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Der Papst und die Alte Messe: Kommt die liturgische Versöhnung?

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Kardinal Raymond Leo Burke bei der Wandlung
Bonn - Nicht erst seit Leos Amtsantritt steht die Frage nach der Liturgie in der Schwebe. Könnten seine Signale zeigen, in welche Richtung es geht? Eine Analyse.

Ein Beben mit Vorhersage? Dafür sorgte der am Ostermontag 2025 verstorbene Papst Franziskus im Jahr 2021, als er die "Alte Messe" einschränkte. Viele, meist aus dem eher traditionalistischen Flügel der katholischen Kirche, haben sich davon noch nicht erholt – und wollen die Entscheidung nicht akzeptieren. Bis heute brechen immer wieder Diskussionen und Debatten über die vorkonziliare Liturgie aus. Oder besser gesagt über den Versuch des früheren Pontifex, diese teilweise aus dem Kirchenleben zurückzudrängen. Mit seinem Tod kam bei vielen Traditionalisten die Hoffnung auf, sein Nachfolger, Papst Leo XIV., könnte die Einschränkungen lockern oder sogar ganz aufheben. Angeblich soll das sogar Thema bei den Kardinalsversammlungen nach dem Tod von Franziskus und vor der Wahl von Leo XIV. gewesen sein.

Nach nur wenigen Monaten auf dem Stuhl Petri merkte Leo XIV. an, dass das Thema in einen "Prozess der Polarisierung" hineingeraten sei. Manche hätten die Liturgie benutzt, um andere Anliegen voranzutreiben; sie sei zu einem politischen Werkzeug geworden. Zugleich nahm Leo eine Mittelposition ein. Sein angekündigter Weg war deshalb weder Verbot noch Freigabe: "Wir müssen uns zusammensetzen und darüber reden", lautete seine Botschaft.

Ideologisierung der Liturgie

Damit benennt Leo allerdings ein Problem, das schon für Franziskus ein wesentlicher Grund für seine Einschränkungen gewesen war: die Ideologisierung der Liturgie. Mit "Traditionis custodes" versuchte Franziskus – so erklärte er sein Vorhaben selbst – einer zunehmenden Spaltung entgegenzuwirken. In seiner Autobiografie "Hoffe" schrieb er, dass es nicht förderlich sei, wenn die Liturgie zu einer Frage der Ideologie werde. Franziskus hatte offenbar schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires Erfahrungen mit Formen des Traditionalismus gemacht. Dazu passt zumindest das Bild, das sich später von seinem Pontifikat zeichnete. Noch immer wird etwa jene Anekdote erzählt, wonach er kurz nach seiner Wahl 2013 die festliche päpstliche Kleidung mit den Worten abgelehnt habe: "Der Karneval ist vorbei!" Ob der Satz tatsächlich gefallen ist, lässt sich kaum zuverlässig rekonstruieren.

Und doch erscheint die Geschichte vielen glaubwürdig, weil sie zu Franziskus' demonstrativ schlichtem Auftreten passte. Schon sein erstes "Buona sera" auf der Benediktionsloggia des Petersdoms stand symbolisch für einen Stilwechsel. Acht Jahre später folgte mit "Traditionis custodes" ein weit folgenreicherer liturgischer Einschnitt. Benedikt XVI. (2005–2013) hatte 2007 mit "Summorum Pontificum" die Feier nach dem Messbuch von 1962 erheblich erleichtert. Er sprach von zwei Formen desselben römischen Ritus: der "ordentlichen Form" nach der Liturgiereform und der "außerordentlichen Form" nach dem Messbuch von 1962. Franziskus zog 2021 einen Schlussstrich unter dieses Modell. Die alte Messe blieb zwar möglich, wurde aber wieder zu einer Ausnahme, die gut begründet werden musste. Bis heute bildet das Motu proprio die rechtliche Grundlage für den Umgang mit der Liturgie nach den Messbüchern von 1962.

Papst Franziskus schaut skeptisch
Mit "Traditionis custodes" versuchte Franziskus – so erklärte er sein Vorhaben selbst – einer zunehmenden Spaltung entgegenzuwirken.

