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Warum der US-Geheimdienst die katholische Kirche belauscht

Die Logik der NSA

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Der Petersdom bei Nacht.
Bonn - Er zählt im internationalen Vergleich weder wirtschaftlich noch militärisch zu den Großen. Dennoch ist der Einfluss des Vatikans nicht zu unterschätzen. Und auch wenn die katholische Kirche scheinbar an Einfluss in der Gesellschaft verliert, gilt der Papst als einer der mächtigsten Männer der Welt. Deshalb haben auch die Geheimdienste den kleinen Stadtstaat und ihr Oberhaupt "auf dem Zettel".

Wie das italienische Magazin "Panorama" vergangene Woche berichtete, sollen nicht nur Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Regierungschefs anderer großer europäischer Staaten im Visier des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA gestanden haben – sondern auch der Vatikan. Dort sei man "diesbezüglich unbesorgt", so Sprecher Federico Lombardi gegenüber Radio Vatikan. "Den Vatikan abzuhören, ist in der Logik der NSA nur folgerichtig", sagt hingegen der Politikwissenschaftler und Vatikan-Experte Andreas Sommeregger auf Anfrage von katholisch.de.

Denn das Informationsnetzwerk der katholischen Kirche suche seinesgleichen, so Sommeregger. Da stünden der diplomatische Dienst des Heiligen Stuhls, die Besuche von Staatsoberhäuptern, Regierungschefs und katholischen Bischöfe beim Papst auf der einen Seite. Und Verbindungen in die entlegensten Gebiete der Welt durch die Pfarreien, Orden und katholische Organisationen wie Sant'Egidio, Opus Dei, Pax Christi oder Misereor auf der anderen Seite. "All das sind Informationsquellen, die in Rom zusammenlaufen", erklärt der Politikwissenschaftler.

Angeblich Gespräche von Kardinal Bergoglio belauscht

Der "Lauschangriff" der NSA soll zwischen dem 10. Dezember 2012 und dem 8. Januar 2013 stattgefunden haben, schreibt "Panorama". Außerdem bestehe der Verdacht, dass auch vor dem Konklave im März Telefonate von Kirchenvertretern in Rom belauscht worden seien. Dazu zählten auch Gespräche des damaligen Kardinals Jorge Bergoglio, der im Kleriker-Gästehaus in der römischen Innenstadt logierte.

Andreas Sommeregger (schwarz/weiß Bild)
Andreas Sommeregger ist Politikwissenschaftler und Autor des Buches "Soft Power und Religion - Der Heilige Stuhl in den internationalen Beziehungen".

"Ein Konklave ist immer auch der Zeitpunkt, an dem die Kardinäle im Idealfall eine schonungslose Bestandsaufnahme der katholischen Kirche vollziehen", begründet Sommeregger den Zeitpunkt des Späh-Angriffs. Welche Schwächen und Probleme hat die katholische Kirche? Vor welchen Herausforderungen wird sie in naher Zukunft stehen, und welcher Kandidat ist hierfür die geeignete Persönlichkeit? "Hier lohnt es sich also, im wahrsten Sinne des Wortes genau hinzuhören", sagt der Vatikan-Experte.

Der "Fall Bergoglio" sei in den Augen des Politikwissenschaftlers aber nochmals ein besonderer. Denn der damalige Erzbischof von Buenos Aires und spätere Papst sei in Lateinamerika bestens vernetzt. Und als "Nachbar" der USA habe den Südamerikanern schon immer ein besonderes Interesse gegolten.

Die NSA wollte laut dem italienischen Magazin mehr über die Absichten der politischen Führung und die außenpolitischen Ziele des Heiligen Stuhls in Erfahrung bringen. Der sei Teil der internationalen Beziehungen, weil er die Exekutive des Staates der Vatikanstadt darstellt, erklärt Sommeregger. Dabei setze er sich nicht nur für Katholiken ein, sondern für "alle Menschen guten Willens". Der Heilige Stuhl genieße vor allem moralisches Ansehen, weil er Friedens- und Vermittlungsdienste mit gewaltlosen Mitteln leistet.

Vor allem seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 würden Religionsgemeinschaften insgesamt wieder aufmerksamer betrachtet, ist sich der Politikwissenschaftler sicher. Die katholische Kirche genieße unter ihnen nochmals eine exponierte Stellung: "Sie verfügt nicht nur über die umfassendste Organisation, sondern besitzt mit dem Vatikan eben auch Staatlichkeit."

Gerade für die USA spielt der Papst eine bedeutende Rolle

Gerade für die USA spiele das Oberhaupt der katholischen Kirche eine bedeutende Rolle, sagt Sommeregger, der die internationalen Beziehungen des Heiligen Stuhls untersucht hat. Als ein christlich geprägtes Land stimmten ihre Grundwerte überein: zum Beispiel in Fragen der Ehe, der Familie und des Menschenbildes. "In keiner anderen westlichen Demokratie wird das Wahlverhalten von der religiösen Einstellung der Bürger so eindeutig bestimmt", so der Vatikan-Experte. Rund 80 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als Christen, römisch-katholisch sind etwa 22 Prozent der Gesamtbevölkerung – immerhin knapp 70 Millionen Menschen.

Auch in seiner Außenpolitik hat der Heilige Stuhl eine exponierte Stellung. Neben der UNO sei er der einzige Akteur, "der eine Verbindung zwischen der sogenannten Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Welt herstellt und nicht an territoriale Grenzen gebunden ist", erklärt Sommeregger. Papst Paul VI. (1963-78) habe in der kirchlichen Diplomatie ein Vorbild für staatliche Akteure gesehen, weil sie mit gewaltlosen Mitteln und Vernunft Frieden schafft und festigt.

Kardinal Agostino Carsaroli, der über Jahrzehnte die Außenpolitik des Heiligen Stuhls prägte, habe die noch immer gültigen Ziele benannt, so der Politikwissenschaftler. Das seien: die Vertretung der Interessen der katholischen Kirche in religiösen Fragen, die Bewahrung oder Herstellung des Friedens zwischen den Staaten und die Stärkung internationaler und supranationaler Strukturen.

Interessant werde es künftig sein, "wie sich das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und China gestaltet, dem großen Konkurrenten der USA", sagt Sommeregger. Hier gebe es erheblichen Gesprächsbedarf – vor allem, was die Situation der romtreuen Untergrundkirche in China anbelangt. Auch dieses Verhältnis kann für die USA von Interesse sein.

All diese Aspekte machen den Vatikan für den Geheimdienst der USA interessant – und den Papst zu einem der mächtigsten Männer der Welt. Auf der aktuellen "Forbes"-Liste wird Franziskus auf Platz vier geführt. Lediglich Russlands Präsident Wladimir Putin (1), US-Präsident Barack Obama (2) und Chinas Xi Jingping (3) landen vor dem Pontifex. Die mächtigste Frau der Welt, Bundeskanzlerin Angela Merkel, muss sich mit Platz fünf dem Papst hingegen geschlagen geben. (mit Material von dpa und KNA)

Von Björn Odendahl

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