Vatikanisches Jahr der Trennungen
Das Jahr 2017 im Vatikan bot viel Spektakuläres und Ungewöhnliches. Nicht zuletzt weil es ein Jahr der Trennungen war. Vor allem zwei Personalien, die in der jüngeren Kirchengeschichte ihresgleichen suchen, dürften in Erinnerung bleiben: Im Juni trennte sich Papst Franziskus von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation. Bereits im Januar musste der Großmeister des Malteserordens, Matthew Festing, auf Drängen des Papstes seinen Hut nehmen. Beide Entscheidungen bargen kirchenpolitischen Sprengstoff. Ultrakonservative Kritiker hielten dem Papst einen diktatorischen Regierungsstil vor.
Müllers Mandat war von Franziskus nach Ablauf von dessen fünfjähriger Amtszeit nicht verlängert worden. Gründe für diese ungewöhnliche Entscheidung hatte der Vatikan nicht genannt. Müllers eigene Erklärungen für seinen Abschied blieben widersprüchlich und teils schwer nachvollziehbar. Zunächst sagte er, Franziskus wolle die Leiter vatikanischer Behörden nun generell nur noch fünf Jahre im Amt belassen. Spätere Äußerungen erweckten hingegen den Eindruck, als mache er das Umfeld des Papstes für den Vertrauensentzug durch Franziskus verantwortlich.
Festing zum sofortigen Rücktritt gedrängt
Beobachter verwiesen darauf, dass Müller Franziskus in der Debatte über das päpstliche Schreiben "Amoris laetitia" nicht immer mit dem Nachdruck in der Öffentlichkeit verteidigte, den man von einem der wichtigsten Mitarbeiter des Papstes eigentlich erwarten würde. Als weiteres mögliches Motiv sahen sie eine mangelnde Kooperationsbereitschaft Müllers mit anderen Kurienbehörden.
Wie dem auch sei: Während der Papst Müller einen sanften, halbwegs würdevollen Abgang ermöglichte, wurde er im Fall von Matthew Festing unbequem: Er drängte den Großmeister des Malteserordens zum sofortigen Rücktritt. Damit beendete er einen monatelangen Machtkampf an der Spitze des geistlichen Ordens, dessen Höhepunkt die Absetzung des deutschen Großkanzlers des Ordens, Albrecht von Boeselager, durch Festing war. Dass es hierbei nicht nur um die Verteilung von Kondomen durch den Malteseroden in Myanmar ging, und den Vorwurf, Boeselager habe davon gewusst, aber nichts dagegen unternommen, war schnell klar. Inwieweit der Machtkampf jedoch auch mit unterschiedlichen kirchenpolitischen Positionierungen zum Pontifikat von Franziskus innerhalb des Ordens zu tun hatte, lässt sich auch knapp ein Jahr später nicht zuverlässig einschätzen.
Doch vor allem für die Ortskirchen gab es 2017 auch Erfreuliches aus dem Vatikan. Seit seinem Amtsantritt hatte Franziskus wiederholt die Ansicht geäußert, dass Rom nicht alles entscheiden müsse und die nationalen Bischofskonferenzen mehr in eigener Regie entscheiden sollten. Doch bisher waren dies nur Worte geblieben, auf die sich die Bischofskonferenzen selbst einen Reim machen mussten. Mit seinem Erlass zu den Übersetzungen liturgischer Bücher in die Landessprachen hat Franziskus im September 2017 erstmals erweiterte Kompetenzen der Bischofskonferenzen kirchenrechtlich festgeschrieben: Fortan sind die Bischofskonferenzen für die Übersetzungen verantwortlich, der Vatikan mischt sich nicht mehr in den Prozess selbst ein, sondern beschränkt sich auf die Endabnahme.
Folgenschwerste kirchenrechtliche Neuerung von Franziskus
Damit stellt sich auch für den deutschsprachigen Raum die Frage nach einer Neuübersetzung des Messbuchs, die 2013 wegen unüberwindbarer Differenzen mit dem Vatikan von der Deutschen Bischofskonferenz ausgesetzt worden war. Dieser Erlass mit dem Titel "Magnum principium" war nach der Reform der Ehenichtigkeitsverfahren und der Haftbarmachung von Bischöfen, die ihre Sorgfaltspflicht im Kampf gegen sexuellen Missbrauch vernachlässigen, die bislang wohl folgenschwerste kirchenrechtliche Neuerung im Pontifikat von Franziskus.
Bisher hatte der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation "Amoris Laetitia" in Schutz genommen. Doch nun sieht Kardinal Müller theologische Defizite – und greift zu einem drastischen Vergleich. (Artikel vom Dezember 2017)
Die Stärkung der Ortskirchen ist auch ein zentrales Anliegen der Kurienreform. Dieses Mammutprojekt von Franziskus kam im zurückliegenden Jahr auf die Zielgerade. Dreiviertel der Reform seien bereits geplant, teilte der Sekretär des Kardinalsrats zur Kurienreform, Bischof Marcello Semeraro, im September mit. Anders als in den Vorjahren wurde 2017 jedoch keine weitere neue Großbehörde errichtet. Die bedeutsamste Neuerung war die Schaffung einer eigenen Abteilung für die Diplomaten des Heiligen Stuhls im Staatssekretariat. Die für den einfachen Katholiken sichtbarste Neuerung war hingegen die Inbetriebnahme des neuen vatikanischen Nachrichtenportals "Vatican News" im Dezember.
