"Da hapert's im Moment"
Frage: Herr Grimberg, der Vatikan will seine Medien neu aufstellen. Was muss sich ändern?
Grimberg: Die vatikanischen Medien müssen sich noch stärker öffnen, normaler werden. Der Aspekt der Verkündigung wird weiter Platz haben, aber das Journalistische sollte den gleichen Spielregeln unterworfen sein wie im allgemeinen Mediengeschäft üblich. Da hapert's im Moment. Zudem muss man schauen, was es an Parallelstrukturen gibt - die teils auch noch einander widerstreiten. In Zeiten knapperer Kassen wird so ein medialer Apparat zu teuer.
Frage: Was macht Chris Patten zum richtigen Mann für die Reformen?
Grimberg: Patten hat große Erfahrung, in schwierigen und traditionsreichen Institutionen neue Ufer zu betreten. Böse Stimmen sagen, er könne deren endgültigen Niedergang sehr elegant managen. Als letzter Gouverneur von Hongkong hat er die De-facto-Rückgabe der ehemaligen britischen Kronkolonie an China ziemlich geräuschlos hinbekommen. Anschließend bei der BBC, als Vorsitzender des neuen Aufsichtsrats BBC Trust, hatte er allerdings größere Schwierigkeiten.
Frage: Warum?
Grimberg: Die BBC ging durch die schwersten Skandale der vergangenen Jahre: Da gab es den Missbrauchsfall des verstorbenen Pop-Moderators Jimmy Savile. Dann wurde auf Pattens Vorschlag George Entwhistle Generaldirektor - mit der kürzesten Amtszeit der BBC-Geschichte. Schließlich wurden Recherchen des BBC-Magazins "Newsnight" zu Missbrauchsfällen in den 60er- bis 80ern und möglichen Verstrickungen eigener Mitarbeiter von oben abgeblockt - all das unter der Verantwortung von Entwhistle und Patten. Da hat er keine so glückliche Hand bewiesen.
Frage: Das klingt nicht nach Erfolg.
Grimberg: Man muss unterscheiden. Unter Patten hat der BBC Trust die Neuorganisation des Senders souverän weitergeführt. Über Jahre stand die BBC in der Kritik, mit ihrem Sitz in London alles durch die Hauptstadtbrille zu sehen. Daraufhin wurden rund ein Viertel der Mitarbeiter in andere Regionen versetzt, etwa nach Manchester. Andere Bereiche in London wurden zusammengelegt. Der Umbau eines so großen Apparats mit einer zerfaserten, von unnötigen Ausgaben belasteten Struktur, ohne dass die journalistische Leistung geschmälert wird - das ist eine nicht zu unterschätzende Leistung. Dabei nahm Patten die BBC vor parlamentarischem Einfluss in Schutz, auch gegenüber seiner eigenen konservativen Partei.
Frage: Wo sehen Sie Defizite?
Grimberg: Ein Versagen sehe ich darin, dass er mit Entwhistle einen offensichtlich ungeeigneten Generaldirektor berufen und die überforderte BBC-Führung nicht eher zu Aufklärung in der Savile-Affäre verpflichtet hat. Das hätte früher und umfänglicher passieren können. Aber ich glaube nicht, dass man sagen kann, Patten neige dazu, die falschen Leute zu holen. Seine Herausforderung im Vatikan wird sein, in einem Apparat Fuß zu fassen, der Veränderung eher als Bedrohung sieht.
Frage: Hat Patten im Blick auf diese Aufgabe das nötige Gespür für heiße Eisen, auch für interne Einflussnahme?
Grimberg: Das hat er. Er ist einer der prominentesten Katholiken Großbritanniens. Als es vor der Englandreise von Papst Benedikt XVI. 2010 Widerstand selbst aus dem Regierungsapparat gab, sollte Patten sich darum kümmern. Da bewies er seine diplomatischen Fähigkeiten, indem er die aufgeheizte Stimmung sehr schnell in den Griff bekam. Sowohl die Regierung als auch der Vatikan werteten den Papstbesuch schließlich als Erfolg.
Frage: Ein ausgleichender Charakter also.
Grimberg: Patten ist zuallererst politischer Diplomat. In Hongkong ging es um unterschiedliche kulturelle Vorstellungen, Empfindlichkeiten und Machtstrukturen, die er erst einmal aufbrechen musst. Bei der BBC hat er es geschafft, die journalistische Unabhängigkeit zu schützen. Was die Missbrauchsproblematik angeht, kommt er als gebranntes Kind. Wenn er aus dem einen oder anderen Fehler als Vorsitzender des BBC Trust klüger geworden ist, kann das für die Aufgabe im Vatikan nur hilfreich sein.
Frage: Welche Freiheiten braucht Patten dafür?
Grimberg: Das wird der Knackpunkt: Er wird relativ weit reichende Vollmachten brauchen. Ihm wird klar sein, dass er im Vatikan nicht so unumschränkt schalten und walten kann wie bei der BBC. Papst Franziskus müsste eine klare Ansage machen, die Patten den entsprechenden Spielraum gegenüber den vatikanischen Institutionen gibt.
Frage: Was ist schwieriger - die BBC reformieren oder die Vatikan-Medien?
Grimberg: Mit Sicherheit die Vatikan-Reform. Wenn man tatsächlich einen eher weltlich orientierten Journalismus einführen will, sind dort noch die weitesten Wege zu gehen. Die BBC war überschattet vom Missbrauchsskandal; das unterscheidet sie nicht vom Vatikan. Ansonsten war es dort für Patten eher business as usual.
Das Interview führte Burkhard Jürgens (KNA)