlichen Ehe.
Ich denke, wir können es nicht nur, wir müssen es, wenn wir in Zukunft eine Kirche sein möchten, die sich weder als kleiner Kreis der Seligen versteht, noch in den Nihilismus unserer Zeit verfällt, in dem die Worte Jesu (in kaum einem Thema sind sie so unmissverständlich wie zur Ehe) letztlich nicht mehr sind als ein gut gemeinter Ratschlag.
Allerdings erfordert dieser Weg eine fundamentale Erneuerung der derzeit weitverbreiteten kirchlichen Praxis in Bezug auf Ehe und Familie. Drei Dinge sind notwendig: Erstens, die sakramentale Ehe muss sich wieder deutlicher vom zivilen Ehevertrag unterscheiden. Sie muss als Weg der Heiligkeit, als Abbild der Liebe Gottes und damit als anspruchsvoller, unauflöslicher, aber gangbarer und schöner Weg aufgezeigt werden. So wie Gott bis zum Tod geliebt hat und treu war, so sind Eheleute berufen, Abbild dieser treuen Liebe zu sein.
Zweitens, die für eine sakramentale Ehe angebotene und geforderte Vorbereitung muss der Größe und Ernsthaftigkeit der Entscheidung angemessen sein. Es stimmt etwas nicht, wenn Priester vor der Weihe sechs Jahre intensiv vorbereitet werden, man eine sakramentale Ehe aber nach drei kurzen Gesprächen mit dem vielleicht völlig unbekannten Gemeindepfarrer schließen kann.
Drittens muss die Kirche im Falle des Scheiterns einer Ehe, aber auch gegenüber Menschen mit homosexuellen Neigungen, unmissverständlich sagen: Keine Sünde, kein Scheitern verschließt jemals den Weg der Heiligkeit, wenn ihn jemand ernsthaft gehen will. Jesus ist für die Sünder gekommen, nicht für die Gerechten. Und wenn wir eines als Christen gemeinsam haben, dann wohl, dass wir alle Sünder sind, die fallen und mit Gottes Hilfe wieder aufstehen und den krummen Weg weitergehen, auf dem Gott seine Geschichte mit uns schreibt.
Allerdings muss die Kirche erklären, dass der Weg der Heiligkeit weder eine Wohlfühltherapie, noch auf den Kommunionempfang reduziert ist, und dass er in der Wahrheit des Evangeliums gegangen werden muss. Sie muss den Mut haben zu sagen, dass eine sexuelle Beziehung mit jemand anderem als dem Ehepartner – das übrigens gilt nicht nur für Geschiedene – mit dem Evangelium unvereinbar und damit ein Hindernis für die Gemeinschaft mit Gott ist, auch wenn es subjektiv anders empfunden wird. Sie muss sich trauen zu sagen, dass nicht der einzelne Gläubige, auch nicht der einzelne Priester oder Bischof die Spielregeln bestimmt, sondern die geoffenbarte biblische Wahrheit und das Lehramt der Kirche. Aufzuzeigen, warum sich dieser Weg trotzdem lohnt und letztlich der tiefsten Sehnsucht des gläubigen Herzens entspricht, ist die große Aufgabe dieser Synode.
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