Dass Franziskus hinter bestimmten Ausprägungen des Traditionalismus nicht nur theologische, sondern mitunter auch menschliche Probleme vermutete, machte er in seiner Autobiografie deutlich. Darin schreibt er folgendes: "Manchmal verbergen sich hinter diesen Kostümierungen ernsthafte Unausgeglichenheit, Affektstörungen, Verhaltensprobleme oder ein persönliches Unwohlsein, das instrumentalisiert werden kann." Er hatte auf konkrete Fälle verwiesen, mit denen er sich während seines Pontifikats beschäftigt hat. Die Fronten waren damit verhärtet. Genau diese Fronten hat Leo XIV. geerbt.

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Hier beginnt die eigentliche Frage im Streit um den Ritus. Denn wer aus Leos versöhnlicherem Ton auf eine Rückkehr zur Politik Benedikts XVI. schließt, übersieht die inzwischen doch recht deutlichen Signale Leos in Bezug auf die Liturgie. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962– 1965) hat er inzwischen mehrfach ausdrücklich verteidigt und macht in seinen wöchtenlichen Generalaudienzen aktuell sogar eine Katechesereihe zu zentralen Themen des Konzils. Im Mai betonte er, den Konzilsvätern sei es nicht lediglich um veränderte Riten gegangen. Ziel sei eine Vertiefung des Geheimnisses Christi und eine wirkliche Teilnahme der versammelten Gemeinde gewesen. Nur eine Woche später wurde er noch grundsätzlicher: Liturgie habe sich im Lauf der Kirchengeschichte immer wieder verändert und in unterschiedlichen kulturellen Formen "verkörpert". Tradition und Entwicklung sind für Leo also offenbar keine Gegensätze. Vielmehr könne Entwicklung gerade der kirchlichen Gemeinschaft dienen.

Im August folgte ein weiteres Signal: Leo erinnerte daran, dass die Eucharistie für die Heiligung des Sonntags unerlässlich sei, und betonte dabei die vom Konzil geforderte "tätige Teilnahme" der Gläubigen. Noch aufschlussreicher ist allerdings sein Schreiben an Liturgiepräfekt Kardinal Arthur Roche im Juli. In dem vom Vatikan veröffentlichten Dokument fordert Leo die Treue zu den approbierten liturgischen Texten und Anweisungen. Ausdrücklich nennt er die von Paul VI. (1963–1978) und Johannes Paul II. (1978– 2005) promulgierten Riten und verbindet die Einhaltung der liturgischen Ordnung mit der "Treue zur kirchlichen Gemeinschaft". Das ist bemerkenswert, denn genau hier wird eine Linie sichtbar: Leo XIV. spricht versöhnlicher über den Konflikt, stellt aber die Liturgiereform selbst nicht infrage.

Diese Linie hat er auch bei seiner jüngsten Generalaudienz im Petersdom noch einmal bekräftigt. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßene Liturgiereform stehe in einer jahrhundertelangen Entwicklung: "Das Lehramt hat ihre Formen an die Bedürfnisse der verschiedenen Epochen angepasst", sagte der Papst. Auch die vom Konzil geforderte aktive Teilnahme der Gläubigen sei nicht plötzlich entstanden, sondern habe sich bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt. Bemerkenswert ist, dass Leo die Verteidigung der Reform zugleich mit einer Kritik an nachkonziliaren Fehlentwicklungen verbindet. Er wandte sich ausdrücklich gegen liturgische "Missbräuche", die teilweise bis heute noch vorkommen. Liturgie sei keine private Handlung; Bischöfe und Priester müssten die liturgischen Normen wahren. Damit zeichnet sich seine Linie immer deutlicher ab: Leo verteidigt die Reform, ohne deshalb jede Entwicklung nach dem Konzil gutzuheißen.

Ausgerechnet Kardinal Roche

Hinzu kommt eine Personalie, die Traditionalisten kaum ignorieren können: Kardinal Arthur Roche steht weiterhin an der Spitze des Liturgiedikasteriums. Und Roche gehört nicht nur zu den entschiedensten Verteidigern von "Traditionis custodes" – er soll sogar das Mastermind hinter dem Dokument sein. Ende Juli dieses Jahres wurde er ungewöhnlich deutlich: Er geht davon aus, dass Leo XIV. weder "Traditionis custodes" ändern noch zu "Summorum Pontificum" zurückkehren werde, sagte der Kardinal in einem Interview. Für Roche steht dabei die Einheit im Zentrum: Wenn ausgerechnet die Eucharistie zum Grund kirchlicher Spaltung werde, sei grundsätzlich etwas aus dem Gleichgewicht geraten.

