Kardinal Gambetti muss gehen, ein Franziskaner übernimmt
Seit Beginn des Pontifikats des inzwischen erkrankten Papstes Leo XIV. wurde immer wieder darüber spekuliert, wann es größere personelle Veränderungen im Vatikan geben würde. Tatsächlich gab es bereits einige Neubesetzungen in den Dikasterien für die Kommunikation, die Bischöfe und die Gesetzestexte. Fünf Monate nach Amtsantritt des Papstes etwa wurde Erzbischof Filippo Iannone zum Präfekten des Bischofsdikasteriums. Dann folgte der australische Bischof Anthony Randazzo im Dikasterium für die Gesetzestexte. Mit der Mexikanerin Maria Montserrat Alvarado wurde zudem erstmals eine Frau an die Spitze des Kommunikationsdikasteriums berufen. Ab 1. November übernimmt sie die Leitung dort.
Doch dann wurde es erstmal still um neue Personalentscheidungen. Dabei fielen in den Kanälen konservativer Medien oft die Namen des Kardinalstaatssekretärs Pietro Parolin und des Präfekts des Glaubensdikasteriums, Kardinal Víctor Manuel Fernández. Beide gehörten bereits unter Papst Franziskus (2013–2025) zu den führenden Vertretern der Römischen Kurie. Gerade deshalb wurde über mögliche Veränderungen auf diesen Positionen diskutiert.
Die jüngste größere Personalentscheidung aber betrifft weder Parolin noch Fernández, sondern den bisherigen Erzpriester des Petersdoms, Kardinal Mauro Gambetti. Papst Leo XIV. ernannte den 60-Jährigen zum Erzbischof von Chieti-Vasto an der italienischen Adriaküste. Damit wechselt Gambetti von einer zentralen Leitungsposition im Vatikan an die Spitze eines Erzbistums mit knapp 300.000 Katholiken. Der neue Mann für den Petersdom ist ebenfalls ein Franziskaner – Erzbischof Vittorio Francesco Viola. Bislang war er als Sekretär der zweite Mann im Dikasterium für Gottesdienste und Sakramente und soll künftig Hausherr der größten und wichtigsten Kirche der Christenheit sein.
Doch zurück zu Gambetti: Unter Franziskus galt der heute 60-Jährige als eine prominente Figur, die eine Blitzkarriere im Vatikan hingelegt hat. Kurz bevor ihn der Argentinier im November 2020 zum Kardinal machte, wurde der Geistliche, der zu den Franziskaner-Minoriten gehört, zum Bischof geweiht. Gambetti ist studierter Ingenieur, entschied sich 1998 aber dafür, dem Franziskanerorden beizutreten. Erst 2013 leitete er dann als Kustos den Sacro Convento in Assisi, also das Mutterkloster der Gemeinschaft am Grab des heiligen Franziskus. Zugleich übernahm Gambetti die Leitung der Dombauhütte von Sankt Peter und das Amt des Generalvikars für die Vatikanstadt. Damit war er sowohl für die pastoralen und liturgischen Belange der Basilika als auch für wesentliche Bereiche ihrer Verwaltung verantwortlich.
Nun verlässt Gambetti die Ewige Stadt und tritt die Nachfolge von Erzbischof Bruno Forte an, der bereits 2024 die für Bischöfe geltende Altersgrenze von 75 Jahren erreicht hatte. Forte war Sondersekretär der Bischofssynoden zu Ehe und Familie 2014 und 2015 und in dieser Funktion auch an deren Abschlussdokumenten beteiligt. Nach der Veröffentlichung des nachsynodalen Schreibens "Amoris laetitia" verteidigte er Franziskus mehrfach und ging mit dessen Kritikern hart ins Gericht. Stichwort Kritik: Auch Gambetti selbst stand wiederholt in der Kritik – nicht zuletzt wegen seiner Neuerungen zum Heiligen Jahr 2025. So führte er etwa ein kostenpflichtiges Buchungssystem für einen schnelleren Einlass in die Basilika ein. Hinzu kamen Konzerte, Vorträge und Andachten sowie ein "Raum des Zuhörens" als Ergänzung zur traditionellen Beichtgelegenheit und ein "Segenshäuschen" im linken Seitenschiff des Petersdoms.
