Kurzer Prozess
Warum nun klaut ein Kammerdiener dem Papst vertrauliche Dokumente? Der Angeklagte selbst stellte seinen Fall vor Gericht so dar: Aus Unbehagen über Missstände an der Kurie habe er 2010 begonnen, Dokumente zu kopieren. In Gesprächen mit dem Papst habe er den Eindruck gewonnen, dass dieser nicht alles gewusst habe, was er hätte wissen müssen und Manipulationen ausgesetzt gewesen sei. Mit den entwendeten Dokumenten wollte sich der Angeklagte nach eigenen Worten ein genaueres Bild von den Missständen machen. Begangen habe er die Tat allein. Auch eine unmittelbare Beeinflussung durch andere Personen stritt er ab. Geld habe er für die Weitergabe des Materials nicht erhalten. Ihre Veröffentlichung habe er zunächst auch nicht im Sinn gehabt.
Gabriele gab an, die Kopien in seinem Büro während der Arbeitszeit angefertigt zu haben, bisweilen auch in Gegenwart anderer Personen. Aus den Aussagen der Gendarmen ging zudem hervor, dass Gabriele sehr viel mehr vertrauliche Dokumente entwendet hat, als in dem Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi im Mai veröffentlicht worden waren. Rund 1.000 haben sie nach eigenen Angaben in seiner Wohnung sichergestellt.
Offene Fragen und Ungereimtheiten
Es bleiben viele Fragen und Ungereimtheiten. Zunächst die kurze Dauer: Dass der Prozess rasch beendet werden sollte - und zwar rechtzeitig vor Beginn der Bischofssynode am Sonntag - war von Anfang an offensichtlich - für viele Beobachter zu offensichtlich.
Zum anderen die Zeugen: Warum hat das Gericht sieben Gendarmen geladen, die nur wenig Erhellendes beitragen konnten, außer dem päpstlichen Privatsekreträr Georg Gänswein jedoch keinen einzigen Vertreter der römischen Kurie? Immerhin hatte der vatikanische Staatsanwalt selbst die Namen von drei Kurienmitgliedern genannt, mit denen Gabriele nach eigenen Angaben in Kontakt stand. Es sind die Kardinäle Paolo Sardi und Angelo Comastri sowie der heutige Bischof von Carpi, Francesco Cavina, früherer Mitarbeiter des vatikanischen Staatssekretariats. Warum wurden sie nicht vorgeladen? Und nicht zuletzt - ein entscheidender Mosaikstein fehlt noch immer: Wie kam Gabriele überhaupt auf die Idee, ausgerechnet Nuzzi seine Kopien zu übergeben? Diese Frage wurde nicht erörtert.
Wird der Papst Gabriele begnadigen?
Der Eindruck, dass Gabriele eine durchaus bizarre Persönlichkeit ist, verfestigte sich im Laufe des Prozesses. Ein beredtes Zeugnis gab seine "Unschuldserklärung" ab: "Mit Blick auf die Anklage erkläre ich mich für unschuldig. Schuldig bin ich gegenüber dem Papst, weil ich das Vertrauen, das er in mich gesetzt hat, verraten habe", sagte er vor Gericht. Und schließlich ist da noch das wüste Sammelsurium in seiner Wohnung: Die vertraulichen Dokumente befanden sich zwischen mehreren Hunderttausend Unterlagen über Geheimdienste, Freimaurerei, Yoga samt einer Anleitung zur "verschleierten Handybenutzung", wie die Gendarmen berichteten.
Wie war es um die vom Vatikan in jüngster Zeit immer wieder beschworene Transparenz bestellt? Der Prozess war öffentlich, Journalisten waren zugelassen, allerdings nur eine begrenzte Anzahl. Angesichts der Platzknappheit waren jeweils lediglich acht auswärtige Medienvertreter erlaubt. Während des Prozesses durfte, wie in Deutschland auch, nicht fotografiert und gefilmt werden. Vor Beginn der ersten Sitzung durfte nur das vatikanische Fernsehen drehen.
Die spannende Frage nach dem Urteil lautet: Wird der Papst seinen Kammerdiener im Falle eines Schuldspruchs begnadigen? Andernfalls müsste er in ein italienisches Gefängnis.
Von Thomas Jansen