Suche
Abbruch der Glaubensweitergabe

Roms neues Dokument: Viel Diagnose, wenig Antworten

Dieser Inhalt ist nur erlaubt, wenn Sie Cookies vom Typ "readspeaker" zulassen.

St Peter's Basilica
Bonn/Rom - Der Vatikan erkennt die Krise der Glaubensweitergabe. Doch bei Missbrauch, Reformen und der Rolle der Frauen bleiben entscheidende Fragen offen.

Die Diagnose des Vatikans ist deutlich: Die Weitergabe des christlichen Glaubens von einer Generation an die nächste funktioniert in vielen Teilen der Welt nicht mehr. Über Generationen hinweg galt es als selbstverständlich, dass Kinder und Jugendliche durch ihre Eltern und Großeltern in den Glauben hineinwachsen. Doch diese Selbstverständlichkeit ist vielerorts verloren gegangen. Einen "Automatismus" bei der Glaubensweitergabe gibt es kaum noch. Zu diesen Diagnosen und gleichzeitig Überlegungen kommt das vatikanische Dikasterium für die Glaubenslehre in seinem am Donnerstag veröffentlichten Dokument "Kommt zu mir. Überlegungen zur Weitergabe des Glaubens im Wandel der Zeit".

Dazu hatte der Vatikan über 110 Bischofskonferenzen weltweit um Stellungnahmen gebeten, allerdings meldeten sich nicht alle zurück. Von circa einem Drittel ist die Rede. Aus welchen Ländern die Rückmeldungen kamen, lässt sich anhand der im Dokument zitierten Berichte nur teilweise nachvollziehen. Vertreten sind unter anderem Frankreich, Österreich, die Schweiz, Polen, die USA, Brasilien, Nigeria und Japan. Ob auch die Deutsche Bischofskonferenz einen Bericht eingereicht hat, geht aus dem Dokument nicht hervor.

In dem knapp 88-seitigen Papier werden zahlreiche Probleme aufgegriffen und Überlegungen angestellt, wie die Glaubensweitergabe in Zeiten von Enttäuschungen, Individualismus und Säkularisierung sowie veränderten Beziehungen in einer digitalisierten Welt geschehen kann. Dass die traditionelle, nahezu selbstverständliche Glaubensweitergabe vielerorts abgebrochen ist – von "Automatismus" ist im Dokument die Rede! – dürfte im Vatikan allerdings keine neue Erkenntnis sein. Umso bemerkenswerter ist, dass das Glaubensdikasterium zwar von Enttäuschungen und einem Glaubwürdigkeitsverlust spricht, ein schwerwiegendes Problem für die Glaubwürdigkeit jedoch nicht ausdrücklich anspricht: den sexuellen Missbrauch und dessen Vertuschung. Dabei stellt sich angesichts der diagnostizierten Krise die Frage, inwieweit die Kirche selbst zum Vertrauensverlust beigetragen hat. Das Papier richtet den Blick stattdessen auf den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, den es mit dem Begriff des "Epochenwandels" beschreibt.

Keine neue Erkenntnis

Papst Franziskus (2013–2025) hatte diesen Ausdruck in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie am 21. Dezember 2019 aufgegriffen. Zuvor hatten die Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida 2007 von einem Epochenwechsel gesprochen. Wörtlich sprach Franziskus allerdings von Epochenwandel: "Denn die Epoche, in der wir leben, ist nicht nur eine Epoche der Veränderungen, sondern die eines Epochenwandels. Wir stehen also an einem der Momente, in denen die Veränderungen nicht mehr linear sind, sondern vielmehr epochal; sie stellen Weichenstellungen dar, die die Art des Lebens, der Beziehungen, der Formung und Kommunikation des Denkens, des Verhältnisses zwischen den menschlichen Generationen und dem Verständnis und der Ausübung von Glauben und Wissenschaft schnell verwandeln."

