Jesuit Spadaro: Bob Dylan wollte Papst Leo XIV. treffen
Das Foto des Weltstars Bob Dylan, der über einer schwarzen Cap eine gleichfarbige Kapuze trug und neben einem fast grinsenden Papst posierte, ging um die Welt. Es lässt sich folgendermaßen beschreiben: Bob, die Musikerlegende, trifft auf Bob, den Papst. Oder: Robert (Dylan heißt bürgerlich Robert Allen Zimmerman) trifft auf Robert Prevost. Doch wie kam es zu diesem Treffen zwischen den beiden und warum sorgte das Outfit Dylans für Aufsehen? Darüber hat katholisch.de mit dem italienischen Jesuiten Antonio Spadaro gesprochen. Er galt als engster Vertrauter von Papst Franziskus (2013–2025) und wurde 2024 von ihm zum Untersekretär des vatikanischen Dikasteriums für Kultur und Bildung ernannt.
Frage: Pater Spadaro, ist der Papst inzwischen zu einer Art Popstar geworden, der andere Popstars trifft?
Spadaro: Ich verstehe die Versuchung, es so zu sehen: zwei weltberühmte Namen, ein Foto, das innerhalb weniger Stunden um die Welt geht. Und doch war die Begegnung mit Bob Dylan eine private, nicht angekündigte Audienz, bei der man gemeinsam an einem Tisch saß. Es gab keine Bühne, kein Publikum. Ein Popstar braucht ein Publikum. Dort aber saß ein 85-jähriger Mann, der beinahe schüchtern grüßte und seine Worte flüsterte, einem anderen Mann gegenüber, der dessen Lieder kennt, seit er ein Junge in Chicago war.
Frage: Was ist die eigentliche Bedeutung solcher Audienzen?
Spadaro: Die Bedeutung speziell dieser Begegnung liegt in einer Fußnote. Im Juli hat Leo XIV. in seiner Einleitung zu dem Band, der seine Äußerungen zum Frieden versammelt, in einer Fußnote "Bob Dylan, Go Away You Bomb, 1963" angeführt, nach Augustinus, Johannes Paul II. und Paul VI. Es handelt sich um einen Text, den Dylan für Izzy Young im Greenwich Village auf der Schreibmaschine tippte und den er nie aufnahm. Im Jahr 2026 hat schließlich ein Papst einen Vers von Dylan herangezogen, um seine eigene These zu untermauern. Berühmtheit spielt bei all dem kaum eine Rolle: Es ist ein Dialog zwischen Menschen, die nach Worten suchen, um vom Frieden zu sprechen.
Frage: Bob Dylan, Patti Smith… Warum Künstler?
Spadaro: Weil die Kirche die Künstler braucht, und das weiß sie schon seit Langem. Paul VI. sagte es 1964 in der Sixtinischen Kapelle, als er sich an Maler, Schriftsteller und Musiker wandte: "Wir brauchen euch." Leo hat diesen Weg von Beginn seines Pontifikats an wieder aufgenommen. Im November 2025 empfing er Vertreter der Filmwelt, im Juni eine Gruppe von Schriftstellern anlässlich des 100-jährigen Bestehens des vatikanischen Verlags und im Juli habe ich Patti Smith zu ihm begleitet.
Frage: Und bei Dylan?
Spadaro: Im Fall von Dylan war der Anlass sehr konkret. Er war für die Konzerte seiner Tournee in Rom und wünschte sich, den Papst zu treffen; der Papst seinerseits hatte ihn wenige Monate zuvor zitiert. Wenn zwei Dinge so zusammenkommen, wird die Organisation einer Audienz zur natürlichsten Sache der Welt. Der Papst kennt Dylans Musik, und Dylan freute sich darauf, den amerikanischen Papst kennenzulernen.
Frage: Wenn der Papst einen Weltstar trifft, worüber sprechen sie dann konkret?
Spadaro: Der Inhalt eines privaten Gesprächs bleibt privat, und es steht mir nicht zu, darüber zu berichten. Ich kann sagen, dass es bei solchen Begegnungen selten um Gespräche über große Themen im Abstrakten geht. Man beginnt mit etwas Konkretem: einer Erinnerung, einem Lied, einem Buch, einer Stadt. Bei Patti Smith begann im Juli alles mit einem "Hi", das so ausgesprochen wurde, wie sie es in Wave singt, jenem Lied aus dem Jahr 1979, in dem sie sich vorstellt, mit Johannes Paul I. zu sprechen. Der Papst erkannte die Anspielung sofort. Daraus entwickelte sich ein etwa 40-minütiges Gespräch zwischen zwei Menschen, die entdeckten, dass sie alte Freunde waren, ein Gespräch voller Erinnerungen, Worte und Musik, voller Träume und Hoffnungen von gestern und heute. Mit Dylan war die Begegnung kürzer, aber auf der Ebene der Blicke sehr intensiv. Sie tauschten Geschenke aus. Der Papst schenkte ihm einen Rosenkranz, wie es Johannes Paul II. 1997 in Bologna getan hatte. Dylan brachte ihm seine Autobiografie Chronicles mit, das Buch, in dem er auf seine Weise erzählt, wie er zu Bob Dylan wurde.
Frage: Gibt es eigentlich vor einer Papstaudienz genaue Vorschriften, wie man sich zu kleiden hat?
