Neue Priesterschelte im Vatikan
Mit einem Adieu für zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter hatte sich Franziskus in die Sommerpause verabschiedet: Kardinal Pell und Kardinal Müller haben den Vatikan verlassen. Der eine mit einem Missbrauchsvorwurf auf den Schultern, dem er sich in Australien stellen muss, der andere aus im Vatikan bisher unüblichen Gründen, nämlich dem Ende seiner ersten Amtszeit.
Pell wie Müller gelten als interne Kritiker der Kirchenreform, die der Papst anstrebt. Franziskus will eine Gewichtsverlagerung in der Kirche, weg vom Paradigma des kalten Rechts und des Dogmas, hin zum Leitbild der Barmherzigkeit, zu einer Kirche, die aufnimmt, nachläuft, notversorgt und verzeiht. Eine Kirche mit bis zum Anschlag offenen Toren, wie Scheunen bei der Ernte kurz vor dem Gewitter. Schon klar, das Bild gefällt nicht allen.
Im Juli ist der Papst in der Sommerpause, und wo der starke Souverän fehlt, entsteht ein Sog. Schön zu beobachten dieser Tage an den Berichten rund um den Vatikan. Zunächst, Kardinal Müller wäre wohl gut beraten, sich nicht jeden Tag auf ein neues Interview zwischen Regensburg und Rom einzulassen, wenn ihm wirklich daran liegt, der Einheit der Kirche zu dienen und sich vor niemandes Karren spannen zu lassen. Weltkirchlich bemerkenswerter ist freilich ein Text, den am Wochenende das Vatikanblatt "Osservatore Romano" druckte.
Er handelt vom Widerstand gegen die Reform von Franziskus und ortet die größte Feindseligkeit, und das ist neu, bei den Priestern: bei einem schlecht gebildeten und unwilligen Klerus in hohen wie niedrigen Rängen. Während der Großteil der Getauften die Glocke gehört hat und feiert, verharren die Priester "zum Gutteil" in alten Horizonten, Sprechhülsen und leblosem Denken. Sie hängen einem gestrigen Status nach: der Priester als Patron der Gemeinschaft, der für seine zölibatäre Lebensform "entschädigt" wird mit einer Rolle totalisierender individueller Verantwortung. Diese Priester verwechseln Gewohnheit mit Tradition, es fehlt ihnen an theologischer und biblischer Bildung, schreibt Giulio Cirignano, selbst Bibelwissenschaftler.
Auf die Kardinäle Pell und Müller passt seine Bestandsaufnahme nicht, doch interessant ist etwas anderes. Der "Osservatore" wurde 1861 gegründet als Verteidigungsorgan des Papstes gegen kirchenfeindliche Kräfte, die selbstverständlich von außen gegen das Bollwerk Heiliger Stuhl und damit den Papst anbrandeten. Heute will der Papst eine innere Reform und hat sich dabei auch gegen inneren Widerstand zu stemmen. Priesterschelte betrieb im Vatikan bisher nur Franziskus persönlich. Es ist eine starke Aussage, dass die Papst-Zeitung die papstfeindlichen Kräfte der Gegenwart nun nicht bloß in der Kirche identifiziert, sondern im Klerus, der lange als ihr Rückgrat galt.
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