Suche
Vatikanexperte Ludwig Ring-Eifel kritisiert die Thesen von Marco Politi

"Keine verlorenen Jahre"

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

Der Petersdom bei Nacht.
Bonn - Es ist ein vernichtendes Urteil: In seinem gestern auf Deutsch erschienenen Buch "Benedikt - Krise eines Pontifikats" beschreibt der italienische Journalist Marco Politi Benedikt XVI. als Fehlbesetzung auf dem Stuhl Petri. Im Interview mit katholisch.de widerspricht Ludwig Ring-Eifel dieser These. Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sieht zwar ebenfalls Misserfolge im aktuellen Pontifikat. Von verlorenen Jahren für die Kirche könne aber keine Rede sein.

Frage: Herr Ring-Eifel, Marco Politi geht in seinem neuen Buch hart mit Benedikt XVI. ins Gericht und zeichnet ein düsteres Bild des Pontifikats. Sind die Amtsjahre des deutschen Papstes für die katholische Kirche tatsächlich verlorene Jahre?

Ring-Eifel: Das glaube ich nicht. 50 Jahre nach dem Konzil und nach dem stürmischen Pontifikat von Johannes Paul II. braucht die Kirche einen Papst, der von der Mitte des Glaubens her ihre dogmatischen Fundamente absichert. Das ist genau das Programm von Benedikt XVI. Natürlich kann man darüber streiten, inwieweit ihm die Umsetzung dieses Programms gelingt. Da gibt es sicher Erfolge und Misserfolge. Aber verlorene Jahre wären es gewesen, wenn ein Papst vor dem Hintergrund der noch immer nicht verdauten Konzilsreformen schon die nächste Modernisierungsrunde eingeläutet hätte. Denn das hätte die Kirche vermutlich noch weiter in die Orientierungslosigkeit geführt.

Frage: So negativ, wie Politi das Pontifikat von Benedikt XVI. beschreibt, so positiv bewertet er im Gegensatz dazu die Amtszeit von dessen Vorgänger Johannes Paul II. Wie zulässig ist dieser Vergleich zwischen den beiden Päpsten?

Ring-Eifel: Politi übersieht, dass sich diese beiden Pontifikate in Wahrheit ergänzen. Ratzinger hat ja schon als Präfekt der Glaubenskongregation fast das gesamte Wojtyla-Pontifikat entscheidend mitgeprägt. Der polnische Papst war der Charismatiker mit den kühnen neuen Schritten und spektakulären Gesten. Der deutsche Professoren-Papst ist derjenige, der das Erreichte durch die Rückbindung an die jahrhundertealte Lehre und Tradition der Kirche absichert. Zusammen bilden sie so eine Art Bergsteigergespann, das die verunsicherte Kirche durch die Steilwand des postmodernen Zeitalters trägt. Tritt fassen und Entschleunigen, wie Benedikt das tut, das ist natürlich weniger attraktiv als mit großen Schritten Neuland zu betreten. Aber ohne sicheren Boden unter den Füßen kann auf Dauer niemand weitergehen.

Ludwig Ring-Eifel ist seit 2005 Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Ludwig Ring-Eifel ist seit 2005 Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Frage: Würde die katholische Kirche trotzdem besser dastehen, wenn sie in der derzeit schwierigen Lage einen Papst wie Johannes Paul II. an ihrer Spitze hätte, der die Medien für seine Zwecke und die Zwecke der Kirche zu nutzen wusste?

Ring-Eifel: Johannes Paul II. und sein Sprecher Joaquin Navarro-Valls waren gewissermaßen Naturtalente im Umgang mit den Medien. Da tun sich Benedikt XVI. und Pater Lombardi von ihrer jeweiligen Persönlichkeit her etwas schwerer. Umso wichtiger ist es, dass sie sich professionelle Verstärkung organisieren. Ich denke, dass die Berufung des amerikanischen Journalisten Greg Burke als zentraler vatikanischer Medienberater in diese Richtung geht. Der Umgang des Vatikans mit den Medien ist aber insgesamt besser als sein Ruf, das sieht man vor allem in jüngster Zeit, als es um die Vatikanbank oder die Aufarbeitung des "Vatileaks"-Skandals ging.

Frage: Der zentrale Vorwurf von Marco Politi lautet, Benedikt XVI. sei ein Wissenschaftler, der vor allem an seinem Schreibtisch sitze und sich nicht um die Regierungsgeschäfte kümmere. Ist dieser Vorwurf wirklich so unberechtigt?

Ring-Eifel: Dieser Vorwurf verschweigt die inneren Reformen, die der Papst als Regierungschef durchgesetzt hat. Von den verschärften Normen gegen sexuellen Missbrauch bis hin zum harten Durchgreifen in der Vatikanbank IOR. So etwas war im polnischen Pontifikat leider nicht möglich. Anders sieht es in der Außenpolitik aus. Da kann Benedikt XVI. weniger punkten als sein Vorgänger. Das hängt vielleicht auch mit der Besetzung von Spitzenämtern im vatikanischen Staatssekretariat zusammen, entscheidend ist aber die veränderte geopolitische Lage. Dass ein politischer Charismatiker aus Polen auf dem letzten Höhepunkt des Kalten Krieges zum Papst gewählt wird, und dass der dann mit amerikanischer Unterstützung und Moskaus Duldung diese Position nutzt, um sein Heimatland und ganz Osteuropa aus der Diktatur der Kommunisten zu befreien, so einen Glückfall gibt es in der Geschichte extrem selten. In den heutigen Brennpunkten von globaler Bedeutung, also in Ostasien sowie in Nordafrika und Nahost, sind die Katholiken in der Minderheit und insofern kein großer Faktor. Daraus hätte auch ein außenpolitisches Genie auf dem Papstthron kein Kapital schlagen können.

Frage: Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit man in einigen Jahren doch noch von einem erfolgreichen Pontifikat Benedikt XVI. sprechen kann?

Ring-Eifel: Vor allem müsste die Sprache des Papstes einfacher und verständlicher werden. Johannes Paul II. hat ja auch oft lange und umständliche Texte veröffentlicht, aber er konnte mit wenigen Gesten und improvisierten Worten der Politik, den Massen und den Medien sagen, was er im Kern wollte. Da ihm dieses Register nicht so leicht zur Verfügung steht, muss Benedikt XVI. die Kraft des Wortes und des Verstandes so nutzen, dass auch einfache Leute und Journalisten verstehen, was er meint. Also ein bisschen weniger Professor und noch mehr Papst, das wäre gut. Ganz wichtig ist auch die Wahl eines guten neuen Staatssekretärs, sobald Kardinal Tarcisio Bertone in den Ruhestand geht. Gerade in der Spätphase eines Pontifikats spielen die Männer unmittelbar hinter dem Papst eine ganz wichtige Rolle. Er muss sich hundertprozentig auf sie verlassen können und sie müssen seinen Willen auch dann noch verwirklichen, wenn ihm das Alter immer engere Grenzen setzt.

Das Interview führte Steffen Zimmermann

kna-katholisch-swarm-node3 (0.015s)