Spadaro: Für Audienzen gibt es eine Etikette, die eine schlichte, dunkle Kleidung vorsieht, und wer einen Gast begleitet, erklärt ihm diese Regeln. Bei einem Künstler berücksichtigt man allerdings auch, wer er ist. Ein Künstler kommt mit seiner öffentlichen Erscheinung, und manchmal gehört die Kleidung dazu. Dylan kam ganz in Schwarz gekleidet, mit Krawatte, Handschuhen und einer Kapuze auf dem Kopf: So zeigt er sich in der Öffentlichkeit, auch auf der Bühne dieser Tournee. Das ist seine Art, jetzt er selbst zu sein. Das weiß ich mit Sicherheit. Und vor dem Papst wollte er sich selbst treu bleiben. 1997 erschien er bei Johannes Paul II. mit einem Cowboyhut, den er zur Begrüßung abnahm. Die Fotos vom Mittwoch zeigen einen lächelnden Papst. Und er nahm Bobs Kleidung mit völliger Natürlichkeit auf.
Frage: Was halten Sie davon, dass die Kleidung von Prominenten oft so ausführlich kommentiert wird?
Spadaro: Mich erstaunt, dass bei einer Begegnung zwischen einem Papst, der einen Vers gegen die Atombombe zitiert hat, und dem Mann, der diesen Vers geschrieben hat, vor allem über eine Kapuze diskutiert wurde. Es ist leichter, ein Kleidungsstück zu kommentieren, als sich zu fragen, warum ein Papst ein nie aufgenommenes Lied neben Paul VI. gestellt hat. Dylan ist ein Mann, der sich seit sechzig Jahren all jenen entzieht, die ihn definieren wollen. Die Kapuze gehört zu ihm, ebenso wie seine Zurückhaltung. Und ein augustinischer Papst weiß sehr wohl, dass man die innere Unruhe nicht einmal an der Schwelle der päpstlichen Wohnung zurücklässt: Augustinus beginnt seine Bekenntnisse gerade mit dem unruhigen Herzen. Respekt zeigt sich in der Art, wie man einem Menschen gegenübertritt, und Dylan trat diskret ein, auf Zehenspitzen, schüchtern, würde ich fast sagen.
Frage: War es jemals notwendig einzugreifen, weil ein Kleidungsstück als unangemessen angesehen wurde?
Spadaro: Ich habe noch nie einen Künstler bitten müssen, sich umzuziehen. Man erklärt den Rahmen, und wer die Einladung annimmt, hat ihn in der Regel bereits von selbst verstanden.
Frage: Wer sucht eigentlich die Begegnung mit wem? Ist es der Papst, der bestimmte Persönlichkeiten treffen möchte, oder sind es die Prominenten, die um eine Audienz bitten?
Spadaro: Patti Smith ist Franziskus mehrmals begegnet und hat im Mai den Pavillon des Heiligen Stuhls auf der Biennale von Venedig eröffnet. Dylan hingegen wünschte sich, den Papst zu treffen, und der Papst freute sich, ihn zu empfangen. Es gibt viele Anfragen, und nicht alle können berücksichtigt werden. Der Terminkalender eines Papstes besteht vor allem aus anderen Dingen: Bischöfen, Staatsoberhäuptern, Gemeinschaften, Kranken und Armen.
Frage: Warum scheint es Papst Leo XIV. so wichtig zu sein, mit Künstlern und Popstars in einen Dialog zu treten?
Spadaro: Leo ist Augustiner, und Augustinus hat in seinem Buch von sich selbst erzählt, um sich vor Gott selbst zu verstehen. Künstler tun etwas Ähnliches: Sie halten die Fragen offen, die wir allzu schnell abschließen wollen. Der Papst hat das den Regisseuren gesagt, als er vom Kino als einer Möglichkeit sprach, die Hoffnung in Bewegung zu setzen, und er hat es den Schriftstellern gesagt, als er erklärte, dass Bücher unseren inneren Dialog mit Gott offenbaren. Es gibt auch einen biografischen Grund. Prevost wurde 1955 in Chicago geboren und wuchs mit der amerikanischen Musik jener Jahre auf. Jim Musselman, sein Studienkollege an der Villanova University und ein großer Bewunderer Dylans, erzählt, dass sie viel über Musik sprachen und dass er es war, der ihm einen Essay zu lesen gab, in dem Dylan als das poetische Talent seiner Generation bezeichnet wurde.
Frage: Gibt es noch einen Grund?
Spadaro: Und dann ist da noch die Zeit, in der wir leben, geprägt von Krieg, Aufrüstung und Maschinen, die an unserer Stelle Texte und Bilder produzieren können. Ein Papst, der der Künstlichen Intelligenz eine Enzyklika gewidmet hat, weiß, dass die menschliche Kreativität eine ernste Angelegenheit ist. 1997 sagte Dylan, dass die Lieder sein Wortschatz seien und dass er an Lieder glaube. Wer nach Worten für den Frieden sucht, hat ein Interesse daran, mit jemandem zu sprechen, der noch an Worte glaubt.
Frage: Welchen Popstar würde Papst Leo XIV. gerne noch treffen und sind weitere Audienzen in Vorbereitung?
Spadaro: Der Papst führt keine Wunschliste, und wenn er eine hätte, wäre ich nicht derjenige, der sie öffentlich machen würde. Private Audienzen werden nicht angekündigt: Auch die Begegnung mit Dylan war nicht angekündigt worden, und erst hinterher wurde darüber berichtet. Die Begegnungen ergeben sich aus den jeweiligen Gelegenheiten, etwa wenn ein Künstler auf der Durchreise in Rom ist, bei einem Jubiläum, einem Buch oder einem Lied, das der Papst zitiert hat. Der Dialog mit der Welt der Kultur wird weitergehen, denn er gehört zu der Art und Weise, wie Leo sein Amt versteht.