"Das Weiß zum letztjährigen Schwarz"
Frage: Wie ist die Ansprache im Vergleich zu der aus dem vergangenen Jahr einzuordnen – war es wieder eine Art Donnerschlag?
Hagenkord: Der Ton der Ansprache vom vergangenen Jahr, als Franziskus von den 15 Krankheiten der Kurie sprach, hat mehr Aufsehen erregt als er eigentlich wollte. Der Papst hat damals in sehr deutlichen Worten gesagt, wie er sich die Arbeit der Kurie vorstellt und hat dazu deren Schwächen aufgezählt. Die Rede in diesem Jahr bildet sozusagen das Weiß zum letztjährigen Schwarz. Wieder ging es darum, wie die Kurie arbeiten soll, aber dieses Mal hat Franziskus die Stärken aufgezählt: 24 Tugenden aufgeteilt in 12 Paare. Die Herangehensweise war also spiegelverkehrt. Sich an abstrakten Tugenden zu orientieren, ist meiner Ansicht nach aber noch schwieriger, als über die eigenen Schwächen nachzudenken.
Frage: Hätten Sie erwartet, dass er bei seiner Ansprache in diesem Jahr wieder einen so ähnlichen Ansatz wählt?
Hagenkord: Ich hatte schon erwartet, dass Franziskus wie 2014 aus dem geistlichen Erbe schöpft. Damals hat er ja eine Art Beichtspiegel präsentiert, dieses Jahr war es ein Ausflug in die christliche Tugendlehre. Das ist etwas, was er immer macht: Er nimmt sich Formen aus der geistlichen Tradition und adaptiert sie für seinen Gebrauch. Er kennt sich in der Tradition sehr gut aus, kann sie aber auch so aktualisieren, so dass Menschen ohne große Vorkenntnisse sie heute verstehen.
Frage: Was ist aus Ihrer Sicht die Kernbotschaft der diesjährigen Rede?
Hagenkord: Er hat erneut sehr deutlich das Wort "Reform" in den Mund genommen. Die Reform der Kurie geht weiter, und zwar mit Entschlossenheit. In diesem Zusammenhang schlägt Franziskus auch die Brücke zum Heiligen Jahr: Es geht nicht nur darum, dass Barmherzigkeit eine Art vorübergehendes Gefühl ist, sondern daraus muss sich alles andere ableiten. Und das gilt auch für die Zusammenarbeit in der Kurie, die sich von den vom ihm skizzierten Tugenden wie Menschlichkeit und Vertrauenswürdigkeit leiten lassen soll.
Der Papst hat seine Weihnachtsansprache für die Kurie gehalten. Standen 2014 noch deren "Krankheiten" im Fokus, ging es nun um die Tugenden. Eines steht für Franziskus aber fest: Die Reform muss weitergehen. Lesen Sie seine Rede im Wortlaut.
Frage: Wird das Verhältnis des Papstes zur Kurie durch die Rede nun eher entspannter oder möglicherweise noch schwieriger?
Hagenkord: Franziskus hat betont, wie dankbar er ist für die vielen Kurialen, die offen, vertrauensvoll und professionell mit ihm zusammenarbeiten. Es geht ihm also nicht darum, einen Gegensatz aufzumachen zwischen ihm und der Kurie. Die meisten, die ich persönlich kenne, sind tatsächlich integre, hart arbeitende Mitarbeiter. Und wenn sich doch jemand in die Gegenposition hineinmanövriert, bitteschön. Aber ich glaube nicht, dass das vom Papst beabsichtigt ist.
Frage: Der Papst will die Reformen fortführen – was genau steht 2016 an?
Hagenkord: Es ist ja nicht so, als ob die Kurienreform jetzt plötzlich vom Himmel fällt. Zwei Arten von Neuerungen zeichnen sich schon seit Längerem ab. Das eine sind die strukturellen Entscheidungen, da sind schon einige gefallen. Als nächstes könnte der Papst möglicherweise ein neues Dikasterium, also ein neues Ministerium schaffen, das die Themen Familie und Laien bündelt. Das hatte er ja schon bei der Familiensynode im Oktober angekündigt. Aber hinter der strukturellen Ebene steht ja noch eine ganz andere Reform, die für den Papst mindestens genauso wichtig ist: die Reform der inneren Haltung. Wenn die Haltung nicht stimmt – und das ist sowohl im letzten als auch in diesem Jahr sehr klar geworden – dann brauchen wir auch keine Strukturreformen.
In seiner Weihnachtsansprache vor der römischen Kurie hat Papst Franziskus seinen Mitarbeitern einen "Katalog der notwendigen Tugenden" vorgelegt. Dabei verwies er auch auf seine Rede aus dem vergangenen Jahr, in der er die "Krankheiten" der Kurie kritisiert hatte. Der Papst betonte, die angestoßenen Reformen "mit Entschlossenheit, klarem Verstand und Tatkraft fortführen" zu wollen.