Das Erhabene und das Niedrige
Kilian Martin beklagte hier am Donnerstag eine "ermüdende" Debatte um Regeln für ehemalige Päpste und wies die Schuld jenen zu, die durch Gerede über eine Verwirrung nach dem Rücktritt Benedikts XVI. eine "selbsterfüllende Prophezeiung geschaffen" hätten. Wenn es mal so einfach wäre! Die Rede von einem "de facto erweiterten Amt mit einem aktiven und einem kontemplativen Teilhaber" im "quasi gemeinsamen Dienst" stammt von Benedikts Alter Ego. Kluge, nicht von eigenen Interessen und Gesinnungen getriebene Vertraute hätten den "Papa emeritus" bestärkt, seinem 2013 angekündigten Rückzug in ein klösterlich stilles "Leben im Gebet" zu entsprechen, statt doch wieder die Öffentlichkeit zu suchen. Hätte er Wort gehalten, käme niemand auf die Idee, Regeln für ehemalige Päpste zu fordern.
Die Neubearbeitung seines Aufsatzes "Zur Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe" von 1972 für Band 4 seiner "Gesammelten Schriften" (2014), medial zum "Eingreifen" in die Familiensynode aufgeblasen, konnte man noch als Nachwirkung seiner Tätigkeit als Wissenschaftler verteidigen. Nicht mehr jedoch das Nachtreten gegen Gläubige in seinem Heimatland, "diesen etablierten und hoch bezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken, die dann der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenübertreten", im Interviewband "Letzte Gespräche" mit Peter Seewald (2016) und die Einlassung zur Williamson-Affäre: "Ich sehe die Schuld nur bei dieser Kommission" ("Ecclesia Dei"). Solche Pflege des eigenen Bildes steht einem Mann seines Ranges nicht gut zu Gesicht. Ebenso wenig die im Requiem für Kardinal Meisner deplazierte Kritik an "manchen Experten der Pastoral und der Liturgie", die die eucharistische Anbetung überholt fanden. In der zugespitzten kirchenpolitischen Lage auch noch die "tiefe Gewissheit" des Dubia-Kardinals hervorzuheben, "dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist", konnte durchaus als Verstoß gegen eine unzweifelhafte Loyalität zum Nachfolger verstanden werden.
Dass auch große Persönlichkeiten gegen Ende ihres Laufs stilunsicher oder manipulierbar werden, zu Selbstrechtfertigungen und wiederholender Klage neigen, ist nicht selten. Bei einem eigentlich demütigen und klugen Mann wie Joseph Ratzinger schmerzt es besonders. Die Rufe nach kirchenrechtlichen Regeln hat er so selbst mit veranlasst. Mehr Schuld daran trägt allerdings seine Entourage, deren Einfluss und Geltung an seiner bleibenden Präsenz hängt. Sie hat einen stilprägend stillen Abgang des greisen Theologenpapstes vermasselt – unter Beifall derer, die eine Profanierung des Petrusamts durch Rücktritte erst fürchteten und nun selbst fördern: als B16-Fanclub auf Distanz zum Papst. Oder frei nach Goethe: als Kraft, die stets das Erhabene will – und das Niedrige schafft.
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