Während die Meinungen darüber, ob es klug war, den etablierten Markennamen "Radio Vatikan" zugunsten von "Vatican News" weitgehend aufzugeben, auseinandergehen, steht eine Gewinnerin der Kurienreform 2017 fest: die Frau. Franziskus löste die von ihm selbst geschürten Erwartungen ein und ernannte für die 2016 errichtete Behörde, die Laien, Familien und Lebensschutz verantwortet, zwei Frauen zu Untersekretärinnen, die italienische Bioethik- Professorin Gabriella Gambino und die italienische Kirchenrechtlerin Linda Ghisoni. Sie sind für die Bereiche Laien und Leben zuständig und stehen an dritter Stelle in der behördeninternen Hierarchie.
Dass Franziskus selbst unzufrieden ist mit den Fortschritten seiner Kurienreform, machte er in seiner diesjährigen Weihnachtsansprache mehr als deutlich, als er darüber klagte, dass Reformen in Rom durchzuführen so sei, wie eine ägyptische Sphinx mit der Zahnbürste zu putzen.
Drei personelle Verlusste im wirtschaftlichen Bereich
Unzufrieden dürfte der Papst vor allem mit den Fortschritten im wirtschaftlichen Bereich sein. Hier kamen ihm im vergangenen Jahr gleich drei Schlüsselfiguren abhanden. Der Präfekt des Wirtschaftssekretariats, Kardinal George Pell, ließ sich beurlauben, um sich in seiner Heimat Australien in einem Prozess wegen Vertuschung von sexuellem Missbrauch zu verteidigen. Der oberste vatikanische Wirtschaftsprüfer, Libero Milone, wurde im Juni regelrecht rausgeschmissen, auch wenn offiziell zunächst von einer Trennung in "gegenseitigem Einvernehmen" die Rede war. Schließlich wurde Ende November der stellvertretende Leiter der Vatikanbank IOR entlassen, Giulio Mattietti.
Im Ausland ließ sich Franziskus 2017 seltener blicken. Nach sechs Reisen im Vorjahr, unternahm er in den vergangen Monaten nur vier: nach Ägypten, Portugal, Kolumbien sowie zuletzt nach Myanmar und Bangladesch. Besonders die Besuche in Ägypten und Myanmar waren wegen der schwierigen Situation der dortigen katholischen Minderheiten und der diktatorischen Regierungsmethoden der Machthaber heikel. Der Papst mahnte zwar in beiden Ländern Menschenrechte an, mied aber zur Enttäuschung mancher Beobachter eine allzu direkte Konfrontation mit den Machthabern.
Schlussstrich unter die Debatte über "Amoris laetitia"
Abgesehen von den päpstlichen Reisen ist auch die Russland-Reise von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erwähnenswert. Es war die erste eines Kardinalstaatsekretärs seit 18 Jahren.
Schließlich dürfte 2017 auch als das Jahr in die Annalen des Heiligen Stuhls eingehen, in dem zumindest ein offizieller Schlussstrich unter die Debatte über "Amoris laetitia" gesetzt wurde. Franziskus ließ seinen Brief an argentinische Bischöfe zu deren Auslegung des Schreibens zum authentischen Lehramt erklären und in den Akten des Apostolischen Stuhls veröffentlichen – die gedruckte Fassung erscheint allerdings erst 2018. Damit ist nun verbindlich festgelegt, was für die meisten ohnehin schon klar war, konservative Kritiker des Papstes aber nicht anerkennen wollten: dass wiederverheiratete Geschiedene laut kirchlichem Lehramt im begründeten Einzelfall die Kommunion empfangen können.
Auch im Vatikan war 2017 das Jahr des ökumenischen Reformationsgedenkens. Allein dreimal war der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, beim Papst zu Gast. Der "weitere Schritt vorwärts" von dem der Papst im Februar gesprochen hatte, blieb jedoch im Dialog zwischen Vatikan und Protestanten aus. Wer sich von Franziskus eine Annäherung in der Frage des gemeinsamen Kommunionempfangs gemischtkonfessioneller Paare erhofft hatte, wurde enttäuscht. Für sie war es wohl ein schwacher Trost, dass der Vatikan Luther erstmals mit einer eigenen Briefmarke ehrte und das Konterfei des Papstes von den vatikanischen Euro-Münzen verschwand.
Im Vatikan passierte in den vergangenen zwölf Monaten so viel, dass gar nicht auffiel, was diesmal fehlte: 2017 war nach 2014 das zweite Jahr im Pontifikat von Franziskus, in dem er kein größeres päpstliches Schreiben veröffentlichte.