Das aber ist keine "neue" Erkenntnis, denn bereits das Lehrschreiben "Evangelii gaudium" (2013) hatte auf den Epochenwandel mit den Worten hingewiesen, dass es unbestreitbar sei, dass "viele sich enttäuscht fühlen und aufhören, sich mit der katholischen Tradition zu identifizieren". Zudem steige die Zahl jener Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen und sie nicht mehr beten lehren. Die Krux liegt daher in der Frage, wie man heutigen Menschen eine Glaubensbeziehung zu Jesus Christus ermöglichen kann – noch ehe es in die Übermittlung spezifischer Lehrinhalte übergeht. Konkreter: Sie stellt die Begegnung mit Christus vor die Dogmatik. Viele Menschen heute würden sich allerdings schwertun, die "Sprache der Kirche zu verstehen". Das Dokument pocht hier erst einmal auf die Begegnung. Wörtlich schreiben die Autoren des Dokuments das so: "Damit die Weitergabe des Glaubens wirklich effektiv ist, muss sie die Gestalt einer überzeugenden zwischenmenschlichen Beziehung annehmen."

[no alt text]
Bereits das Lehrschreiben "Evangelii gaudium" (2013) hatte auf den Epochenwandel mit den Worten hingewiesen, dass es unbestreitbar sei, dass "viele sich enttäuscht fühlen und aufhören, sich mit der katholischen Tradition zu identifizieren".

In diesem Zusammenhang werden auch die Verbreitung digitaler Technologien und die Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz genannt. Diese würden sich auch auf den Glauben und die Religion auswirken. Einerseits mangele es nicht an Gelegenheiten, mit Lebenszeugnissen und spirituellen Erfahrungen in Berührung zu kommen. Ebenso sei die Verbreitung katechetischer Inhalte leichter zu erzielen als früher – was völlig neue Möglichkeiten der Evangelisierung mit sich bringt. Doch andererseits erkennt der Vatikan auch die Gefahr an, dass die zahlreichen Glaubensangebote "vom konkreten Leben losgelöst oder mit Ideologien verknüpft" sind – vertreten von "lautstarken Minderheiten". Dies könne zu Verzerrungen des Glaubens führen oder dazu, sich einen "Do-it-yourself"-Glauben nach eigenen Vorlieben zusammenzustellen. Auffällig bleibt jedoch, dass das Dikasterium zwar vor den Ideologien "lautstarker Minderheiten" warnt, aber nicht genauer schreibt, wen es damit meint. Ob dabei auch bestimmte reichweitenstarke katholische Online-Milieus aus den USA im Blick sind, bleibt Spekulation. Die Warnung vor ideologischen Verzerrungen bleibt damit allgemein, aber dennoch ausgesprochen, was durchaus positiv ist.

Besonderer Stellenwert für die Liturgie

Auf der anderen Seite aber ist man sich sicher, dass es dringender denn je eine Überprüfung der gängigen Katechese-Formen benötige, damit die Glaubensweitergabe nicht nur auf Sprachformen beschränkt bleibe, die als zu "dogmatisch", "scholastisch" oder "moralistischsch" abgestempelt werden können. Damit geht ein Risiko einher, durch eine "sich wiederholende und selbstbezogene Vermittlung der Botschaft des Evangeliums" die Gläubigen nicht mehr anzusprechen. Daraus folgt, dass sich die Kirchensprache nicht auf eine kühle Darlegung von Ideen und Konzepten beschränken darf. Das ist gerade mit Blick auf Katechese, aber auch den digitalen Raum, eine berechtigte Kritik. Wieder geht es dem Glaubensdikasterium um Begegnungen und in diesem Zusammenhang spricht es von Begegnungen "von Person zu Person".

Deshalb bekommt auch die Liturgie einen besonderen Stellenwert. Sie sei das "schlagende Herz des kirchlichen Lebens", heißt es in dem Papier. Liturgie dürfe aber nicht auf einen rituellen Rahmen reduziert werden, sondern müsse als lebendige Glaubenserfahrung verstanden werden. Worte, Gesten, Stille und Symbole sollen Menschen einen Zugang zum christlichen Glauben ermöglichen. Doch gerade hier stellt sich die Frage, wie das gelingen soll, wenn immer weniger Menschen mit den kirchlichen Ritualen vertraut sind. Wer nicht mehr mit Gottesdiensten, Gebeten und christlichen Traditionen aufgewachsen ist, der versteht die Bedeutung liturgischer Zeichen nicht automatisch. Der Vatikan fordert deshalb eine stärkere liturgische Bildung und Begleitung. Wörtlich heißt es in dem Dokument: "Besondere Sorgfalt ist darauf zu verwenden, dass in jeder Diözese die Gläubigen und diejenigen, die sich der Glaubensgemeinschaft nähern oder wieder annähern, mit den verschiedenen liturgischen Ausprägungen in der Tradition der katholischen Kirche in Berührung kommen können."

