"Franziskus verschwendet keine Zeit"
Frage: Herr Simone, wie kommt Franziskus, der erste lateinamerikanische Papst, in seiner Heimat Argentinien an?
Simone: Nach der Wahl waren wir sehr erstaunt und gleichzeitig glücklich. Das waren wirklich starke Emotionen. Als sein Name genannt wurde, konnten wir es kaum glauben. Und wir waren auch überrascht, wie er sein Amt bewältigt. Ich glaube, es ist das größte Amt, das man sich vorstellen kann.
Frage: Und jetzt, nach einigen Monaten Amtszeit?
Simone: Die Menschen sind mehr und mehr davon überzeugt, dass Franziskus alle Charaktereigenschaften besitzt, um dieses Amt gut auszufüllen. Als Priester war er viel auf der Straße und bei den Leuten. Das ist etwas Besonderes, das ihn von anderen Päpsten unterscheidet. Er lebte und handelte immer wie einer von ihnen, auf Augenhöhe und nicht von oben herab, weil er ein Kardinal war. Er fuhr mit dem Bus, ging zu Fuß durch die Straßen und hatte immer engen Kontakt mit den Menschen. Das kann man auch heute noch daran sehen, wie er sich jetzt in Rom verhält. Wer ihn trifft, hat die ganze Zeit über seine volle Aufmerksamkeit. So habe ich es empfunden bei unseren Begegnungen.
Frage: Wann haben Sie ihn getroffen?
Simone: Ich hatte drei Mal die Gelegenheit. Das ist allerdings schon fast zehn Jahre her. Damals war ich Präsident des christlichen Unternehmerverbandes in Argentinien. Bei den Treffen beeindruckten mich vor allem zwei Dinge: Er machte keine Umwege, sondern kam direkt zum Kern der Sache und verschwendete keine Zeit damit, um den heißen Brei herumzureden. Er war sehr klar und professionell. Der zweite Punkt, der mich sehr beeindruckte, war seine Demut. Er versuchte nicht, die Menschen von irgendwelchen Ideen oder Konzepten zu überzeugen, sondern ließ sie selbst Konzepte entwickeln.
Frage: In Argentinien ist die Kluft zwischen Arm und Reich groß. Inwiefern wurde der Papst von diesen Erfahrungen geprägt?
Simone: Früher war Argentinien mal eines der reichsten Länder der Welt; heute ist das nicht mehr so. Der Papst hat diese Entwicklung ins Negative selbst erlebt. Ich glaube, das hat ihn enorm beeinflusst. Er war viel mit den Armen zusammen und kennt ihre Situation. Diese Erfahrungen haben ihn definitiv geprägt. Deshalb macht er immer wieder Druck und sagt: "Seid achtsam und kümmert euch um diejenigen, die Hilfe benötigen." Er ist sehr auf die Armen fokussiert und erinnert uns daran, uns um sie zu kümmern.
Frage: In seinem Lehrschreiben "Evangelii gaudium" kritisiert der Papst den Kapitalismus. Sie sind Katholik und gleichzeitig Unternehmer.Bringt Sie das in einen Konflikt?
Simone: In diesem Schreiben stehen einige der am weitesten verbreiteten Auffassungen über die heutige Wirtschaft. Der Papst hebt einige dieser Elemente besonders hervor. Ich denke allerdings, er betont hier vor allem Extreme. Zunächst einmal ist da die Auffassung, der Markt an sich könne die Probleme der Gesellschaft lösen. Franziskus sagt: "Nein, der Markt ist nicht die Antwort auf die Probleme."
Frage: Und hat er damit Recht?
Simone: Wenn wir den Markt als Antwort auf alles betrachten, machen wir einen grundlegenden Fehler. Denn der Markt ist nicht das Ziel, sondern nur ein Werkzeug. Außerdem prangert Franziskus übermäßigen Konsum an. Wenn einige wenige so viel Geld ausgeben können wie der Rest der Welt zusammen, dann sieht er darin eine Form der Ausbeutung. Ein weiterer Punkt ist die Exklusion. Der Papst warnt davor, dass Arbeitslose zu Außenseitern werden. Er erinnert uns daran, dass wir diesen Menschen helfen müssen, zurück in die Arbeitswelt zu finden. Vielleicht müssen sie ihren Beruf wechseln, aber wir dürfen sie nicht an den Rand der Gesellschaft drängen. Das wäre das schlimmste, was wir tun könnten.
Frage: Und was denken Sie?
Simone: Seine Worte haben mich sehr getroffen. Nicht jeder glaubt an den Markt, nicht jeder glaubt an den Konsum und an Geld. Aber ich bin ein überzeugter Unternehmer. Natürlich gibt es Schwarze Schafe, aber ich glaube daran, dass alles, was wir Geschäftsleute tun, letztlich ein Ziel hat. Und zu diesem Ziel gehört immer die Würde des Menschen. Schon in der Bibel steht, dass sich der Mensch auch über seine Arbeit definiert, denn Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens. Wir Geschäftsleute müssen es ermöglichen, dass sich dieser wichtige Teil des Mensch-Seins entwickeln kann, dass der Mensch durch seine Arbeit wachsen kann. Das ist eine große Verantwortung. Und wir müssen berücksichtigen, dass hinter den Entscheidungen, die wir treffen, Menschen stehen: Angestellte, Kunden und auch Konkurrenten.
Frage: Was bedeutet das im beruflichen Alltag?
Simone: Wir müssen die Menschen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Das ist sehr wichtig. Durch unseren Job und auch durch unsere Führungsaufgabe können wir das. Wir müssen es aber auf ethisch vertretbare Art und Weise tun und dabei auch ein festes Wertegerüst haben. Überall auf der Welt gibt es Führungskräfte, die große und erfolgreiche Firmen hervorgebracht und viele ökonomische Ziele erreicht haben, die gleichzeitig aber auch die sozialen und ökologischen Herausforderungen bewältigen. Es ist nicht leicht, aber es ist sehr wohl möglich, diese Elemente zu vereinbaren.
Das Interview führte Elisabeth Rahe (KNA)