Kraft will nicht wieder katholisch werden
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ist am Samstag von Papst Franziskus in Privataudienz empfangen worden. Im Mittelpunkt standen familien- und integrationspolitische Themen. Kraft warb dort nach eigenen Worten für eine präventive Politik, die auf frühzeitige Hilfen für Schwangere und Kinder setzen müsse. Zu der Delegation gehörte neben Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) auch ein 15-jähriger muslimischer Afghane, der als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland kam und jetzt in einer katholischen Patchwork-Familie im Raum Aachen lebt.
Kraft verwies zum Gespräch mit dem Papst auf das nordrhein-westfälische Pilotprojekt "Kein Kind zurücklassen", das auf einen Ausbau kommunaler Präventionsketten von der Geburt bis zum Eintritt ins Berufsleben zielt. "Wir müssen dafür sorgen, dass die Weichen am Anfang des Lebens richtig gestellt werden", so die Ministerpräsidentin nach der Audienz vor Medienvertretern. Es gehe darum, spätere "Reparaturkosten niedrig zu halten". Franziskus habe dieses Präventionsmodell mit Interesse aufgenommen und auf ähnliche Beispiele in seinem Heimatland Argentinien verwiesen, namentlich in der Drogenprävention. Der Papst habe sie "sehr bestärkt, diesen Ansatz weiterzuverfolgen", sagte Kraft.
Auch nach der Begegnung mit dem Papst denke Kraft nicht an eine Rückkehr in die katholische Kirche. Sie sei "sehr katholisch aufgewachsen", aber in einem langen Prozess und nach eindrücklichen Erfahrungen mit protestantischen Christen evangelisch geworden. "Ich glaube, dass man solche Entscheidungen nicht ständig auf den Prüfstand stellt", sagte Kraft nach einer Papstaudienz am Samstag in Rom. In dem Gespräch mit Franziskus habe sie "unglaublich viel Liebe und Wärme gespürt", so die SPD-Politikerin. Das Kirchenoberhaupt höre sehr genau zu und schaue einem "tief in die Seele".
Eine Grubenlampe für den Papst
Die Schulministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin Löhrmann bezeichnete Franziskus als Vertreter für eine "sehr lebendige, mutige und zeitgemäße Kirche". Es sei gut zu wissen, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche für eine humane Flüchtlingspolitik stehe und nicht für Abschottung. Weitere Gemeinsamkeiten gebe es in einer solidarischen Haltung und im Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung, sagte Löhrmann, die auch Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken ist. Als Geschenk brachten die Politikerinnen dem Papst eine Grubenlampe mit. Sie stehe für die Bergwerksregion, die "immer Migration erlebt hat und immer integrieren musste", so Kraft. Die generationenlange Erfahrung des Aufeinander-angewiesen-Seins der Kumpel unter Tage sei ein Grund, dass in Nordrhein-Westfalen Integration gelinge, so Kraft.
Die Teilnahme des 15-jährigen Jawid und seines Pflegevaters an dem Besuch erläuterte Kraft damit, dass unter den in NRW aufgenommenen Flüchtlingen 12.000 unbegleitete Minderjährige seien. Sie habe dem Papst zeigen wollen, wie viel ehrenamtliches Engagement aus christlicher Gesinnung es in Deutschland gebe. Franziskus sei davon "beeindruckt". (jhe/KNA)