[no alt text]
Das Dikasterium fordert, den Raum für die Mitwirkung von Frauen "in der Leitung kirchlicher Prozesse" zu erweitern.

Aber reicht das aus? Oder müsste sich die Kirche auch fragen, ob ihre Gottesdienste Menschen, die nicht kirchlich sozialisiert sind, überhaupt noch erreichen? Doch die Frage, wie sie Menschen heute noch erreichen kann, beschränkt sich nicht allein auf die Liturgie, die Sprache der Glaubensverkündigung oder neue Möglichkeiten der Evangelisierung. Sie betrifft auch die Strukturen der Kirche selbst und die Frage, wer in ihr Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen darf. Bemerkenswert ist deshalb, dass das Glaubensdikasterium auch die Rolle der Frauen ausdrücklich unter einen der am Ende herausgehobenen vier Schwerpunkte anspricht – wenn auch als letzten nach der Pflege der Volksfrömmigkeit, der Predigt und dem ehrenamtlichen Engagement. Hier wird deutlich, dass das Dokument durch die Theologie von Franziskus geprägt ist – ganz besonders durch das bereits erwähnte Lehrschreiben Evangelii Gaudium.

Mitwirkung von Frauen

In Bezug auf Frauen heißt es: "Allgemein sind in der katholischen Kirche die Gläubigen, die im Leben der Gemeinden am stärksten präsent und aktiv sind, zum großen Teil Frauen." Gleichzeitig sei in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden, dass ihnen der Zugang zu jenen Orten ermöglicht werden müsse, "an denen die wichtigen Entscheidungen für das Leben der Gemeinschaft getroffen werden". Das Dikasterium fordert deshalb, den Raum für die Mitwirkung von Frauen "in der Leitung kirchlicher Prozesse" zu erweitern. Allerdings bleibt offen, welche konkreten Konsequenzen daraus folgen sollen. Das Papier verweist lediglich darauf, dass sich das Dikasterium ausführlich mit dieser Frage beschäftigt und seine Schlussfolgerungen über das Synodensekretariat an Papst Leo XIV. übermittelt habe. Welche Ergebnisse dabei erzielt wurden, wird nicht weiter erläutert. Auch die Frage nach dem Zugang von Frauen zu Weiheämtern wird an dieser Stelle nicht eröffnet.

Damit zeigt sich ein grundlegendes Spannungsverhältnis: Einerseits erkennt der Vatikan an, dass Frauen das kirchliche Leben maßgeblich mittragen und stärker an Entscheidungen beteiligt werden müssen. Andererseits bleibt unklar, wie weit diese Beteiligung tatsächlich gehen soll. Schließlich hatte laut einem im Dezember 2025 vom Vatikan veröffentlichten Bericht bereits eine von Franziskus eingesetzte Theologenkommission die Frage nach Diakoninnen abschlägig beantwortet, und doch veröffentlichte man wenige Monate später – im März 2026 – wieder ein Papier, genauer eine Studie, die besagte, dass eine Klärung der "Frauenfrage" als dringlich beschrieben wird.

Gerade angesichts der Krise der Glaubensweitergabe stellt sich deshalb die Frage, ob es ausreicht, neue Wege der Verkündigung zu suchen, ohne zugleich die bestehenden kirchlichen Macht- und Entscheidungsstrukturen grundlegend zu hinterfragen. An anderer Stelle betont das Dikasterium, die Kirche müsse "synodaler und missionarischer" werden und die Begabungen der Gläubigen fördern. Entscheidend dürfte nicht nur sein, wie die Kirche ihren Glauben vermittelt, sondern auch, wie glaubwürdig sie selbst handelt – und wie viel Veränderung sie dabei zulässt.

kna-katholisch-swarm-node2 (0.002s)