Ein Jahrhunderttheologe
Die Worte "wahre Größe" und "Demut" waren ohnehin die meistgebrauchten Begriffe: Patrick Poll verneigte sich vor einem großen Mann, der sich seit jeher als Diener der Kirche gesehen habe: "Ihm gebührt Respekt für diese Entscheidung, gerade in einer Zeit, wo jeder an seiner Macht bleiben will." Auch Florian Herrman ist "tief bewegt" weil "eine bedeutende Ära zu Ende geht. Es ist eine Entscheidung von tiefer menschlicher Größe und gleichzeitig eine von kirchenhistorischer Tragweite."
Vorbildcharakter
Franz Josef Klingen schloss sich dieser Einschätzung an und sieht in dem Rücktritt auch ein Vorbild für andere Menschen, die ihren Zenit in seinen Augen bereits überschritten haben: "Von dieser Demut Benedikts sind einige Menschen, die in unserem Lande den Mund sehr weit aufmachen, noch sehr weit entfernt. Deshalb verstehe ich die Häme und das Geschrei in Bezug auf den Rücktritt Benedikts leider nicht."
Der Zeitpunkt des Rücktritts kam für alle überraschend, doch für die meisten Nutzer überwiegten die positiven Aspekte dieses Schrittes: "Ich denke, der Papst war sich dessen bewusst, dass er diese Aufgaben aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr meistern kann und dass deshalb wichtige Entscheidungen vielleicht zu lange hinausgezögert werden würden, zum Schaden für die Kirche“, schätzt Martin Riß. Und Kilian Martin empfindet "tiefe Dankbarkeit für dieses zu Ende gehende Pontifikat" und freut sich, "dass wir nicht in der Situation der Trauer um einen verstorbenen Papst auf sein Wirken zurückblicken müssen". Für ihn ist der Rücktritt auch von symbolischer Bedeutung: "Indem der Heilige Vater sein Amt nicht von dem Dasein seiner Person abhängig macht, zeigt er, dass dieses Amt über dem Menschen steht, etwas Größeres ist. Dem kann ich nur mit Ehrfurcht begegnen."
Persönliche Erinnerungen
Bernhard Ledermann wagt sofort einen kurzen Rückblick: Er erinnert sich an den Bayern-Besuch des Papstes, den Weltjugendtag in Köln und viele festliche Gottesdienste in Rom. Seiner Meinung nach habe der Papst richtungsweisend gewirkt. Er prognostiziert jedoch, dass es noch eine Weile dauern werde, bis dies erkannt werde: "Seine Texte können wir wohl noch lange lesen und uns daran stärken. Gleichzeitig dürften wir erst in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten erkennen, welches Zukunftspotential in seinem Wirken und Handeln, aber auch in seinen Texten steckt."
Neben der Bedeutung für die Weltkirche verbinden die Nutzer auch zahlreiche persönliche Erinnerungen mit dem Pontifikat Benedikts XVI.: "Ich danke ihm für die 'Einführung in das Christentum', das mir die Augen dafür geöffnet hat, dass es in der katholischen Kirche tatsächlich das gibt, was ich im Religionsunterricht immer schmerzlich vermisst und verzweifelt gesucht habe: echte geistliche Führung aus liebevoller Zugewandtheit und wohltuende Seelsorge", so Martin Wind. Und Marcel Wolfganson war eigenen Angaben zufolge "traurig und fassungslos", als er die Nachricht vom Rücktritt vernommen hatte: "Papst Benedikt XVI. hat mich tief geprägt, mir die Mysterien der Heiligen Mutterkirche nahegebracht und mich in ihren Schoß zurückgeholt."
Leise Kritik
In die ersten Reaktionen mischte sich auch leise Kritik an der Amtsführung des scheidenden Papstes: Burkhard Hose habe ihn "eher als ängstlichen Bewahrer" erlebt: "Sicher ist Benedikt XVI. ein gelehrter Papst, aber leider einer, der nach meinem Eindruck seinen Verstand vor allem dazu verwendet hat, vermeintliche Gefahren abzuwehren, anstatt mutig voraus zu denken und die Katholische Kirche weiter auf dem Kurs des II. Vatikanischen Konzils zu erneuern." Auch die Diskussion um die Piusbrüder wird von ihm kritisch beäugt: "Für mich persönlich die größte Enttäuschung während seines Pontifikats". Alles in allem waren kritische Reaktionen deutlich in der Unterzahl. Einige gaben auch den aktuellen Diskussionen um das kirchliche Arbeitsrecht, den Kölner Klinik-Skandal sowie dem Missbrauchsskandal eine Mitschuld am Rücktritt des Papstes.
Viele Nutzer haben ihren Blick bereits in die Zukunft gerichtet: So philosophiert Kerstin Heinemann: "Liebe andere, wie dich selbst' ist in zwei Richtungen zu lesen. Das ist vielleicht die respektabelste Entscheidung dieses Pontifikats." Abschließend wünschte sie Benedikt stellvertretend für viele andere Nutzer "bewegende letzte Tage in diesem Amt und einen sprichwörtlichen Ruhe-stand".
Von Michael Richmann