Die Geste der Liebe
Über ein halbes Jahr lang hat Papst Franziskus sich in seinen Generalaudienzen mit der Familie befasst. Als Seelsorger, der vertraut ist mit dem prallen wie dem gebeutelten Leben, hat er geplaudert und ermahnt, gelobt und gedankt. Sein Fazit: Wenn die Welt familiärer wird, ist das "ein Segen für die Völker".
Gleichzeitig beschreibt er das ganze Spektrum an Herausforderungen, mit denen Familien heute konfrontiert sind: Krieg, Armut, Wirtschaftsinteressen, einseitige Sozialwissenschaften … Ihm geht es darum, ob unsere Gesellschaft letztlich nur aus Individuen besteht, die sich zusammenfinden oder auch nicht, oder ob diese Gesellschaft aus Familien besteht. Die wiederum beschwört er nicht als eine idealisierte Vergangenheit, die es so nie gegeben hat. Ebensowenig referiert er den Katechismus. Oft beschreibt Franziskus nüchtern – auch anhand eigener Erlebnisse – und zeigt gleichzeitig die Schönheit, die Liebe, die Freude und den Mut auf, die in Familien zu finden sind. Und verknüpft dies mit der Frohbotschaft der Bibel.
Danke, Bitte, Entschuldigung
In einer Ansprache erinnert der Papst daran, wie wichtig im Alltag die Worte "danke", "bitte" und "Entschuldigung" sind. Solche kleinen Hinweise sind es, die es Hörern und Lesern erleichtern, das Gesagte auf ihre persönliche Lebenslage anzuwenden. Gilt es in familiären Beziehungen doch vor allem auch Balancen zu wahren: zwischen Mutter, Vater und Kindern, zwischen Strenge und Milde, Arbeit und Feier, Prinzipien und Barmherzigkeit.
Wie so oft entzieht Franziskus sich den Schubladen von konservativ und progressiv. Er kritisiert Gender-Theoretiker, die den Unterschied zwischen männlich und weiblich verwischen, und fordert einen "neuen Bund zwischen Mann und Frau ... für die Emanzipation der Völker von der Kolonisierung durch das Geld".
Zuallererst ist die Familie ein Gottesgeschenk. Der Mensch – als Frau und Mann – ist Gottesebenbild. Und "Kinder zu sein, ist die Grundvoraussetzung, um die Liebe Gottes kennenzulernen". Werden Kinder doch "geliebt, … ohne dass sie sich Liebe verdienen. Sie erfahren unentgeltliche Liebe".
Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre unmenschlich
"Die Mutter findet, obwohl sie symbolisch gerne hervorgehoben wird … wenig Gehör, man hilft ihr wenig im täglichen Leben, sie erhält wenig Anerkennung in ihrer zentralen Rolle" – in der Familie wie am Arbeitsplatz! "Mutter zu sein, bedeutet nicht nur, ein Kind zur Welt zu bringen, sondern es ist auch eine Lebensentscheidung …, die Entscheidung, das Leben hinzugeben. Das ist groß, das ist schön." Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre unmenschlich, "denn die Mütter wissen stets, auch in den schlimmsten Augenblicken, Zärtlichkeit, Hingabe, moralische Kraft zu bezeugen".
Der Vater hingegen war früher zu dominant, heute glänzt er durch Abwesenheit. "Die Abwesenheit der väterlichen Gestalt im Leben der Kinder und Jugendlichen hinterlässt Lücken und Wunden, die sehr schlimm sein können." Ein Vater soll lehren, ermahnen und korrigieren, ohne zu entmutigen. Er soll präsent sein, aber nicht kontrollieren. Oft muss er warten können – mit Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit, damit die Kinder selbstständig werden können.
Kinder sind ein Geschenk: verstanden? Kinder sind ein Geschenk!
Papst Franziskus
Kinder sind "kein Problem der Reproduktionsbiologie und auch keiner der vielen Wege zur Selbstverwirklichung. Und sie sind erst recht kein Eigentum der Eltern … Nein. Kinder … sind ein Geschenk: verstanden? Kinder sind ein Geschenk." So hat "Gott keine Schwierigkeiten, sich Kindern verständlich zu machen, und Kinder haben keine Probleme, Gott zu verstehen". Kinder brauchen Mut, eine neue Welt aufzubauen, ohne die alte Welt, ohne die Alten zu verachten.
Denn "tatsächlich besteht eine enge Verbindung zwischen der Hoffnung eines Volkes und der Harmonie zwischen den Generationen". Gesellschaften, die keine Kinder haben, keine wollen sind trübselige Gesellschaften. "Kinder bringen Leben, Fröhlichkeit, Hoffnung, auch Unannehmlichkeiten. Aber so ist das Leben." Scharf kritisiert Franziskus das Vergehen vieler Erwachsenen und der Gesellschaft an Kindern. "Der Vater im Himmel vergisst keines dieser Kinder!" Und ebensowenig die "soziale Verantwortung der Menschen, eines jeden von uns und der Staaten".
Geschwister
Zerbrechen Geschwisterbande ist das "etwas Schlimmes und Böses für die Menschheit". Denn gerade Familien bringen Geschwisterlichkeit in die Welt, Beziehungen, die sich nicht nach Leistung und Geld messen. So ist es heute "nötiger denn je, die Brüderlichkeit wieder in den Mittelpunkt unserer technokratischen und bürokratischen Gesellschaft zu stellen: Dann werden auch Freiheit und Gleichheit in sich stimmig sein".
