Global Player oder Kreissparkasse?
Nach Jahrzehnten der Abschottung, Geheimniskrämerei und dubioser Machenschaften will der neue IOR-Aufsichtsratsvorsitzende, der im Februar noch von Benedikt XVI. berufene Deutsche Ernst von Freyberg, größtmögliche Transparenz schaffen. Von acht Uhr an ist der mehrere hundert Seiten umfassende Jahresbericht auf der IOR-Internetseite öffentlich einsehbar.
Der Fall Scarano
Zuletzt hatte der Fall des Monsignore Nunzio Scarano das IOR erneut in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen. Der frühere Oberbuchhalter der päpstlichen Güterverwaltung Apsa soll sein Konto beim IOR genutzt haben, um für Bekannte und Freunde Geld zu waschen. Der frühere Generaldirektor des IOR, Paolo Cipriani, sowie dessen Stellvertreter hatten ihm offenbar einen Persilschein ausgestellt. Nach Bekanntwerden des Falls im Juni mussten beide ihren Hut nehmen.
Damit künftig niemand ungestört Geld auf einem IOR-Konto waschen kann, durchforsten rund zwei Dutzend Mitarbeiter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Promontory die 18.900 Einträge zählende Kundenkartei des IOR. Im Fall Scarano war die italienische Staatsanwaltschaft allerdings schneller als die Kontrolleure. Scarano war von Promontory zwar in die Gruppe der besonders "riskanten" Kunden eingeordnet worden, die von Mitte Mai an zuerst geprüft wurden. Bis zum Buchstaben "S" war man allerdings noch nicht gelangt, als die italienische Presse von dem Fall Wind bekam.
Katholische Frauenorden als größte Kundengruppe
Wenig später legten die Wirtschaftsprüfer der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde AIF einen 90 Seiten langen Bericht vor, der alle finanziellen Transaktionen Scaranos in den vergangenen zehn Jahren auflistete - mit einem Gesamtvolumen von sieben Millionen Euro. Daraufhin nahm auch die vatikanische Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf. Auf wie viele verdächtige Konten die Promontory-Leute bislang gestoßen sind, bleibt vertraulich.
Gemessen an der medialen Aufmerksamkeit ist das IOR ein "Global Player". Gemessen an der Höhe der verwalteten Einlagen von 6,3 Milliarden Euro bewegt es sich auf dem Niveau einer größeren deutschen Kreissparkasse. Seine Eigenkapitalquote liegt jedoch mit 15 Prozent - 800 Millionen Euro - deutlich über der großer Geschäftsbanken und auch manche kleinere Privatbank hat weniger Eigenkapital. 7,3 Prozent seiner Kunden sind vatikanische Einrichtungen. Die größte Kundengruppe bilden jedoch katholische Frauenorden. Angelegt wird das Geld vornehmlich in Staatsanleihen europäischer Staaten.
Keine Bank im formalen Sinne
Den Begriff "Bank" hört man im IOR nach wie vor nicht gern. Von Freyberg selbst zieht die Bezeichnung "Vermögensverwalter" vor. Der Aufsichtsratsvorsitzende kann darauf verweisen, dass das IOR im formalen Sinne keine Bank ist, weil es einige bankenspezifische Dienstleistungen nicht oder nur ein beschränkter Form anbietet. So vergibt es etwa aus Einlagen keine Kredite. Allerdings meldeten sich zuletzt selbst Kardinäle zu Wort, denen das zu spitzfindig vorkam, etwa Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, der Koordinator der Arbeitsgruppe für die Kurienreform. Manch ein Kardinal ging noch weiter und fragte öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand, wozu denn der Vatikan überhaupt eine Bank brauche.
Das letzte Wort über das IOR hat jedoch der Papst. Franziskus selbst bekannte Ende Juli, dass er sich noch kein abschließendes Urteil über die Zukunft des Finanzinstituts gebildet habe. Einige rieten ihm, das IOR in derzeitiger Form beizubehalten, andere zur Umwandlung in einen Sozialfonds und wieder andere zur gänzlichen Schließung, so Franziskus. Er kündigte an, dass er vor allem auf die IOR-Mitarbeiter und die von ihm eingesetzte Kommission zur Berichterstattung über das IOR hören wolle. Deren Bericht steht noch aus.
Von Thomas Jansen (KNA)