"Ich bin froh, dass wir ihn haben"
Frage: Herr Bischof Genn, alle Welt macht sich Gedanken über die Größe ihres Autos. Wundert Sie das?
Genn: Nein. Bei der Debatte um die Finanzen der Kirche wird genau hingeschaut, wie ihre Amtsträger leben. Da die Menschen nicht in mein Wohnzimmer kommen können, schauen Sie danach, wie ich mich auf der Straße bewege.
Frage: Ärgert Sie das?
Genn: Es ärgert mich dann, wenn nicht auch gesehen wird, warum ich das Auto brauche. Privat würde mir das Modell reichen, mit dem ich als Kaplan unterwegs war: Das war übrigens ein R4. Aber jetzt muss ich weite Strecken fahren. Und wenn ich mich ständig rechtfertigen soll für einen Wagen, in dem ich vor allem auch arbeiten kann, dann ärgert mich das schon.
Frage: Die Deutsche Umwelthilfe schlägt sparsame rollende Büros vor. Wälzen Sie schon Autokataloge?
Genn: Ich persönlich nicht, denn da habe ich wirklich keine Ahnung. Das machen meine Mitarbeiter. Aber natürlich müssen wir überlegen, welches Auto für mich als Priester und Bischof angemessen ist. Dabei spielt sicher auch die Frage der Umweltverträglichkeit eine Rolle.
Frage: Der neue Papst will eine arme Kirche für die Armen. Ist das eine Provokation für die deutsche Kirche?
Genn: In jedem Fall. Und dabei muss man nicht nur an die Autos der Bischöfe denken. Jeder Christ muss sich nach seinem Lebensstil fragen. Die Bistümer, auch die Pfarreien, sollten überlegen, ob ihr Besitz der kirchlichen Sendung wirklich entspricht und ob etwa alle Immobilien, die wir besitzen, notwendig sind.
Frage: Was bedeutet der Aufruf des Papstes, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen?
Genn: Es ist ein Aufruf an die ganze Kirche. Ich stelle diese Frage immer wieder auch in den Gemeinden vor Ort. In einer bürgerlichen Kirche kann das leicht übersehen werden. Gottlob erfahre ich, dass oft abseits der Öffentlichkeit viele Frauen und Männer ehrenamtlich sehr viel Gutes tun und den Menschen an den Rändern unserer Gesellschaft helfen.
Frage: Sie planen im kommenden Jahr eine Tour zu neun sozialen Einrichtungen - also zu besagten Rändern?
Genn: Das war schon länger geplant. Der Pastoralplan des Bistums Münster hebt die Bedeutung einer dienenden Kirche sehr hervor. Mir ist es ein großes Anliegen, konkret zu erleben, welch wichtiger Dienst in diesen Einrichtungen geleistet wird. Und ich will unmittelbar sehen: Wie sind die Lebensverhältnisse in einer Flüchtlingseinrichtung, wie ist die Arbeit mit Demenzkranken, welche Perspektiven können Wohnungslosen eröffnet werden - um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Bistümer, auch die Pfarreien, sollten überlegen, ob ihr Besitz der kirchlichen Sendung wirklich entspricht und ob etwa alle Immobilien, die wir besitzen, notwendig sind.
Felix Genn
Frage: Auch Jesus wurde unter ärmlichen Verhältnissen geboren. Passt dazu die deutsche Weihnacht mit dem vielen Konsum?
Genn: Sicher ist es eine Herausforderung, sich an Weihnachten ohne Übertreibung zu beschenken. Aber viele christliche Familien praktizieren das auch.
Frage: Der Papst ist ein Dreivierteljahr im Amt. Welchen Eindruck macht er auf Sie?
Genn: Ich bin froh, dass wir ihn haben. Als Lateinamerikaner kommt er "von den Enden der Erde", wie er selbst sagt. Er trägt dazu bei, dass die Menschen ganz anders auf die Kirche schauen - von innen wie von außen. Warum hat man ihn zum "Mann des Jahres" erklärt? Das ist doch ein schönes Zeichen.
Frage: Wie haben Sie das Lehrschreiben "Evangelii gaudium" aufgenommen?
Genn: Wenn ich es lese, denke ich: Hier spricht ein gut gebildeter Pastor zu seinen Gläubigen und sagt, was ihm an der Bibel kostbar ist. Es muss ja nicht immer ein kurialer Stil sein.
