Null und wichtig
Was passiert, wenn der Papst Revolution ruft, und keiner macht mit? Was passiert, wenn weder die Liberalen noch die Konservativen Hurra schreien? Bleibt dann der Veränderungsprozess stehen? Oder ist das ein Trick, um den festgefahrenen Karren aus dem Schlamassel zu bekommen? Das Motuproprio zur Erleichterung der Ehenichtigkeitsverfahren hat nicht nur in Rom die Franziskus-Kritiker auf den Plan gerufen, auch in Deutschland sind Bischöfe verwundert bis verärgert. Nur zur offenen Gegenwehr mag sich keiner aufschwingen.
Bei der jüngsten Vollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda war die päpstliche Anordnung Thema der vertraulichen Beratungen. Öffentlich schwiegen die Oberhirten sich größtenteils dazu aus. Gefeiert wurde die Aktion des Papstes nicht. Manch einer würde die römische Bestimmung lieber gar nicht umsetzen. War für Afrika gedacht, würde die Begründung lauten.
Die Eheannullierung ist vielen Bischöfen ein rotes Tuch. Seit Jahrzehnten haben deutsche Bischöfe in Rom dafür geworben, wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zuzulassen. Die Ehe ist zwar unauflöslich, sie kann aber scheitern, lautet das Argument. Diesen Menschen müsse pastoral geholfen werden. Dagegen war (und ist) Rom. Der einzige Weg zu den Sakramenten sei der über den kirchlichen Eheprozess, schrieb 1994 der damalige Kardinal Joseph Ratzinger an die oberrheinischen Bischöfe. Die Feststellung der Nichtigkeit infolge eines Kirchenprozesses allerdings galt den Deutschen seit jeher als unangenehm oder gar verlogen. Man mute den Eheleuten zu, ihre Vergangenheit zu verleugnen. Die Erleichterung der Verfahren erscheint vielen als falsche Revolution.
Lüdicke: Verfahren nur noch teilweise objektiv
Der Münsteraner Kirchenrechtler Klaus Lüdicke benennt nun das durchaus Revolutionäre in dem päpstlichen Schreiben. Es handele sich um einen "kategorialen Wandel", das neue Verfahren ziele "nur noch teilweise auf Objektivität", schreibt er. Da müssen sich in den Offizialaten von Regensburg bis Osnabrück die Mägen umdrehen. Das gut geölte Getriebe der deutschen Kirchengerichtsbarkeit muss dies als Affront sehen, ob nun eher im traditionellen Lager oder bei den Veränderungswilligen. Die Liberalen können "friendly fire" vermuten, als schädlich werden sie es doch empfinden. Lüdicke sieht durch die neuen Möglichkeiten zwar keine "katholische Scheidung" Einzug halten, dennoch seien einige Fälle der wiederverheirateten Geschiedenen so zu lösen. Der Papst verändere den "Denkansatz". "Der Eheprozess soll zum effektiven pastoralen Hilfsmittel werden, um Gescheiterten zu einer neuen Ehe mit der Kirche zu helfen." Das wollen viele in Deutschland nicht hören. Es werde jetzt "auf Sicherungen verzichtet, die jahrhundertelang nachdrücklichst betont wurden".
Ob die katholischen Christen von der Revolution viel mitbekommen, ist eben noch etwas fraglich. In der Kirche ist es wie in der Psychologie – vieles ist Semantik. Ehenichtigkeit, das passt nicht in die übliche pastorale Rede vom Anerkennen des Scheiterns. Franziskus will offenbar, dass wir uns von eingeübten Sprachbildern verabschieden. Auf dem Rückflug von seiner USA-Reise sagte er, es sei falsch, die Debatte auf die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion zu verengen.