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Exegeten üben sich vor der Veröffentlichung des Familienpapiers in Wortklaubereien

Welche Liebe ist gemeint?

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Marmorstatue einer nackten Venus in einem römischen Museum.
Bonn - Noch ist wenig über das Abschlusspapier zur Familiensynode bekannt. Doch schon der Titel lädt zur Exegese ein: Bei "Amoris laetitia" müsste es doch um die Liebe und die Lust gehen, oder? Das fragt sich die Vatikan-Kolumne "Franz & Friends" heute.

Bei Papst Benedikt XVI. hieß es noch Deus Caritas est und eben nicht "Deus amor est". Gewiss wird auch Franziskus wie Benedikt den Facettenreichtum des Wortes "Liebe" ausschöpfen. Aber bei amor geht es auch um Lust und Liebe, nicht nur um Luft und Geist. Nun gibt es schon manches Gerede vor der Veröffentlichung. Kardinal Walter Kasper warnt vor zu hohen Erwartungen. Das macht man dann, wenn damit wenigstens die niedrigsten Erwartungen erfüllt werden. Andere deutsche Theologen sind schon mal prophylaktisch enttäuscht. Der Mainzer Moraltheologe Stephan Goertz sagt: "Es wäre bitter, wenn sich durch das Schreiben alle die bestätigt sähen, die die Hoffnung aufgegeben haben, dass sich die katholische Kirche in ihrer Morallehre als lernfähig erweist." Die riesengroße Hoffnung wird da deutlich.

Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), Ludwig Ring-Eifel, versucht, seine Vorab-Analyse auf Twitter-Länge zu bringen: "Much ado, but not about nothing", zwitschert er – und benennt den amerikanischen Vatikan-Experten John Allen als Kronzeugen. Doch schon Shakespeare wusste es besser: Der Lärm um die Liebe ist eben nicht so nichtig, wie es scheint.

Freude, Lust, oder gar "keusche Freude"?

Laetitia wird jetzt bei der KNA mit "Freude" übersetzt. Das ist natürlich nicht falsch. Aber heikel. Es ist eben nicht weit hergeholt, laetitia mit "Lust" zu übersetzen, das lässt sich nicht als übertrieben abtun. Der Kleine Stowasser, das Lateinwörterbuch, bietet die Übersetzung "grundlose" oder "bedingungslose Freude" an. Wenn aber die Freude an der Liebe bedingungslos ist, dann ist sie eben nun mal nicht einzig und allein auf das Kinderkriegen ausgerichtet.

Das wusste der heilige Thomas von Aquin schon längst, in der Kirche ließ man es nur in Vergessenheit geraten. Was das nun konkret, also praktisch und moraltheologisch, heißt, ist noch offen. Auf jeden Fall kann amoris laetitia nicht "über die Liebe in der Familie" heißen. So lautet allerdings der offizielle Untertitel.

Weniger klassisch gebildete Menschen kennen laetitia vor allem als Vornamen. Die französische Schauspielerin, die als Ebenbild der Büste der Marianne in allen französischen Rathäusern stand, heißt Laetitia Casta. Ähnlich wie die Marianne hat auch sie mal eine Brust entblößt, was nicht gerade katholisch ist. Die Kirche predigt Keuschheit, weswegen ein päpstliches Schreiben eigentlich "die keusche Freude" hätte heißen müssen. Das hieße dann ins Lateinische übertragen allerdings: laetitia casta. Damit wäre die Verwirrung perfekt. Da lässt doch der abgewandelte Shakespeare grüßen. Viel Lärm, aber nicht um nichts.

Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

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