Frage: Er plädiert für eine Neuausrichtung des Papsttums...
Genn: Er greift das auf, was schon Johannes Paul II. angeregt hat. Vielleicht bedarf es aber erst 20 Jahren und einer besonderen Person, um das Anliegen nach vorne zu schieben.
Frage: Neu klingt es auch, wenn er sich gegen übertriebenen Zentralismus ausspricht...
Genn: Das hängt sicher auch mit seiner eigenen Lebensgeschichte zusammen, also damit, Bischof "an den Enden der Erde" gewesen zu sein. Er kennt die Spannung zwischen Universalkirche und Kirche vor Ort. Ich finde es gut, wenn er seine Erfahrungen einbringt.
Frage: Ein Zentralbegriff lautet Barmherzigkeit. Können sich wiederverheiratete Geschiedene Hoffnung machen, zur Kommunion zugelassen zu werden?
Genn: Das ist eine lehramtliche Frage. Dann müssen wir für diese Menschen eine Antwort finden, die nicht einfach nur als Ausschließen empfunden wird. Papst Franziskus hat für den kommenden Oktober eine Synode über das Thema Ehe und Familie einberufen. Er will also die Frage angehen, wie wir mit wiederverheirateten Geschiedenen pastoral angemessen umgehen können, ohne dabei der Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe zu widersprechen.
Frage: Kurienerzbischof Müller pocht auf den Ausschluss von der Kommunion, Kardinal Marx hält die Diskussion nicht für beendet. Gibt es da einen Richtungsstreit?
Genn: Erzbischof Müller hat als Präfekt der Glaubenskongregation die Aufgabe, das Glaubensgut der Kirche zu bewahren. Und Kardinal Marx sagt, wir müssen aus pastoralen Gründen hier noch weiter überlegen. Diese Spannung müssen wir in der Kirche auch mal aushalten.
Frage: Eine vom Papst angestoßene Umfrage zeigt, dass die meisten Katholiken die kirchliche Lehre zu Ehe, Familie und Sexualität nicht teilen. Wie gehen Sie mit diesem Befund um?
Genn: Ich nehme ihn sehr ernst. Und ich stelle mir die Frage, wie es uns gelingen kann, besser für die biblisch begründeten Ideale zu werben und zugleich doch auch in der Nähe der Menschen zu sein, die nicht nach diesen Idealen leben können oder wollen. Ein Ansatzpunkt kann für mich sein, dass die Umfrage ja auch zeigt, dass unsere Werte, nämlich vor allem Treue, Verlässlichkeit und Liebe, eine sehr hohe Akzeptanz haben.
Frage: Angesichts des anstehenden Wechsels in Köln drängt eine Initiative auf eine Beteiligung von Laien bei der Bischofssuche.
Genn: Davon halte ich - in der nun geäußerten Form - nichts. Ich finde es unangemessen, kurz vor dem Geburtstag des Kölner Kardinals dessen Amtsführung öffentlich auf diese Weise zu diskreditieren. Zudem stellen die Verfasser, wenn sie diese Forderung erheben, den Vertrag zwischen Staat und Kirche infrage. Wollen sie wirklich, dass noch ganz andere Fragen wie die Rolle der Theologischen Fakultäten, des Religionsunterrichtes oder die Kirchenfinanzierung zur Debatte stehen? Und vor allem ist es doch gar nicht so, als ob die Laien bei einer Bischofssuche generell nicht beteiligt wären: Wenn eine Diözese gut mit einer Wahl umgeht, dann werden im Vorfeld auch Laien gefragt, wen sie sich als Bischof vorstellen könnten. So war es in meiner Heimatdiözese Trier, so war es in Essen und so ist es auch hier in Münster.
Frage: Wie schwer belastet der Fall Limburg die Kirche?
Genn: Sehr. Viele Menschen stellen die Glaubwürdigkeit der Kirche infrage und manche ziehen die Konsequenz und treten aus der Kirche aus. Im Blick auf Limburg müssen wir nun abwarten, was die Untersuchungskommission herausfindet, und wie der Heilige Vater entscheidet. Die Kommission sieht mehr als ich von außen.
Von Andreas Otto (KNA)