Report aus dem Unterholz
Papa Francesco ist längst nicht mehr "Everybody’s darling". Bei Lieschen Müller ganz sicher noch, bei Dr. Elisabeth Müller nicht unbedingt. Und in der römischen Kurie schon gar nicht. Dieser Papst schaut den Leuten aufs Maul. Und Kardinälen und Bischöfen ins Herz. Das mögen die nicht. Warum nicht – und warum Franz trotzdem an seinem Kurs festhält, das hat jetzt der Vatikanjournalist Marco Politi in einem Buch aufgeschrieben.
115 von 117 wahlberechtigen Kardinälen waren dabei, als Jorge Mario Bergoglio, der Überraschungspapst vom anderen Ende der Welt, gewählt wurde: der erste Jesuit, der erste Nichteuropäer seit Jahrhunderten.
Ist Franziskus naiv?
Dass ein Papst selber bei einem Optiker aufkreuzt, wie Anfang September an der Piazza del Popolo geschehen, ist keine alltägliche Sache. Protokollfanatiker fragen sich bange: What’s next? Mit der Mafia legt er sich an. Er telefoniert mit Putin und Obama. Aber auch mit Tante Emma. Er umarmt. Er legt sein Manuskript weg und lässt sein Herz sprechen. Naivität? Weltpfarrer?
Marco Politi hat zuerst für "La Repubblica" gearbeitet, als Vatikan-Berichterstatter. Dann kam er als Kolumnist zu "Il Fatto Quotidiano". Er schreibt auch für die ZEIT. Mit seinem früheren Titel "Benedikt. Krise eines Pontifikats" hat er sich bei den Vertretern von klerikaler Reizunterwäsche keine Freunde gemacht. Dem "Prof. Dr. Papst" warf er Führungsschwäche vor. Von Franziskus hingegen schwärmt er.
Politi gehört zu den Vaticanisti. Ein gut vernetzter Insider. Deswegen weiß er auch, dass sich Franziskus auf dünnem Eis bewegt. Dass es Machtkämpfe gibt. Schließlich müssen das "Wort Jesu" und die "reine Lehre" verteidigt werden. Papst Franziskus redet zu viel vom Evangelium und zu wenig von Machterhalt. Er setzt auf synodale Momente – von der Ostkirche gelernt. Auf Eigenverantwortung von Bischöfen. Damit überfordert er. Er sucht Allianzen, selbst mit Agnostikern. Viele an der Basis wittern deswegen Morgenluft. Traditionsbewusste Katholiken wissen indes: Der Mann verändert das Papstamt. Er will die Kirche revolutionieren. Dagegen baut sich Protest auf, Widerstand, auch Sabotage.
Krieg der Kardinäle
Wenn auch nur die Hälfte stimmt von dem, was Politi jetzt auf 271 Seiten zusammengetragen hat – es reicht, um sich zu empören und zu fragen: Was hat das mit Jesus zu tun? Vatikanbank, Seilschaften, der Krieg der Kardinäle, die "Nostalgiker des Ratzingerismus", das "klerikale Magma", das im Untergrund brodelt – vermutlich stimmt es: "Der heimtückische Feind von Franziskus’ Reformpolitik lauert im vatikanischen Unterholz."
Nur: Warum wird aus dem italienischen Untertitel "Das Geheimnis einer Revolution" auf Deutsch "Franziskus und seine Feinde"? Das Italienische wäre präziser. Auch der Verlag Herder, der sich immer noch vom Schock zu erholen scheint, dass "Wir sind Papst" nicht mehr gilt, liebt die Sensation.
Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.