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Anne Will diskutiert die Kapitalismuskritik von Papst Franziskus

"Leiharbeit ist keine Nächstenliebe"

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Anne Will im Studio ihrer Talkshow.
Bonn - Könnte er die Worte von Franziskus hören, bekäme August Bebel wohl feuchte Augen. "Christentum und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser", hatte das SPD-Urgestein 1874 gesagt. Und nun das: "Nein zur neuen Vergötterung des Geldes", oder auch "Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt". Die Überschriften aus "Evangelii Gaudium" von Franziskus lassen linke Herzen höher schlagen.

Mehrere Kapitel seines jüngsten Schreibens widmet der Papst der Kritik am Kapitalismus. Ist der argentinische Pontifex nun ein kirchlicher Karl Marx? Oder ist der Kapitalismus doch keine Ausgeburt des Teufels? Und: Was heißt das für Deutschland? In der Talkshow von Anne Will war gestern Abend deshalb mal wieder Kirche angesagt.

Soweit ist es schon gekommen. Ein ehemaliger SPD-Vorsitzender und aktueller Linken-Politiker kann problemlos bekennender Katholik sein und sogar ein Bild von Papst Benedikt XVI. im Arbeitszimmer hängen haben. So der Fall bei Oskar Lafontaine, der gestern den dialektischen Dreh für die Bundesrepublik in der aktuellen Papstschrift erkannte. "Leiharbeit ist keine Nächstenliebe", sagte Lafontaine. Zwar habe er Franziskus noch keinen Mitgliedsantrag für "Die Linke" geschickt. Doch: "Es ist eine Freude, wenn man dem Papst zuhört", so Lafontaine. "Er spricht nur die Wahrheit aus." Darunter falle auch, der in "Evangelii Gaudium" zu lesende Satz, dass "diese Wirtschaft tötet".

Es ist eine Freude, wenn man dem Papst zuhört.

Oskar Lafontaine, Die Linke

Lohn und Brot

"Hat der Papst Recht?", fragte Anne Will nicht nur den Politiker, sondern auch den obersten Benediktiner, Abtprimas Notker Wolf. In der Abwägung für und wider den Kapitalismus gebe es keine "Ideallösung", sagte Wolf. Ein System an sich könne nicht das Problem sein, nur der sündige Mensch, so Wolf. "Der Papst wollte einen Stachel ins Fleisch setzen, damit wir nicht mehr mit der Situation zufrieden sind", befand der Ordensmann, der weit davon entfernt ist, Kapitalist zu sein, wohl aber die Ansicht äußerte: "Wer isst, der soll auch dafür arbeiten."

"Hat der Papst Recht?", fragte Anne Will schon wieder – diesmal Anke Domscheit-Berg. Ja, hat er, meinte die Unternehmerin, Netz-Aktivistin, Piraten-Politikerin und Atheistin. Eine Wirtschaft, die beispielsweise die Kleiderproduktion unter unmenschlichen Bedingungen in Bangladesch zulasse oder Menschen in Deutschland in die Armut treibe, töte. Da sei der Sozialismus der DDR, in den sie hineingeboren wurde, schon eine wirtschaftliche Alternative gewesen. Dort habe es zwar kein Haribo, aber auch keine Obdachlosen gegeben, verkündete Domscheit-Berg.

Macht Euch auf!

Also spricht der Papst die Wahrheit. Widerspruch kam von Marc Beise, dem Leiter der Wirtschaftsredaktion der "Süddeutschen Zeitung" (SZ). Kapitalismus sei kein Schimpfwort, der Papst argumentiere zu undifferenziert, sagte Beise, und hatte er auch bereits in der SZ-Ausgabe vom vergangenen Samstag geschrieben – damals unter dem Titel "Der Papst irrt". Auf den Artikel hätte er Hunderte von Mails und Briefen bekommen, darunter teils "ehrverletzende Kritik". Er hätte "Majestätsbeleidung" betrieben, sei ihm vorgeworfen worden, so Beise. Dabei sei er doch nur dem Aufruf des Papstes zum Dialog gefolgt.

Der Papst ist kein Wirtschaftstheoretiker. Er sagt den Menschen nur: Macht Euch auf!

Abtprimas Notker Wolf

So ganz als Franziskus-Kritiker taugte Beise dann aber doch nicht. Zwar sei das kapitalistische System an sich in Ordnung, an einigen Stellen müsse jedoch ein Umdenken einsetzen, zum Beispiel im Finanzbereich. In "Evangelii Gaudium" sei es aber doch ein Seelsorger, der spreche, sagte Beise. "Der Papst ist kein Wirtschaftstheoretiker", stellte Notker Wolf klar. Er sage den Menschen nur: "Macht Euch auf!"

"Hat der Papst Recht?" Ein gefühltes Duzendmal stellte Anne Will ihre Frage. Doch auch ohne den Bogen zur großen Koalition, zum Mindestlohn und zum bedingungslosen Grundeinkommen hätte die Sendung diese nicht beantworten können. Gerade weil Franziskus Seelsorger und kein Ökonom ist. Der Papst macht es den Menschen nun einmal nicht leicht. Und das ist auch gut so.

Von Christoph Meurer

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