Kardinal Arthur Roche beim Konsistorium
Kardinal Arthur Roche steht noch immer an der Spitze des Liturgiedikasteriums. Und Roche gehört nicht nur zu den entschiedensten Verteidigern von "Traditionis custodes" – er soll sogar das Mastermind hinter dem Dokument sein.

Natürlich ist Roche nicht der Papst. Seine Aussage ist keine päpstliche Entscheidung. Doch sie gewinnt dadurch an Gewicht, dass Leo seinen Liturgiepräfekten nicht nur im Amt belässt, sondern sich in seinem jüngsten Schreiben explizit an ihn wendet und wesentliche Grundgedanken der nachkonziliaren Liturgie bekräftigt. Eine Rückkehr zu Benedikts "Summorum Pontificum" ist damit absehbar nicht besonders wahrscheinlich. Und trotzdem wäre es vorschnell, daraus einfach eine Fortsetzung des eher scharfen Kurses von Franziskus abzuleiten.

Der Unterschied könnte in der Anwendung liegen. Unter Leo sind Zeichen einer vorsichtigen Entspannung erkennbar. Im Oktober 2025 konnte im Petersdom erstmals seit Jahren wieder eine Messe nach dem Messbuch von 1962 gefeiert werden. Kardinal Raymond Leo Burke, einer der prominentesten Kritiker des Kurses von Franziskus, stand ihr vor. Doch anders als im vergangenen Jahr gab es bei der diesjährigen Traditionalisten-Wallfahrt "Ad Petri Sedem" keine Messe in der vorkonziliaren Liturgie im Petersdom. Die Feier soll Medienberichten zufolge im Umfeld des Papstes als unangemessen triumphalistisch wahrgenommen worden sein. 

Unterdessen gab es andere Berichte, wonach Rom bei Ausnahmen von "Traditionis custodes" großzügiger verfahren soll. Das könnte möglicherweise ein Schlüssel zu Leos Strategie sein. Er muss "Traditionis custodes" gar nicht abschaffen, um die Gesamtsituation zu verändern. Als Kirchenrechtler weiß Papst Leo XIV., dass Paragraphen "streng" auf dem Papier stehen und gleichzeitig pastoral großzügger angewendet werden können. Ausnahmen könnten somit leichter genehmigt und bestehende Gemeinden weniger unter Druck gesetzt werden. Und traditionelle Gemeinschaften könnten auf diese Weise stärker in das reguläre kirchliche Leben eingebunden werden.

Dritter Weg

Damit könnte Leo etwas versuchen, das weder Benedikt noch Franziskus gelungen ist: die Liturgiefrage politisch zu entschärfen. Benedikt setzte auf Freiheit und hoffte auf eine "gegenseitige Befruchtung" beider Formen. Franziskus sah darin letztlich eine Quelle neuer Spaltungen und setzte auf Einschränkungen die teilweise sehr scharf waren. Leo könnte nun einen dritten Weg suchen: einerseits die rechtliche Kontinuität mit Franziskus, andererseits die pastorale Großzügigkeit gegenüber den Anhängern der traditionellen Liturgie. Dafür spricht auch Leos bisheriger Stil. Er unterscheidet zwischen der vorkonziliaren Liturgie selbst und ihrer ideologischen Instrumentalisierung. Nicht jeder Besucher einer Alten Messe ist für ihn automatisch Gegner des Konzils. Das zeigte auch der erfolglose Dialog vor der illegalen Bischofsweihe der Piusbruderschaft St. Pius X und die mögliche Rückkehr jener exkommunizierter Priester sowie der formalen Anhänger.

Gleichzeitig gibt es bislang keinen Hinweis darauf, dass Leo die Liturgiereform relativieren oder die nachkonziliare und vorkonziliare Form wieder grundsätzlich gleichstellen möchte. Wer also auf ein schlichtes "Summorum Pontificum 2.0" wartet, dürfte enttäuscht werden. Die bisherigen Äußerungen Leos sprechen dagegen. Er verteidigt "Sacrosanctum Concilium", die nachkonziliare Entwicklung der Liturgie und die tätige Teilnahme der Gläubigen. Ebenso unwahrscheinlich erscheint derzeit aber eine neue Verschärfung nach Franziskus-Art.

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