Unzufriedenheit unter Domkapitularen
Vatikanbeobachter attestierten dem Franziskaner-Kardinal nicht nur einen "übermäßig kontrollierenden Leitungsstil", sondern betonten auch die Unzufriedenheit unter Domkapitularen, die nun auf die Revision des Statutes aus dem Jahr 2024 hoffen. Im Mittelpunkt der Änderungen stand das Verhältnis zum Kapitel der Basilika, also dem Kollegium der Kanoniker, das seit Jahrhunderten eines der zentralen Organe im Leben des Petersdoms darstellt. Ein Teil der Geistlichen bezeichnete Gambettis Reformen als "Abwrackung", denn die Änderungen haben Zuständigkeiten, Funktionen und die wirtschaftlichen Fragen des Kapitels neu gestaltet und einen großen Teil der Verwaltung an die Dombauhütte übertragen.
Das Statut setzte beispielsweise die Zahl der Kanoniker auf 24 fest. Kanoniker sollten ebenfalls ab dem 80. Lebensjahr aus dem aktiven Dienst ausscheiden und ein rein ehrenamtliches Mandat behalten. Zudem wurden die Vergütungssysteme reformiert. Um die Aufgaben effizienter zu verteilen, wurden noch vier feste Tätigkeitsbereiche geschaffen: Liturgie, Pastoral, Wohltätigkeit sowie Kultur und Theologie.
Ein weiterer Punkt, der vor allem konservative Kreise verärgert hatte, war die Verbannung der vorkonziliaren Liturgie wie auch die Kommerzialisierung des Petersdoms. Etwa mit dem geplanten Imbissbereich auf der Terrasse der Basilika. Dabei handelte es sich um ein Projekt, das dazu gedacht war, den Besucherströmen, die täglich die Kuppel aufsteigen, neue Dienstleistungen anzubieten. Das allerdings brachte heftigen Widerstand mit sich. Nach Arbeiten und einer langen Vorbereitungsphase kam das Projekt vorerst zum Stillstand.
Mehrere Namen genannt
Besonders eine Konstellation sorgte zusätzlich für Spannungen und Aufruhr: Einerseits die Einschränkung der Feier der "alten Messe" im Petersdom, andererseits die Erlaubnis eines Benefizkonzerts auf dem Petersplatz "Grace for the World", bei dem auch das britische Model Naomi Campell auftrat. Sollte das Sakrale dem Kommerziellen weichen? Nun, nicht nur innerkirchliche Probleme und Kritiken bereiteten Gambetti Kopfschmerzen, auch die verschiedenen Vandalismus-Vorfälle zwischen 2023 und 2025. Diese führten schließlich dazu, dass die Sicherheitskontrollen verschärft wurden.
Doch mit seinem Weggang stellte sich die Frage nach dem eingangs erwähnten Nachfolger. Noch vor Violas Ernennung wurden in den gängigen Kanälen von Vatikanbeobachtern mehrere Namen genannt: etwa die Kardinäle Parolin (Staatssekretariat), Makrickas (Erzpriester von Santa Maria Maggiore) oder die Erzbischöfe Marini (ehemalige Zeremonienmeister) und Fisichella (Pro-Präfekt des Dikasteriums für die Evangelisierung). Wie die jüngste Ernennung aber zeigt, fiel die Wahl auf keinen der genannten Kirchenmänner. Mit Viola setzt Leo offenbar auf einen Mann, der zunächst Ruhe in die zuletzt konfliktreiche Leitung des Petersdoms bringen könnte.
Die Ernennung Violas ist auch deshalb bemerkenswert, weil der 61-Jährige aus dem Liturgiedikasterium kommt, das unter Franziskus bei der Einschränkung der traditionellen Messe eine wichtige Rolle spielte. Die liturgischen Konfliktlinien kennt er damit bestens. Zugleich ist Viola sogar ein Jahr älter als sein Vorgänger Gambetti – ein Generationenwechsel sieht jedoch anders aus. Umso spannender wird sein, ob er die Reformen seines Vorgängers fortführt oder doch eigene Akzente setzt. Gerade im Umgang mit der vorkonziliaren Liturgie und dem Domkapitel könnte sich zeigen, welchen Kurs Leo XIV. am Petersdom einschlagen will.