Alte Menschen
"Eine Zivilisation, in der es keinen Platz für die alten Menschen gibt, oder wo sie ausgesondert werden, weil sie Probleme verursachen, diese Gesellschaft trägt das Virus des Todes in sich." Der Papst erinnert sich an eine Frau im Altenheim: "Acht Monate lang kein Besuch von den Kindern, acht Monate verlassen! Das nennt sich Todsünde, verstanden?"
Alte Menschen sind Männer und Frauen, Väter und Mütter, die "vor uns auf unserem Weg waren, in unserem Kampf um ein Leben in Würde." Der Papst erinnert sich schmunzelnd, wie er auf den Philippinen als "Lolo Kiko" begrüßt wurde: "Opa Franz". "Es stimmt, dass die Gesellschaft dazu neigt, uns auszusondern, aber gewiss nicht der Herr."
Auch das Alter ist eine Berufung
Denn das Alter ist eine Berufung: "Wir können für die Erwartungen der neuen Generationen Fürsprache halten und der Erinnerung und den Opfern der vergangenen Generationen Würde verleihen. Wir können die ehrgeizigen jungen Leute daran erinnern, dass ein Leben ohne Liebe ein seelenloses Leben ist. Wir können den ängstlichen jungen Menschen sagen, dass die Angst vor der Zukunft überwunden werden kann. Wir können die jungen Menschen, die zu sehr in sich selbst verliebt sind, lehren, dass Geben seliger ist als Nehmen." Hässlich, so Franziskus, ist der Zynismus alter Menschen, schön ihre Ermutigung an die Jungen.
Die Ehe
Als Mann und als Frau ist der Mensch Gottes Ebenbild. Diesen Unterschied gilt es zu wahren. Franziskus fordert auf, das Thema des Ehebundes und der Familie "nicht zu vernachlässigen, so als sei es für den Einsatz zugunsten einer freieren und gerechteren Gesellschaft nebensächlich geworden". Gleichwohl muss "die Frau nicht nur mehr gehört werden, sondern ihre Stimme muss echtes Gewicht, anerkannte Autorität in der Gesellschaft und in der Kirche haben". Chauvinismus und Sexismus kritisiert der Papst ebenso wie "Skepsis und Feindseligkeit" gegenüber dem Ehebund von Frau und Mann.
Auch mahnt Franziskus, "sehr ernsthaft darüber nachzudenken ..., warum so vielen jungen Menschen ‚nicht der Sinn danach steht‘ zu heiraten. Es gibt diese Kultur der Vorläufigkeit … es scheint nichts Endgültiges zu geben". Das habe aber nichts mit der Emanzipation der Frau zu tun, wie manche meinten. Vielmehr berge die christliche Ehe den "Samen radikaler Gleichheit unter den Ehegatten". "Diese Ausstrahlung der Kraft und der Zärtlichkeit Gottes, die von Ehepaar zu Ehepaar, von Familie zu Familie weitergegeben wird, ist bewegend. ... Gott segne sie tausendmal dafür!"
Kinder müssen wachsen, ohne mutlos zu werden, Schritt für Schritt.
Papst Franziskus
Zur Erziehung gehören Gehorsam und Ermutigung. "Kinder müssen wachsen, ohne mutlos zu werden, Schritt für Schritt." Besonders schwierig wird Erziehung, wenn Eltern ihre Kinder nur abends sehen, wenn sie müde nach Hause kommen. Noch schwieriger ist es für getrennte Eltern: "Ihr dürft das Kind nie, nie, nie als Geisel nehmen! Aufgrund vieler Schwierigkeiten habt ihr euch getrennt. Das Leben hat euch diese Prüfung auferlegt, aber die Kinder dürfen nicht die Last dieser Trennung tragen." Scharf kritisiert Franziskus "‚kritische‘ Intellektuelle jeder Art", die Eltern entmündigen und entmutigen, weil diese angeblich zu ungebildet sind, ihre Kinder richtig zu erziehen.
"Die heutige Wirtschaft ist oft auf den Genuss des individuellen Wohlstands ausgerichtet, beutet die familiären Bindungen jedoch in großem Umfang aus. Das ist ein schlimmer Widerspruch!", so der Papst. Bedroht werden Familien auch durch Armut, Gewalt sowie manche Politiker, Ökonomen und Bürokraten: "Es ist fast ein Wunder, dass sich die Familie auch in der Armut weiterhin bildet und sogar … besondere Menschlichkeit bewahrt. Diese Tatsache irritiert jene Planer des Wohlstands, die Zuneigung, Fortpflanzung, familiäre Bindungen als nebensächlichen Aspekt der Lebensqualität betrachten. Sie verstehen nichts! Wir müssen vielmehr vor diesen Familien niederknien: Sie sind eine wahre Schule der Menschlichkeit."
Und er schwärmt: "Ein einziger Mann und eine einzige Frau, die in der Lage sind, für ein Kind anderer Menschen – und nicht nur für das eigene – Risiken einzugehen und Opfer auf sich zu nehmen, erklären uns Dinge der Liebe, die viele Wissenschaftler nicht mehr begreifen. Und wo diese familiären Zuneigungen vorhanden sind, entstehen diese Gesten, die beredter sind als alle Worte … Die Geste der Liebe."
Dieser Artikel ist Teil der Familien-Themenwoche "Liebe leben", die vom Katholischen Medienverband initiiert wurde. Die Themenwoche, die von katholischen Medien in ganz Deutschland getragen wird und vom 20. bis 27. September 2015 stattfindet, will im Vorfeld der Bischofssynode im Vatikan auf die Synode und den Themenkomplex Ehe und Familie aufmerksam machen. Katholisch.de bildet auf einer Themenseite ausgewählte Inhalte der Themenwoche ab.