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Jesuit Michael Sievernicht zu den Konsequenzen aus dem großen Interview Franziskus'

"Die Kirche ist keine Herrin"

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Die ökumenische Maria-Magdalena-Kirche in Freiburg.
Bonn - Das Interview, das Franziskus mehreren jesuitischen Zeitungen gab, bescherte dem Kirchenoberhaupt eine mediale Aufmerksamkeit, die selbst für einen Papst selten ist. Im Interview mit katholisch.de äußert sich sein deutscher Ordensbruder Michael Sievernich SJ zu den Konsequenzen, die die Kirche nun ziehen sollte und zu der Frage, inwiefern aus den Worten auch die jesuitische Spiritualität spricht.

Frage: Pater Sievernich, inwiefern spricht aus den Worten des Papstes auch der Jesuit Bergoglio?

Sievernich: Das ist überhaupt nicht zu übersehen. Franziskus zeigt sich als Jesuit, der aus der Spiritualität dieses Ordens lebt. Er übernimmt wichtige Kategorien wie die 'Unterscheidung des Geister' oder die Mystik des Ignatius von Loyola, die man mit dem Satz 'Gott suchen und finden in allen Dingen' zusammenfassen kann. Auch seinen Führungsstil leitet der Papst daraus her. Er folgt dem Prinzip: Erst beraten und dann entscheiden.

Ein Mann mit grauen Haaren und Brille hält einen Vortrag
Der Jeusitenpater Michael Sievernich SJ.

Franziskus betont sehr stark das ‚Volk Gottes‘ – ein Begriff aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Er verbindet also ignatianische Spiritualität mit der konziliaren Inspiration der Kirche und schlägt vor, dass die Kirche den Autoritarismus bleiben lassen solle. Er sagt selbst von sich, dass er früher zu autoritär gewesen sei, als er Ämter im Jesuiten-Orden innehatte. Papst, Bischöfe und andere kirchliche Autoritäten tun gut daran, sich vor ihren wichtigen Entscheidungen zu beraten und dabei Gründe und Gegengründe abzuwägen und mögliche Einwände ernst zu nehmen. Deswegen betont Franziskus auch so sehr das synodale Prinzip. In moralischen Fragen sieht Franziskus die Kirche nicht als Gouvernante oder Herrin, sondern als eine Institution, die zum Glauben einlädt, im Bild gesprochen als 'Mutter und Hirtin'. So vollzieht sich ein Wandel des Kirchenbildes.

Frage: Was hat Sie persönlich an dem Interview besonders beeindruckt?

Sievernich: Mich hat besonders die Betonung des mystischen Elements beeindruckt. Aus diesem Moment des Gebets, der Anbetung heraus lebt Franziskus, es ist der entscheidende Angelpunkt seines pastoralen und politischen Handelns als Papst. Ich finde es beeindruckend, dass er das so stark hervorhebt. Außerdem versucht er auszulegen, was das ignatianische Prinzip konkret für das tägliche Handeln bedeutet. Jeder steht in seinem Leben vor dieser Aufgabe, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Das Leben ist eben kein Opernlibretto, sondern alle Menschen sind in einer Suchbewegung - auch die Katholiken.

Frage: Inwiefern werden die Worte des Papstes auch die Vollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda beeinflussen?

Sievernich: Ich hoffe, dass die Bischofskonferenz sich an den Worten von Papst Franziskus ein Beispiel nimmt. Zum Beispiel, was die Bedeutung der Mystik und des Gebets angeht, zum Beispiel, was die Ablehnung des Autoritarismus angeht. Da gibt es sehr viele positive Anknüpfungspunkte.

Frage: Die Medien rezipieren das Interview ja besonders auf Franziskus Aussagen zu Frauen, Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen….

Sievernich: In dem Interview betont Franziskus sehr stark die weibliche Präsenz in der Kirche. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es gibt aber andere Aspekte, die in den Medien viel zu stark aufgegriffen werden. Fragen wie Abtreibung und homosexuelle Partnerschaft sind für Franziskus ja Nebenthemen und zwar deshalb, weil es moralische Themen sind. Laut Franziskus müssen wir uns nicht dauernd mit diesen Fragen beschäftigen. Es geht ihm um die die Umkehrung der bisherigen Reihenfolge: Weg von der Fixierung auf Fragen der Sexualmoral, hin zu den Grundfragen der Kirche: Wie kann heute Glaube erfahren werden, was macht den spirituellen Kern der Kirche aus? Das sind die zentralen Fragen nach Christus und dem Wehen des Heiligen Geistes. Und erst danach kommen die Moralfragen.

Frage: Was ist Ihnen noch wichtig an dem Papier?

Sievernich: Franziskus schlägt auch eine neue Kreativität in der Kirche und den Orden vor. Die Kirche soll sich nicht in den alten Routinen erschöpfen. In diesem Zusammenhang geht es um das Verhältnis zu den Künsten, von der Literatur bis zum Kino und zur Musik. Derzeit gibt es einen doppelten Verlust. Die Kunst hat die Themen der Religion verloren und die Kirche hat die Kunst verloren. Die Kirche sollte sich mit den Künsten wieder mehr zusammentun. Die Kunst ist natürlich autonom, aber sie greift doch die großen Themen des Menschen auf. Und das sind die Frage nach Gott, die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Frage nach Schuld und Vergebung, nach Liebe und Gerechtigkeit. Wie kommen Kunst und Kirche wieder in ein produktives Verhältnis, zum Wohl beider?

Das Interview führte Gabriele Höfling

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